Gedanken zum Sonntag Estomihi

Nachricht 14. Februar 2021

Themapredigt zu „Schuld und Vergebung“

Liebe Schwestern und Brüder,

„Landrat Einhaus vorzeitig geimpft“. „Peiner Impfärger: Erster Kreisrat und Landrat hart kritisiert“. „Impf-Vordrängler – Massive Kritik an Einhaus und Heiß“, so oder ähnlich war auf Titelseiten von Medien in der letzten Woche zu lesen. Und in den Artikeln dazu dann Stimmen und Stimmungen und - für mein Empfinden - auch Stimmungsmache.

Um es klar zu sagen: Ich halte den Vorfall der vorzeitigen Impfung der beiden Spitzenbeamten des Landkreises für eine menschliche und mitmenschliche Fehlleistung. Bei mir hat die Nachricht eine Mischung aus Enttäuschung, Traurigkeit und Verärgerung ausgelöst. Und die Frage: Warum fällt es Menschen eigentlich so schwer, zu einem Fehlverhalten ohne Wenn und Aber zu stehen? Mich ärgert es, wenn eigenes Fehlverhalten doch noch irgendwie verstehbar und erklärbar gemacht werden soll; wenn man sich irgendwie rausreden will; wenn Gründe aufgeführt werden, warum das Verhalten vielleicht doch nicht ganz so schlimm war. Mich ärgert auch, wenn Parteifreunde beispringen und dazu beitragen, das Fehlverhalten zu relativieren und zu verharmlosen. Ob das irgendjemandem hilft? Wir sind angesichts „Corona“ derzeit in einer hoch emotionalen Situation, wo jeder wissen sollte, dass jeder Grund, der für die Inanspruchnahme eines vorzeitigen Impfens angeführt werden könnte, durch ein Mehrfaches anderer Gründe, warum das nicht gut ist, in Frage gestellt und zu Recht überstimmt wird.

     Ich möchte aber auch klar sagen: Mich ärgert auch, wenn Menschen über Mitmenschen den Stab brechen und ein aktuelles Fehlverhalten zum Anlass nehmen, um Menschen in ihrer Persönlichkeit und ihrem beruflichen Wirken überhaupt in Frage zu stellen. Auch Landrat und erster Kreisrat sind als Menschen und in ihrem Beruf in positiver Weise viel, viel, viel mehr als die jetzige Fehlleistung.

     Wir möchten „uns in aller Form entschuldigen“, so war über die Zeitung auch von den beiden Spitzenleuten des Landeskreises über die Zeitung zu hören. „Ich entschuldige mich“ – so sagen immer wieder Menschen in Anbetracht von Fehlern, die sie gemacht haben. Ich denke, die klarere und richtigere Formulierung müsste lauten: „Ich bitte um Entschuldigung“. „Wir bitten um Entschuldigung“. Kein Mensch kann sich selbst entschuldigen. Eine Entschuldigung kann denen, die sich falsch verhalten haben, nur zugesprochen werden von denen, die von diesem Fehlverhalten betroffen sind. Würden Landrat Einhaus und Kreisrat Heiß ohne Wenn und Aber, ohne jedweden Versuch der Schönfärberei des Verhaltens, so vor die Öffentlichkeit treten, so wäre für mich ganz klar: Ich würde die Bitte um Entschuldigung annehmen. Ich würde das Fehlverhalten verzeihen. Ich würde sie nicht auf das Fehlverhalten reduzieren und festnageln. Zum einen: Weil ich gewiss bin, dass sie anders, nämlich in guter Weise sprechen und handeln können, und das auch auf vielfache Weise schon gezeigt und getan haben. Zum anderen: Was erwarten, was hoffen denn wir selbst eigentlich von anderen, wenn wir uns in irgendeiner Weise falsch verhalten und dadurch Schaden angerichtet haben? Wollen wir dann, dass man mit Fingern auf uns zeigt, uns anprangert, dass wir als Menschen reduziert werden auf das Fehlverhalten, dass man uns für schlechte Menschen hält, dass man uns mit Worten zerreißt und niedermacht? Ich wünschte mir, dass man barmherzig mit mir umgeht, und mir eine neue Chance gibt. Und was ich mir selbst erhoffe angesichts eines Fehlverhaltens, das möchte ich auch anderen gewähren, wenn sie Fehler machen.

     Wenn Menschen ehrlich sind, werden sie wahrnehmen: Es klafft immer wieder eine mehr oder weniger große Kluft zwischen dem, wie wir in guter Weise sein und handeln könnten, und der Art und Weise, wie wir dann tatsächlich sind und handeln. Keiner ist fehlerfrei! Wir leben von Barmherzigkeit und von der Bereitschaft zum Vergeben. Eine Bitte des Gebetes Jesu, das die Christen der Welt miteinander verbindet, bringt das in besonderer Weise zum Ausdruck. Da heißt es im Vaterunser mit Blick auf Gott: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“ (Matthäus 6, 12) Es ist die Bitte, Gott möge nachsichtig, barmherzig, verzeihend mit uns umgehen in Anbetracht unserer kleinen und großen Lieblosigkeiten, statt uns abzuschreiben, zu verurteilen oder abzuurteilen. Und diese Bitte ist getan in Vertrauen und Gewissheit, dass Gott ohne Wenn und Aber barmherzig ist und keinen Menschen als unverbesserlich abschreibt. Und darum mögen wir es ihm gleichtun und denen vergeben, die sich uns gegenüber falsch verhalten haben, und einen Neuanfang im Miteinander ermöglichen. Dazu gehört natürlich auch die Aufarbeitung von Fehlverhalten.

     Vielleicht fällt es Menschen schwer, zu eigenem Fehlverhalten zu stehen, weil sie ahnen und wissen: Andere werden uns unbarmherzig kritisieren und mit dem Finger auf uns zeigen. Nehmen wir den barmherzigen Gott ernst, kann es helfen, kritisch zu eigenem Fehlverhalten zu stehen, es nicht schön zu reden, sondern ohne Wenn und Aber zuzugeben, es aufzuarbeiten  und einen besseren Weg zu beschreiten. Von Gott wird die Bitte um Vergebung erhört. Er schenkt sie uns als seinen Geschöpfen und ermöglicht so Neuanfänge. Von seiner Barmherzigkeit, davon, dass Gottes Herz für uns, uns zugute schlägt in Zeit und Ewigkeit, leben wir. Amen.          

Superintendent

Dr. Volker Menke
Luisenstr. 15
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244440