Gedanken zum Reformationstag

Nachricht 31. Oktober 2021

Was zählt? Familie? Natur? Zeit? Demut? Verzicht? Gottesdienst?

„Was zählt?“ – dieses Motto des Reformationstages 2021 bezieht sich auf den Bibeltext, der für diesen Tag ausgesucht wurde. Er stammt aus dem Brief, den der Apostel Paulus an die Galater schrieb. In Kapitel 5 schreibt Paulus über die Freiheit in unserem christlichen Glauben. Dabei bezieht er seine Ausführungen auf einen Konflikt, dem er sich gegenübersah und der typisch für seine Zeit war. Damals breitete sich der christliche Glaube erst aus, auch durch die fleißige Missionstätigkeit des Paulus. Er predigte dabei die Freiheit vom Gesetz und machte klar, dass allein der Glaube an Jesus Christus zum Heil führen kann. Wer das Evangelium annehmen und zur christlichen Gemeinde gehören wollte, der musste nicht zuerst Jude werden. Das bedeutete: Auch Nichtjuden bzw. Heiden konnten Christen werden, und zwar ohne sich beschneiden zu lassen und die jüdischen Gesetze einzuhalten. Das war die Meinung des Paulus. Nicht alle Verantwortlichen der ersten christlichen Gemeinden teilten diese Sichtweise. Nachdem Paulus die Gemeinden in Galatien gegründet hatte und weitergezogen war, haben diese Leute in den Gemeinden großen Einfluss gewonnen und wollten ihren nichtjüdischen Brüdern vorschreiben, das jüdische Gesetz einzuhalten und auch die Beschneidung zu vollziehen. Kein Wunder, dass Paulus daraufhin richtig ärgerlich wurde. Das merkt man seinem Brief an die Galater deutlich an. In drastischer Weise macht er darin seine Sichtweise noch einmal klar und fordert auf, alles zu unterlassen, was den Glauben und die Liebe, was die Freiheit und das Leben gefährdet. Die Galater sollten verinnerlichen, was wirklich zählt. So lesen wir aus dem 5. Kapitel des Galaterbriefes:

1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! 2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen.

3 Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. 4 Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. 5 Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. 6 Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

13 Ihr aber, Brüder und Schwestern, seid zur Freiheit berufen. Allein seht zu, dass ihr durch die Freiheit nicht dem Fleisch Raum gebt, sondern durch die Liebe diene einer dem andern. 14 Denn das ganze Gesetz ist in dem einen Wort erfüllt (3. Mose 19,18): »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!«

15 Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet.

 

Dialog

A: Was zählt? Diese Frage wird uns heute am Reformationstag gestellt. Was zählt?

B: „Freiheit“ würde Paulus sagen. Was zählt?

A: „Gnade, Glaube, Christus, Schrift“ würde Martin Luther sagen. Was zählt?

B: Ich vermute, Luther und Paulus wären sich in einem einig: Es zählt: „Die Freiheit im Glauben, der durch die Liebe tätig ist.“

A: Da magst du recht haben. Das ist aber eine ziemlich komplizierte Aussage, die gar nicht so einfach zu erfassen ist. Es geht wohl darum, dass im Glauben eine Freiheit entsteht, die aber gleichzeitig zu einem bestimmten Verhalten führt. Und die anhand der Taten auch erkennbar wird. So haben wir in den Worten des Paulus ja gehört, dass nicht die strikte Beachtung des Gesetzes gerecht macht und zur Seligkeit führt. Aber dennoch soll das Gebot der Nächstenliebe gelebt werden.

B: Ja genau, es ist keine simple Sache. So nach dem Motto, wenn ich das Gesetz erfülle, komme ich in den Himmel. Nein, es ist eher andersherum. Der Glaube an Christus verbindet mich bereits mit dem Himmel. Wenn ich aufgrund meines Glaubens in dieser Verbindung lebe, dann gehört dazu, dass ich in der Liebe handle, die daraus resultiert. Ich finde, das kann man sich gut an Jesus und seinem Wirken klar machen.

A: Das stimmt. Jesus hat aus seiner Verbindung zu Gott, seinem Vater, heraus gewirkt und uns gezeigt, wie wir im Glauben an diesen Gott handeln sollen. Für Jesus zählten die Taten, die aus der Liebe heraus geschahen. Die biblischen Erzählungen über ihn sind sehr eindrücklich: Wie er die Zöllner oder die Ehebrecherin wieder in die Gemeinschaft holte, wie er denjenigen vergeben hat, die ihn im Stich gelassen oder gar verraten haben.

B: Oha, ja, das sind aber auch ganz schöne Ansprüche. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass die gewonnene Freiheit dabei doch wieder etwas verloren geht. Oder liege ich da falsch? Freiheit klingt für mich erstmal nach … Grenzenlosigkeit, klingt danach, tun und lassen zu können, was ich will. Nach einem Leben ohne Verpflichtungen und Zwänge. Dabei habe ich vor meinem Auge so ein Bild von Sonne, Strand und Meer, diese ganze Weite...

