Gedanken zum Sonntag Rogate

Nachricht 09. Mai 2021

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

Darum sollt ihr so beten:
Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. (Matthäus 6,5-15)

 

Schon seit Wochen sind viele Kirchen geschlossen. Wie hast du, wie haben Sie es in dieser Zeit mit dem Beten gehalten? Gar nicht gebetet? Allein gebetet? Und wenn ja: das Vaterunser? Wie? Ganz bewusst, Wort für Wort, Satz für Satz, Sinn um Sinn? Oder einfach im Fluss des Atems, tausendfach eingeübt und darum gewohnt, im immer gleichen Takt, ohne groß auf die Worte zu achten, weil die doch so vertraut sind …

Nein, eine Kirche und ein öffentlicher Gottesdienst, die Gemeinschaft mit vielen andern sind nicht nötig, um zu beten. Wenn es nach dem Jesus der Bergpredigt geht, ist all das sogar eher schädlich. Ab ins Kämmerlein, fordert Jesus. Und das meint nicht einfach nur den Rückzug in den privatesten häuslichen Bereich, um aus dem Gebet keine öffentliche Show-Veranstaltung zu machen. Nein, mit dem Wort „Kämmerlein“ spielt Matthäus auf eine Vorratskammer an, also den Ort, an dem die vorausschauenden Haushälter in guten Zeiten all das einlagern, was in Krisenzeiten benötigt wird, um ohne großen Mangel durch die Not zu kommen.

Um dieses Ortes willen braucht es beim Beten nicht viele Worte: Denn, wer sich in die gefüllte Vorratskammer des Lebens setzt und bittet, der hat direkt vor Augen, was er an Fülle bereits empfangen hat. „Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet“, sagt Jesus. Gerade darum soll ich aber auch beten. Denn wenn ich bete, betrachte ich mich im Lichte Gottes, dem Ursprung und Schöpfer meiner selbst und Geber all meiner Gaben. Ich lebe aus den Gütern der Vorratskammer Gottes. Im Beten verbinde ich mich, trete ich in Beziehung zum Schöpfer und Bewahrer meines Lebens. Mit den wenigen Worten, die Jesus uns gelehrt hat, finde ich den unbeschreiblichen und unbedingten Halt, werde ich ausgerichtet auf etwas anderes hin, als ich mir selber bin und mir selber zu geben vermag. Es sind ja auch nicht meine Worte, die ich bete, sondern geschenkte Worte, Gottes eigene Worte. Sie liegen für mich in der Vorratskammer hinter der Tür bereit, zu der ich die Schlüssel in der Tasche habe.

Im Beten des Vaterunsers richten mich geschenkte Worte auf den Grund meines Daseins hin aus. Im Lichte Gottes lassen sie mich zugleich selber neu erscheinen: als Beschenkten. Im Licht und darum auch mit Schatten. Als der, der ich eben bin. Ich muss nicht besonders sein, muss ich nichts Besonderes leisten oder darstellen. Ich bin, der ich bin, mit meinen ganzen Bedürfnissen und mit meinen Bitten, Gott möge meinen Mangel füllen – mit Gütern seiner reich gefüllten Vorratskammer. So wird das Vaterunser für jeden, der betet, ein sicherer Halt in Zeiten von Not und Mangel, Gefährdung und Fraglichkeit.

Ein schlicht gesprochenes Vaterunser reicht aus, um mich in ein rechtes Verhältnis zu Gott zu setzen. Der Evangelist Matthäus ergänzt, was daraus folgt: Der Wunsch, auch mit anderen in ein rechtes Verhältnis zu kommen. Schuldenfrei. Das Beten des Vaterunsers hat für ihn nur dann Sinn, wenn ein Betender das Verhältnis, in das Gott ihn durch Christus setzt, auch auf seine Mitmenschen anwendet. Auf den und auf die, die mit ihm beten. Und dann ist es doch ganz schön, wenn wir aus dem Kämmerlein wieder herauskommen und uns als Gemeinschaft der Glaubenden in der Kirche versammeln, um zumindest das Vaterunser gemeinsam sprechen zu dürfen.

Pastorin

Beate Lenz
Mödesser Weg 31
31224 Peine
Tel.: 05171 - 59 02 43