Gedanken zum Sonntag Septuagesimä

Nachricht 13. Februar 2022

Predigt zu Jeremia 9,22-23

22So spricht der Herr: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. 23Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der Herr.

Liebe Schwestern und Brüder,

was bringt einen Menschen dazu, mit über 400 Stundenkilometern über die Autobahn zu rasen? So hat es unlängst auf der A 2 ein Millionär aus Tschechien mit seinem Auto gemacht und die Fahrt ins Internet gestellt. Ich denke, er wollte sich selbst und anderen einmal zeigen, was er kann und hat. Was für ein Super-Auto, keiner hält mit, selbst die Polizei würde er abhängen und eine hohe Geldstrafe aus der Portokasse bezahlen. Dieser Millionär schrieb auch noch: „´Wir danken Gott für die Sicherheit und die guten Umstände, da wir die Geschwindigkeit von 417 km/h erreichen konnten!`“ Dieser Satz grenzt, meine ich, durchaus an Gotteslästerung. Denn man kann jene Fahrt ja auch so sehen: Was für eine Überheblichkeit, was für eine Rücksichtslosigkeit, was für eine mögliche Gefährdung des Lebens auch von anderen, und was für eine Umweltverschmutzung, ein Ausstoß von Schadstoffen bei so einem Tempo!

     Immer wieder kann man auch von sogenannten „Autoposern“ hören. Sie setzen sich mit ihren PS-starken Fahrzeugen in Pose und veranstalten miteinander illegale Rennen, öfter auch in städtischem Gebiet, gelegentlich mit tödlichem Ausgang für Unbeteiligte. Was treibt Menschen dazu, „Autoposer“ zu werden?

     Vor Jahren schon gab es eine Sparkassenwerbung. Triumphierend und stolz präsentiert da jemand einem anderen, was er erreicht hat und sich leisten kann: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot.“

     Was bringt Menschen dazu, an Fernsehformaten teilzunehmen wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany´s next Topmodel“? Die Titel der Sendungen geben eigentlich schon die Antwort: Ja, wenn´s ginge, würde man gerne groß rauskommen, ein Star werden, top sein, also oben stehen in der Unterhaltungs- oder Modebranche oder vielleicht auch auf anderem Gebiet.

     Jetzt bei Olympia geht es für viele darum, möglichst weit oben auf dem Siegerpodest zu stehen. Immer wieder wird auch ein Blick auf den Medaillenspiegel geworfen. Wer ist die erfolgreichste und die stärkste Nation? Es gab und gibt es ja durchaus, dass auch mit Blick auf die Medaillen ein Staat der Welt zeigen will: Schaut her, was wir geschafft haben und können. Wir sind die Besten.

     All die genannten Beispiele haben eine Schnittmenge: das Bedürfnis von Menschen, Erfolg zu haben, es zu etwas zu bringen, sich einen Namen zu machen und sich Ansehen zu verschaffen, zu zeigen, was man hat und kann. Das kann versteckt oder auch ganz offen in selbstrühmerischer Weise geschehen; man schlägt sich selbst anerkennend auf die Schultern und blickt vielleicht auch auf andere von oben herab. Der heutige Predigttext aus dem Prophetenbuch Jeremia hält eine solche Einstellung und Haltung für nicht angemessen. Von Gott her heißt es da: „So spricht der HERR: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.“ (Jer. 9,22)

