Gedanken zum Palmsonntag

Nachricht 28. März 2021

Heute ist Palmsonntag. Er steht im Zeichen des Palmzweiges und erinnert uns daran, dass Jesus einst in Jerusalem als König empfangen wurde. Die jubelnde Masse breitete vor Jesus Palmzweige aus. Noch heutzutage finden in Anlehnung an dieses Ereignis in vielen Gegenden Palmweihen und Palmprozessionen statt. Der Palmzweig gilt als Zeichen des siegreichen Königs und der Lebenskraft, die von Gott geschenkt wird. Jesu Einzug in Jerusalem war geprägt von einer fröhlichen Grundstimmung. Doch etwas passte nicht so recht ins Bild: Derjenige, der da als König begrüßt wird, reitet nicht etwa hoch zu Ross und umgeben von Würdenträgern und Eskorten, nein, auf einem Esel zieht er in seine Stadt ein. Ein König, der sich selbst erniedrigt. Der alttestamentliche Text für den heutigen Sonntag aus dem 50. Kapitel des Jesajabuches spricht davon, was das ganz konkret heißen kann. In diesem Text ist von einem Knecht Gottes die Rede, der vieles erdulden und erleiden musste. Er wird an keiner Stelle identifiziert, sodass man nicht genau sagen kann, wer gemeint ist. Der Prophet Deuterojesaja, der diese Worte schrieb, könnte sich selbst gemeint haben. Auch ein Bezug auf das in Knechtschaft lebende Volk Israel ist denkbar. Mose oder David kämen ebenfalls in Betracht. Schließlich wurden diese Texte auf den Retter gedeutet, den das Volk Israel erwartete: den Messias. Deshalb beziehen wir Christen diese Texte über den Knecht Gottes auf Jesus Christus.

„Hosianna“ rufen die am Wegesrand stehenden und mit Palmzweigen ausgerüsteten Menschenmengen Jesus begeistert zu. Sie nennen ihn ihren König und jubeln aus vollem Halse. Die Stimmung ändert sich jedoch rasch. Dieselbe Menge wird nur ein paar Tage später aus genauso vollem Halse schreien: „Kreuzige ihn“. Und Jesus wird unvorstellbare Schmerzen erleiden und am Kreuz sterben. Der Text aus Jes 50 spricht eben solche leidvollen Erfahrungen an. Er erzählt ganz konkret von ihnen:

„6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.

Der Knecht Gottes gibt sich bereitwillig den Handgreiflichkeiten seiner Gegner hin. Auch Jesus hat dies getan. Er ließ sich schlagen, beschimpfen, anspucken. Er wurde verspottet und ihm wurde eine Dornenkrone aufgesetzt. Im Jesajabuch finden wir auch eine Antwort auf die Frage, wie der dort genannte Gottesknecht solche Erniedrigungen und Schmähungen überhaupt aushalten kann. Er erklärt:

7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. 8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! 9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.“ Mehrfach betont der Leidende die ihm von Gott zuteilwerdende Hilfe. Diese Unterstützung gibt ihm die Kraft, unbeirrt seinen Weg zu gehen. Und diese von Gott geschenkte Stärkung macht ihn darüber hinaus offenbar so mutig, dass er trotzig fragen kann: „Wer will mit mir rechten? Wer will mein Recht anfechten? Wer will mich verdammen?“ Er ist sich sicher, dass seine Feinde nicht den endgültigen Sieg davontragen werden. Er ist sich sicher, dass Gottes Kraft stärker ist als menschliche Gewalt. Und er ist sich sicher, dass er mit Gottes Hilfe alles ertragen und vieles leisten kann. Das bestimmt auch den Weg Jesu, der von Palmsonntag aus vor ihm liegt und am Kreuz enden wird. Er ist ihn im Vertrauen auf Gott, seinen Vater, gegangen. Er hat ihm die notwendige Kraft geschenkt. Das Geschehen am Kreuz aber war letztlich nur der Höhepunkt seines Weges, den er von Beginn an mit Gott gegangen ist. Sein Vertrauen gab ihm schon während seines ganzen öffentlichen Wirkens die Kraft, zu glauben und zu bezeugen, dass mit Gottes Hilfe Dinge geändert werden können. Dinge, die Menschen hilflos, traurig und müde machen können. Deshalb sind die Evangelien voll von Erzählungen, in denen Jesus sich Menschen in Not zuwendet und ihnen helfen kann.

In Jes 50 wird beschrieben, wie Gott zu diesem Zweck verschiedene Sinne und Organe seines Knechtes stärkt. „4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.

