Gedanken zu Sonntag Sexagesimae

Nachricht 20. Februar 2022

Liebe Gemeinde,

Worte begegnen uns in ganz verschiedenen Kontexten und in ganz unterschiedlicher Form. Worte begegnen uns jeden Tag, prasseln von den verschiedensten Seiten auf uns ein, verfolgen die unterschiedlichsten Absichten.

„Ich kann heute leider doch nicht vorbeikommen.“, „Sonnige Grüße aus Südafrika.“, „Mach weiter so, das wird gut werden.“ „Wir warnen vor orkanartigen Böen. Bleiben Sie, wenn möglich, zuhause.“ – „Im Übrigen müssen wir noch einmal nachdenken, ob wir das so weiterführen können.“ - „Wohnst du noch oder lebst du schon? (Ikea)“.

Worte begegnen uns viele. Und manche dieser Worte bewegen uns mehr als andere, lösen ganz unterschiedliche Reaktionen aus: Eine Kurznachricht macht uns traurig. Ein Urlaubsgruß auf einer Postkarte lässt uns die Sonne auf unserer Haut nachspüren. Eine Motivation hilft uns, durchzuhalten. Eine Schlagzeile der Tageszeitung lässt uns schlucken. Eine Nebenbemerkung zum Ende eines Gesprächs beschäftigt uns noch lange. Ein Werbeslogan auf einem Plakat fesselt unsere Aufmerksamkeit.

Worte können so viel, wenn sie uns bewegen: fördern oder fordern, trösten oder ärgern, in Schwung bringen oder lähmen, den Weg weisen oder zurückweisen. Worte machen etwas mit mir, sie lassen mich nicht kalt. Und manchmal wirken Worte sogar ein Leben lang nach.

Menschen erzählen, auch am Lebensende, von Worten, die sie in ihrem Leben geprägt haben. Ein persönlicher Satz oder ein grundsätzliches Motto. Von Eltern, Großeltern, Lehrern, Lehrmeistern, Professoren oder Kollegen mit auf den Weg gegeben.

Wie so viele Worte in unserem Leben will auch das Wort Gottes bewegen. Davon hören wir in unserem heutigen Predigttext. Er stammt aus dem 4. Kapitel des Hebräerbriefs. Die Christen, an die dieses Schreiben zuerst gerichtet war, waren unaufmerksam und ungeduldig geworden in ihrem Glauben. Unter ihnen traten starke Ermüdungserscheinungen auf, so dass einige den Gemeindeversammlungen fernblieben. Und sie hatten Zweifel an der Gültigkeit der Verheißungen Gottes. Der Verfasser des Schreibens sieht die Gefahr, dass sie ihre Glaubenszuversicht wegwerfen. Deshalb bietet er all sein ausgeprägtes rhetorisches Geschick auf, um sie zu bewegen, an Gottes Wort, das offenbart wurde in Jesus Christus, festzuhalten. Denn wer an Gottes Wort festhält, dem steht der Himmel offen. Deshalb gilt es durchzuhalten und nicht gleichgültig zu werden. So ist dieses neutestamentliche Buch, der sogenannte Hebräerbrief, dann auch weniger ein Brief als vielmehr eine Mahnrede. Weil der Verfasser in großer Sorge um die Adressaten des Schreibens und deren Beziehung zu Gott ist, will er ihnen Orientierung geben auf das verheißene Ziel hin. Er will, dass sie ihren Blick wieder auf die biblische Überlieferung und ihre Ohren wieder ausschließlich auf Gottes Wort ausrichten.

In den wenigen Zeilen unseres heutigen Predigttextes beschreibt der Verfasser die Wirkmächtigkeit des Wortes Gottes. Da heißt es:

„12 Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. 13 Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft geben müssen.“

 

Das sind drastische Worte, die den Leser erschrecken können und wohl auch sollen. Zwei Bilder werden hier genutzt, um die Wirkmächtigkeit des Wortes Gottes zu beschreiben.

Da ist zunächst das Bild vom scharfen Schwert, das in unser Inneres hineinschneidet und auf diese Weise alles offenlegt. Bei diesem Vorgang aufkommender Schrecken und Schmerz werden hier nicht näher thematisiert, es geht um das Offenlegen des Innersten des Menschen.

An dieser Stelle knüpft das zweite Bild an. Dem Richter der Gedanken und des Herzens ist nichts verborgen von dem, was in uns ist. Das Innerste des Menschen soll offenbar gemacht werden.

In diesen starken Bildern wird deutlich, dass es einschneidende und aufdeckende Konsequenzen hat, sich auf Gottes Wort einzulassen, denn dieses wird alles durchdringen, es will durchdringen zum Herzen. Sich darauf einzulassen, setzt starkes Vertrauen voraus und die Gewissheit, dass dieses Vorgehen mir zum Besten dient. Und dass nicht im Vordergrund steht, zu verletzen und Schaden zuzufügen. Sondern es geht um nichts weniger als das, worum der Hebräerbrief in seiner Gänze wirbt: um die verheißene und versprochene Ruhe in Gott. Sie wird denen gewährt, die auf Gottes Wort hören. Ruhe bedeutet an dieser Stelle das bedingungslose Angenommenwerden und Angekommensein. Die Hörer des Wortes Gottes werden in die erlösende Hoffnung des Glaubens hineingeführt werden. Zuvor aber führt das Wort Gottes zum unverstellten Blick auf das Innerste des Menschen, zu dem, was Gedanken und Sinne des Herzens Tag und Nacht beschäftigt. Nur so wird ersichtlich, was klar und deutlich zur Sprache gebracht werden muss, damit ich ganz zur Ruhe kommen kann. Gott will uns auf diese Weise für sein Reich herrichten, nicht etwa uns hinrichten. Gott sagt dabei sein wichtigstes Wort zu einem jeden von uns. Es heißt: Ich sorge für dich, du bist geliebt.

 

Auch das Wort Gottes begegnet in verschiedenen Kontexten und in unterschiedlicher Form. Wann, wo und unter welchen Umständen das Wort Gottes in solch einschneidender Weise wirkt, darauf legt sich der Verfasser des Hebräerbriefes nicht fest und das bleibt, so können wir es auch heutzutage nicht anders sagen, letztlich unverfügbar. Aber gerade deshalb ist es wichtig, für das Wort Gottes hellhörig und sensibel zu bleiben, damit es durch die vielen anderen Stimmen und Worte, die in unserem Alltag auf uns einströmen, nicht überdeckt wird, sondern Gehör finden und unser Herz erreichen kann.

 

Das Wort Gottes kann uns auf vielerlei Weise erreichen, dann und wann tut es dies in einem Bibelvers. Ob der eine erst in einer konkreten Situation von solch einem Wort bewegt wird, oder die andere sich bereits länger von einem solchen Vers getragen weiß.

Nicht von ungefähr werden zu wichtigen Ereignissen unseres Lebens, z.B. zu Taufe, Konfirmation und Trauung Bibelverse ausgesucht, die diesen Weg begleiten, ja mitgehen.

Vielleicht fällt Ihnen gerade ein Bibelvers ein, der für Sie wichtig ist. Es gibt so viele Beispiele:

„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ „Du verstehst meine Gedanken von Ferne.“  „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“ „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer.“

Amen

 

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine