Nachgedacht

„So Gott will und wir leben.“ Kennen Sie diese Redewendung und vielleicht sogar auch die lateinische Entsprechung „Deo volente“? Mit dieser sogenannten Devo­tionsformel wurde bereits in vorchristlicher Zeit eine zukunftsbezogene Absicht unter den Vorbehalt des göttlichen Willens gestellt. Und auch heutzutage wird sie keinesfalls nur innerhalb des Christentums gebraucht. So findet sich z. B. im arabischen Sprachraum der (entsprechende) Ausruf „Inschallah“. Im Neuen Testament finden wir die entsprechende Aussage im Jakobusbrief 4,15: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“ Daraus hat sich die Redewendung „sub conditione Jacobi“, also „unter dem Vorbehalt des Jakobus“ entwickelt. Einer Grußformel am Ende von Briefen, wie z.B. „Bis wir uns wiedersehen“, wird daher manchmal die Abkürzung s.c.J. hinzugefügt.

In vielen Fällen war dieser Hinweis „s.c.J.“ nicht mehr als eine rhetorische Floskel. Auch wenn alles Sein und Werden unter diesem Vorbehalt steht, haben wir im normalen Alltag wenig Bezug dazu. In der Vergangenheit habe ich den Vorbehalt nur bei sehr weit im Voraus geplanten Terminen genutzt, so z. B. wenn wir den neuen Konfirmanden zwei Jahre im Voraus den Konfirmationstermin bekannt gaben. Zurzeit habe ich allerdings viel öfter als vor der Corona-Pandemie das Bedürfnis, diese Formel in meine Aussagen mit einzubauen. Das hat zum einen praktische Gründe: Keiner weiß, wie sich die nächsten Wochen und Monate gestalten werden. Planungen werden immer nur unter dem Vorbehalt in Angriff genommen, dass die dann geltenden Bedingungen die Durchführung zulassen. Das macht mich manchmal ziemlich ratlos, bedürfen manche Dinge doch einer frühzeitigen und sorgfältigen Planung, wenn sie gelingen sollen. Aber im Moment ist eben vor allem Flexibilität und Spontanität gefragt.

Dass mir s.c.J. öfter als bisher auf den Lippen liegt, liegt zum anderen an dem, was mich die momentane Situation lehrt: Sie lehrt mich Demut, lehrt mich, dass nichts im Leben selbstverständlich ist, sondern dass so viele Faktoren unverfügbar sind und menschliche Voraussicht begrenzt ist. Diese Tatsache passt nur schwer in eine Welt, in der alles auf ein permanentes reibungsloses Funktionieren ausgelegt ist. In so einer Welt bleibt oft nicht ausreichend Raum, die Zerbrechlichkeit des Lebens auf der Erde zu bedenken. Das bringt ein enormes Risiko mit sich. Wer hätte es z. B. noch vor kurzem für möglich gehalten, dass der Lauf der Welt durch das Auftreten eines gefährlichen Virus quasi „angehalten“ werden könnte?

Wenn ich aber „s.c.J.“ in meine Planungen, in all mein Handeln, miteinbringe, dann vertraue ich alle Unsicherheiten dieser Zeit einem anderen an. „So Gott will“ bedeutet, mit der tröstlichen Perspektive zu leben, dass die Zukunft und insbesondere die geplanten Ereignisse dem Willen Gottes unterliegen. Es bedeutet, die Hoffnung zu haben, dass sich das Leben unter Gottes Schutz in die richtige Richtung entwickeln wird. Es bedeutet, auch mein zerbrechliches Leben Gott anzuvertrauen. Probieren Sie es aus!

Gott gebe uns in diesem Sinne einen klaren Verstand und ein ruhiges Herz für diese Zeit!

Bleiben Sie behütet und gesund,

Ihre Pastorin Heidrun Gunkel

 

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Tel.: 05171 – 80244451