A: Freiheit, ja, das klingt erstmal total gut. So einfach, wie es sich anhört, ist es jedoch nicht. Das wird spätestens dann deutlich, wenn ich mir die Fragen stelle: Was mache ich denn nun mit meiner Freiheit? Wovon bin ich frei? Und wozu bin ich eigentlich frei? Diese Fragen muss ich dann ja genauso andersherum stellen: Wovon bin ich nicht frei? Und wozu soll die Freiheit eben gerade nicht dienen?

B: Hm, eine Antwort habe ich für dich, die vielleicht auch Luther heutzutage geben würde: Wir alle verwenden viel Energie darauf, das eigene Leben zu sichern, den eigenen Wohlstand zu mehren, die eigenen Erlebnisse zu steigern und und und… Dabei kann man auch schon mal verzweifeln, wenn etwas nicht so gelingt, wie ich mir das vorstelle. Es ist ja auch ein riesengroßer Anspruch, für das eigene Glück in vollem Umfang selbst verantwortlich zu sein. Von diesem Anspruch und dem Gefangensein in der Sorge um mich selbst, das damit verbunden ist, davon befreit uns der Glaube.

A: Du meinst, weil ich dann darauf vertraue, dass ich mich nicht alleine abmühen muss, sondern dass ein anderer seine Hand über mich und mein Leben hält?

B: Ja, und auf diese Weise wird in mir eine Energie frei, die sich auf anderes und andere richten kann. Ich finde jedenfalls erstaunlich, zu welchen Änderungen im Verhalten die Einschränkungen der Corona-Zeit an vielen Stellen geführt haben. Hast du auch bemerkt, wie viele sich selbst zurücknehmen und das Wohlergehen derjenigen in die vorderste Reihe stellen, die besonders gefährdet oder verletzlich sind? Erinnert uns das nicht an jemanden?

A: Sicher. Wir Menschen können aber auch nicht einfach alles Gott bzw. Christus überlassen. Schließlich haben wir Menschen auch Verantwortung füreinander. Das ist tatsächlich etwas, was zählt. Und da wären wir beim Thema: Wie passt das denn nun zu den Aussagen, die wir vorhin als exemplarische Stimmen aus drei Generationen gehört haben? Oder mehr noch: Passt das überhaupt zusammen?

B: Das ist heute wohl die zentrale Frage. Und ich finde, die besprochenen Begriffe führen uns auf eine Spur. Zum Beispiel habe ich in allen Statements gehört, dass Familie sehr wichtig ist. Zusammenhalt und Unterstützung, Liebe und Geborgenheit. Und dazu gehört auch, Konflikte zu lösen. Zusammenleben in der Familie bedeutet auch Rücksichtnahme.

A: Ja, ich weiß ja auch, dass meine Freiheit eine Grenze in der Freiheit des anderen hat. Dass ich meine Freiheit nicht über alle Maßen nutzen sollte, weil ich dadurch das Mit- und Füreinander gefährde oder gar zerstöre.

Interessant fand ich auch die Äußerungen zur Dimension „Zeit“. Für jeden gibt es gute und weniger gute Augenblicke. Und es ist wichtig, sich klar zu machen, wofür man seine Zeit sinnvoll einsetzen möchte, z.B. für die Familie. Zeit sollte als kostbares Geschenk begriffen werden, ein Stück Freiheit mit großer Verantwortung.

B: Auch zum Stichwort Natur habe ich ähnliches gehört: In der Natur kann ich eine große Freiheit spüren, kann durchatmen und genießen, beengende Pflichten eine Zeit lang vergessen, das ist Lebensqualität. Viele haben das durch die eingeschränkten Möglichkeiten der Corona-Pandemie neu entdeckt. Aber gleichzeitig ist klar: Unsere Verantwortung für die Natur verpflichtet uns zu einem Handeln, das auf Schutz und Nachhaltigkeit gerichtet ist.

A: Ich muss mir selbst auch noch einmal ein paar Gedanken zu diesen Begriffen auf dem Würfel machen und überlegen, wie ich die Freiheit und die Verantwortung zur Liebe wahrnehmen kann.

B: Und weißt du was? Es könnte sein, dass dabei sogar die etwas sperrigen Begriffe wie Demut und Verzicht wieder neu wichtig werden. Mir ist deutlich geworden, dass auch sie auf ihre Weise dazu gehören. Dass auch sie unser Handeln prägen sollten.

A: (Lacht) In der Freiheit im Glauben, die in der Liebe tätig ist. Das ist doch wahre Leidenschaft! Findest du nicht?

B: Ja, wir haben die Freiheit, das zu leben, was wirklich zählt!