Die Sinne und Organe des Gottesknechtes, sie werden von Gott geleitet, damit der Gottesknecht anderen dienen und ihnen Gutes tun kann. Diese Hilfe Gottes in allem Einsatz für andere Menschen ist nichts, was auf den Gottesknecht oder auf Jesus beschränkt ist. Sie gilt genauso für uns, wenn wir unseren Mitmenschen Dienste leisten. Gott schärft unsere Sinne und lässt uns unsere Möglichkeiten erkennen.

Da ist die Zunge beziehungsweise der Mund, von Gott gegeben: Ein gutes Wort zur rechten Zeit, ein tröstendes Gespräch, ein hilfreicher Rat. Es gibt viele Dinge, die wir mit dem Mund für andere tun können. Niemand ist davor sicher, plötzlich angegriffen und in seiner Gesundheit, ja sogar in seinem Leben bedroht zu werden. Wie dringend ist es dann, dass Mitmenschen ihre Zunge einsetzen, um auf das Geschehen aufmerksam zu machen oder sogar direkt einzugreifen.

Gott weckt ebenfalls das Ohr, damit es offen ist. Offen für das, was andere sagen und loswerden müssen. Was sie bewegt und beschäftigt. Was in der großen weiten Welt geschieht, wo Sorgen und Nöte sich ballen. Da sind die vielen, deren große Not nicht auf taube Ohren stoßen darf. Dazu gehört auch eine kritische Auseinandersetzung mit bestimmten gesellschaftlichen Verhältnissen, mit Entwicklungen, die in die falsche Richtung laufen.

Der Knecht Gottes spricht auch über den Rücken. Dieser kann große Lasten tragen. Er eröffnet die Möglichkeit, anderen etwas abzunehmen. Halten wir ihn hin, wenn dem anderen alleine etwas zu schwer wird! Geteilter Ballast ist halber Ballast. Mit breitem Rücken helfen viele Menschen in diesen Tagen bei der Bekämpfung der Ausbreitung der Corona-Pandemie und bei der Bewältigung von deren Folgen.

Alles schön und gut, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Aber gibt es da nicht eine Grenze? Woher soll ich wissen, dass ich bei dem, was ich für andere auf mich nehme, nicht auf mich alleine gestellt bin? Werde ich dann nicht überfordert sein?

Dem einen oder anderen wird es nicht fremd sein, dass Gedanken und auch Worte einem manchmal zufallen wie ein unerwartetes Geschenk. Dass auf diese Weise Hilfe möglich ist, auch wenn diese nicht selbst geplant wurde. Und vielleicht braucht es ein bewusstes Leben mit Gott. Im Gebet zur Ruhe kommen, sich Gottes Führung immer wieder anvertrauen. Das kann weit tragen. Ich will ihnen ein Beispiel schildern:

Zu meiner Ausbildung gehörte auch die Krankenhausseelsorge. Einige Wochen haben wir in Krankenhäusern Besuche gemacht und diese ausführlich mit unseren Ausbildern reflektiert. Die Bedürfnisse und Lebenssituationen der Gesprächspartner waren sehr unterschiedlich. Es gab auch Extremfälle: Noch in den ersten Tagen begrüßte mich auf der mir zugeteilten Station ein Pfleger. Er machte mich auf einen Patienten aufmerksam, der im Sterben lag. Er sei nicht ansprechbar, aber seine Ehefrau sei auch da. Vielleicht wäre es gut, wenn ich da mal vorbeischauen könnte. Als ich entschlossen nickte, war der Pfleger sichtlich erleichtert. Aber während ich den Flur entlang bis zur Zimmertür ging, schwand meine Entschlossenheit dahin. Einen Moment überlegte ich, ob ich nicht doch lieber am nächsten Tag die Krankenhausseelsorgerin hinschicken sollte. Da waren Zweifel: Werde ich der Situation hinter der Tür gewachsen sein? Kann ich die Tränen, die Klagen oder was auch immer mich erwarten wird, aushalten? Ich hielt einen kurzen Moment inne. Dann spürte ich, dass ich nicht alleine hineingehen muss. Dass auch ich in solchen Situationen getragen werde.

Auch wenn wir Gottes Hilfe nicht immer sofort erkennen können, wir dürfen auf ihn vertrauen. Zur Erinnerung daran steht am heutigen Sonntag der Palmzweig: Er ist ein Zeichen der Lebenskraft, die von Gott geschenkt wird. Er zeigt, dass es möglich ist, die bevorstehende dunkle Zeit der Karwoche zu ertragen. Aber er zeigt uns noch mehr: Überall dort, wo Wege schwer werden, kann und darf die Hoffnung auf Gottes Kraft groß sein. Überall dort, wo wir uns einsetzen für den Mitmenschen, den Gott an unsere Seite gestellt hat, dürfen wir auf Gottes Stärkung vertrauen.

Amen.

Bleiben Sie behütet – Gott schenke Ihnen ein festes Herz!

Ihre Pastorin Heidrun Gunkel

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451