Gedanken zum Pfingstsonntag

Nachricht 23. Mai 2021

Fünfzig Tage sind seit Ostern vergangen und heute feiern wir das Pfingstfest. Wir feiern, dass sich Jesu Zusage erfüllt hat, die er seinen Jüngern bei seiner Himmelfahrt gegeben hat. Die Zusage, dass er seinen Heiligen Geist senden wird.

Pfingsten – das ist deshalb auch ein besonderer Feiertag für die Gemeinschaft derer, die in diesem Geist leben. Ein besonderer Feiertag der Gemeinde und Kirche Jesu Christi.

Der Evangelist Lukas hat in dem Pfingstbericht der Apostelgeschichte sehr anschaulich vor Augen gemalt, wie der Heilige Geist das erste Mal auf Jesu Jünger herabkam und was er an ihnen bewirkte. Sie verkündeten die großen Taten Gottes und dabei konnten Menschen aus aller Herren Länder sie in ihrer Muttersprache verstehen.

Zu dieser neutestamentlichen Pfingstgeschichte stellt sich heute ein Text aus dem Alten Testament. Es ist die recht bekannte Erzählung vom Turmbau zu Babel. Im 1. Buch Mose heißt es:

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.5 Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8 So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

Üblicherweise wird diese Erzählung, die zu den biblischen Urgeschichten der Menschheit zählt, als Anti-Geschichte zu dem gesehen, was wir an Pfingsten feiern. Die Geschehnisse in Babel und an Pfingsten stehen sich diametral gegenüber: Wo in Babel Zerstreuung geschieht, entsteht an Pfingsten Einheit. Wo in Babel Nicht-Verstehen herrscht, regiert an Pfingsten das Verstehen. Allerdings ist eine Sache bemerkenswert: Die Sprachenvielfalt von Babel wird an Pfingsten nicht etwa aufgehoben, sondern sie bleibt bestehen und wird sogar als Bereicherung wertgeschätzt. Die Ohren der Anwesenden aber werden befähigt, auch fremde Sprachen zu verstehen. Dadurch wird die in Babel entstandene Sprachenvielfalt ins Gegenteil verkehrt, sie wird von einer göttlichen Strafe zu göttlichem Segen.

Es gibt also noch einen anderen Blickwinkel auf die Geschichte vom Turmbau zu Babel: Danach wird Gott als Geber und Garant einer heilsamen Zerstreuung angesehen. Denn durch sein Handeln rettet Gott die Menschen vor der Selbstzerstörung. Dabei geht es nicht etwa darum, die Fortentwicklung des Menschen, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse und kulturellen Errungenschaften aufzuhalten, denn dazu ist der Mensch geschaffen und beauftragt worden. Nein, die drohende Selbstzerstörung ist eine Folge von Maßlosigkeit und Selbstüberschätzung. Die Erzählung macht dies deutlich, wenn es heißt: „Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten.“ Es ist zum Schmunzeln: Die Menschen glauben, sie könnten bis zum Himmel bauen. Und Gott muss sich wie ein Riese zu den Zwergen herabbeugen, um überhaupt sehen zu können, was die Menschen da unten tun. Anschaulicher kann man menschlichen Größenwahn und menschliche Selbstüberschätzung nicht beschreiben.

Indem Gott Grenzen setzt, bewahrt er den Menschen davor, dass dieser sich durch sein Handeln selbst zerstört. Er rettet ihn. Und man kann sagen: Auch das ist eine Art Pfingstereignis, denn auch an dieser Stelle hat Gottes Kraft heilsam gewirkt. An Pfingsten gedenken wir an Gottes Geist, der Kraft und Orientierung schenkt, der tröstet und belebt, Verstehen bewirkt und vereint, der Neues und äußeren wie inneren Frieden schafft. Es ist der Geist der Wahrheit und der Liebe.

Von diesem Gedanken ausgehend lohnt es sich, über gegenwärtige Pfingstereignisse nachzudenken: Türme, die in den Himmel wachsen sollen, die gibt es sowohl im wörtlichen wie im übertragenen Sinne auch heute. Es gibt sie sowohl im privaten Bereich als auch im Bereich von Staat und Gesellschaft. Und selbst die Kirchen sind nicht frei davon. Wo also bauen wir unsere Türme von Babel?

Ein solcher Turm wird gebaut, wenn es heißt: Immer mehr schaffen und erreichen, immer besser die eigene Zeit verplanen. Ob am Arbeitsplatz oder in der Schule, rund um die Uhr. Pfingsten kann dann bedeuten, diese konzentrierte Form des Arbeitens gemäß der von Gott geschenkten Zerstreuung heilsam zu unterbrechen. Zeiten und Orte zuzulassen für scheinbar ertragsfreie Tätigkeiten wie etwa Sport, Musik, Kunst oder einfach nur für geselliges Beisammensein.

Ein solcher Turm wird gebaut, wenn es heißt: Immer höher, immer schneller, immer weiter. Vermeintliche olympische Ziele als unhinterfragte Antreiber der Wirtschaft. Menschen, die genauso angetrieben werden wie die Architekten und Bauarbeiter von Babel. Pfingsten kann dann bedeuten, nicht einfach mitzumachen, sondern zu hinterfragen. Und so die von Gott gesetzten heilsamen Grenzen zu finden.

Ein solcher Turm wird gebaut, wenn die Parole lautet: Immer mehr abgrenzen und Mauern bauen, hinter denen sich Gleichgesinnte verschanzen. Pfingsten kann dann bedeuten, den Blick zu öffnen für andersdenkende und andersglaubende Menschen. Pfingsten kann dann bedeuten, nicht nur uns, sondern auch unsere Umwelt bewusst wahrzunehmen, ohne dabei den christlichen Glauben als Basis unseres Lebens aus dem Auge zu verlieren. Den göttlichen Segen der gesellschaftlichen Vielfalt nicht zu vergessen, kann heilsam sein für unsere christliche Gemeinschaft.

Heute, am Pfingstfest, geht es also nicht nur darum, ein Ereignis von vor zweitausend Jahren zu feiern. Nein, dieser Feiertag fragt auch nach den aktuellen und ganz persönlichen Pfingstereignissen. Danach, wo Gottes Geist jetzt, hier und heute wirkt. Wo er Veränderung, Versöhnung und Gemeinschaft, wo er Hoffnung, Glaubensstärke und Vertrauen schenkt.

Wir werden eingeladen, uns dem Geist Gottes zu öffnen, uns erfüllen und den Geist atmen zu lassen.

Amen

Bleiben Sie behütet – Gott schenke Ihnen ein festes Herz!
Ihre Pastorin Heidrun Gunkel

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451