     Es gibt aber auch eine Form spielerischer Freude daran, was man kann, eine Freude daran, wie sich Begabungen und Fähigkeiten entwickeln. Bei Kindern kann man das finden. Von mir gibt es ein Foto, wie ich als kleiner Junge auf einem Kinderfahrrad anderen mit ausgebreiteten Armen vorführe, wie toll ich sogar freihändig fahren kann. Kaum war das Foto gemacht, fiel ich allerdings auf die Nase, doch freihändig fahren kann ich notfalls auch bis heute. Manchmal, wenn ein Kind zeigt, was es kann, wollen andere Kinder das auch nachmachen. „Guck mal, das kann ich auch.“ Oder: „Guck mal, ich kann noch was anderes.“ Und stolz führt man es vor. Das hat etwas Spielerisches. Spielerische Freude, wie Gaben, Fähigkeiten, Möglichkeiten, die ein Mensch hat, sich entwickeln. Dafür sind Begabungen und Fähigkeiten da, dass sie sich entwickeln und in möglichst guter Weise eingesetzt werden können. Aber eben nicht zum Selbstruhm des Menschen und auch ich nicht dazu, dass Menschen auf andere abfällig herabschauen. Denn für einen mit Gott verbundenen Menschen ist klar: Alles, was ich bin und habe, habe ich nicht von mir aus, sondern es sind Geschenke, die Gott mit meinem Leben verbindet. Und darum setze ich sie nicht zum Selbstruhm und zur eigenen Ehre ein, sondern um Gott zu rühmen und zu ehren. Im Predigttext heißt es: „Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin“ (Jer. 9, 23). Und dann folgt, in welchem Sinne die Gaben, Fähigkeiten und Möglichkeiten eingesetzt werden sollen, die Gott einem Menschen schenkt, ja, es werden Gaben genannt, die an erster Stelle stehen sollen und Vorzeichen für alle anderen sind. „Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht der HERR.“ (Jer. 9,23).

     Wenn Gott uns dereinst fragt, was wir eigentlich mit den Gaben, Fähigkeiten und Möglichkeiten gemacht haben, die er uns als Teil unseres Lebens geschenkt hat, wird er vermutlich wenig beeindruckt davon sein, wenn jemand sagt: „Du, ich habe mir einen Super-Sportwagen gekauft und bin damit mit über 400 Stundenkilometern über die Autobahn gerast.“ Es wird ihn vermutlich auch nicht beeindrucken, wenn ihm jemand sagt: „Du, ich bin „Superstar“ oder „Top-Model“ geworden. Ich kann mir vorstellen, dass eine Rückfrage bei all dem, was ein Mensch so gemacht haben mag, lautet: Wie viel Barmherzigkeit hast du dadurch in die Welt gebracht, also wie viel Herz hast du gezeigt, anderen Menschen, den Mitgeschöpfen, der Welt, dem Leben gegenüber? Sind das Recht und also die Regeln für ein gutes Miteinander zum Tragen gekommen? Haben die Gaben, Fähigkeiten und Möglichkeiten, die ich mit deinem Leben verbunden habe, zur Gerechtigkeit beigetragen, also dazu, dass das Leben in der Welt recht, sprich gut, wird? Alles andere ist von nachrangiger Bedeutung oder vielleicht sogar vollkommen unwichtig.

     Von prominenten Leuten spricht man öfter als VIPs. VIP - Abkürzung für „Very Important Person“, übersetzt: „Sehr wichtige Person“. In Gottes Augen ist jeder Mensch ein VIP, ein wichtiger Mensch, damit Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit das Leben durchdringen und erfüllen. Ein Maßstab dafür, wie sich ein VIP Gottes verhält, stellt Gott uns in Jesus vor Augen. Heilend, befreiend, wohltuend, lebensförderlich wendet sich Jesus den Menschen und der Welt zu und unterstreicht mit seinen Worten und Taten Gottes Barmherzigkeit. Die bedingungslose und ewige Zuneigung Gottes ist wahrhaft des Lobens und Rühmens wert. „´Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn`“ so zitiert im 1. Korintherbrief (1. Kor. 1,31) der Apostel Paulus den Propheten Jeremia mit Blick auf das Kommen und die Geschichte Jesu, die aus dem Tod, wo alles nach Untergang und Ende schreit, einen Triumph des Lebens macht. Jeden und jede von uns betrachtet Gott als einen VIP, als einen sehr wichtigen Menschen, wie er mit seiner eigenen Menschwerdung in Jesus unterstrichen hat, und jeden und jede von uns braucht Gott als einen VIP, als einen sehr wichtigen Menschen, durch den das Leben in der Welt an Güte, an Schönheit gewinnt. Unser Leben leuchte, strahle mit dem, was wir sagen und tun, zum Ruhme, zur Ehre Gottes, der es uns schenkt mit vielen Begabungen und Möglichkeiten. Amen.               

Superintendent

Dr. Volker Menke
Luisenstr. 15
31224 Peine