Gedanken zum Sonntag Misericordias Domini

Nachricht 18. April 2021

Jakob sitzt auf einem Felsbrocken und blickt von einem Hügel aus auf ein fremdes Land. Nachdem die Babylonier seine Heimatstadt Jerusalem zerstört und ihn verschleppt haben, soll er jetzt hier leben. Alles, was sein bisheriges Leben geprägt und bestimmt hat, existiert nicht mehr. Und hier muss er sich alles neu aufbauen. Wie soll das gehen? Gott sei Dank ist seine Familie bei ihm. Aber wo sind seine Freunde, Bekannten, Nachbarn? Wer hat Krieg und Verschleppung überstanden und wer nicht? Fremde sind nun seine Nachbarn. Wird das Zusammenleben erträglich sein? Jakob sieht die Tempel fremder Götter. Der Tempel seines Gottes in Jerusalem wurde zerstört. Wie konnte das geschehen? Hat Gott sie verlassen? Oder ist er auch jetzt, hier in diesem fremden Land, immer noch bei ihnen?

Adele sitzt allein im Arbeitszimmer zuhause und blickt auf den Bildschirm ihres Computers. Schon seit einem Jahr prägt das Homeoffice ihr Leben. Sie kommt kaum noch aus dem Haus, fährt nicht mehr zur eigentlichen Arbeitsstätte, zum Sport, zu Freizeitaktivitäten. Kein Restaurantbesuch, kein Kino. Alles ist so ganz anders. Immerhin, ihre Familie hat sie um sich. Aber Freunde trifft sie nur selten und selbst diese Begegnungen werden von Abstandsgebot und Maskenpflicht bestimmt. Ein Ende ist nicht in Sicht, ganz im Gegenteil: Die Situation wird immer unübersichtlicher. Und selbst die Experten wirken eher ratlos. Auch ihre Kirche ist jetzt geschlossen. Präsenzgottesdienste werden zurzeit nicht gefeiert. All die kirchlichen Ersatzangebote können Adele nicht wirklich zufriedenstellen. Sie will ja ihrer Kirchengemeinde den guten Willen und das Bemühen nicht absprechen, aber ihre Skepsis wird täglich größer. Hat Gott sie verlassen? Oder ist er noch hier, für sie und ihre Mitmenschen erfahrbar?

Jakob in Babylon im 6. Jahrhundert v. Chr. und Adele mitten in der Pandemie im Jahre 2021 – beide leben in einer Exilsituation. Und beiden ist daher der Text dieses Sonntags aus dem Buch des Propheten Ezechiel zugesprochen. Ezechiel wurde im Exil zum Propheten berufen und wirkte dort unter seinen Landsleuten. Wir hören seine Worte:

1 Das Wort des Herrn kam zu mir: 2 Du Mensch, rede als Prophet zu den Hirten von Israel. Ja, rede als Prophet und sag zu ihnen, den Hirten: So spricht Gott, der Herr! Ihr Hirten von Israel, ihr weidet euch ja selbst. Weiden Hirten sonst nicht die Schafe?
10 So spricht Gott, der Herr! Ich gehe gegen die Hirten vor und fordere meine Schafe von ihnen zurück. Ich sorge dafür, dass sie nie wieder Schafe weiden. Auch sich selbst werden die Hirten nicht mehr weiden. Ich befreie meine Schafe aus ihrem Rachen. Sie werden ihnen nicht mehr als Nahrung dienen.

Rettung vor den falschen Hirten wird versprochen! Das Versprechen gilt auch Jakob und Adele. Das Bild vom guten Hirten steht als Symbol für den Schutz der Herde und für die Fürsorge bis hin zur Selbstaufopferung. Aber es gibt auch Hirten, die ihren Verpflichtungen nicht nachkommen. Dann schwebt die Herde in großer Gefahr. Diese angeblichen Hirten, die Vertrauen erheischen, die krisenhafte Situationen ausnutzen, um ihren Gewinn daraus zu ziehen. Es gab sie damals und es gibt sie auch heute. Verantwortliche, die ausschließlich auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. So handeln sie verantwortungslos, statt sich fürsorglich um die Menschen zu kümmern, für die sie da sein sollen.

Jakob und Adele hören: Diesen angeblichen Hirten wird ihr Handwerk gelegt. Wehe den Hirten, die sich selbst weiden! Denn Gott ergreift die Initiative! Und das klingt bei Ezechiel so:

11 Ja, so spricht Gott, der Herr: Seht her, ich werde meine Schafe suchen und mich selbst um sie kümmern.12 Ich mache es genauso wie ein guter Hirte, wenn seine Schafe sich eines Tages zerstreuen. Ja, so werde ich mich um meine Schafe kümmern. Ich rette sie von allen Orten, an die sie zerstreut waren –an dem Tag, der voll finsterer Wolken sein wird.13 Ich führe sie weg von den Völkern und sammle sie aus den Ländern. Ich bringe sie zurück in ihr eigenes Land. Ich werde sie auf den Bergen und Tälern Israels weiden, an allen Weideplätzen des Landes.14 Ihr Weideland wird auf den hohen Bergen Israels liegen. Ja, ich lasse sie dort auf gutem Weideland lagern. Auf den Bergen Israels finden sie eine grüne Weide.15 Ich weide meine Schafe und ich lasse sie lagern.– So lautet der Ausspruch von Gott, dem Herrn.
16 Verirrte suche ich und Verstreute sammle ich wieder ein. Verletzte verbinde ich und Kranke mache ich stark. Fette und Starke aber vernichte ich. Ich weide sie nach Recht und Gesetz.
31 Ihr seid meine Herde! Ihr Menschen, ihr seid die Herde auf meiner Weide, und ich bin euer Gott!– So lautet der Ausspruch von Gott, dem Herrn.

Wer wie Jakob und Adele das Gefühl hat, ausgeliefert zu sein und bedroht zu werden, der soll wissen, dass ein anderer Sorge für sie trägt. Dass unser guter Hirte versprochen hat, die Seinen zu hegen und zu pflegen.

Gottvater, aber auch Jesus Christus werden in vielen biblischen Texten als Hirten beschrieben. Gott selbst ist es, der sich wie ein guter Hirte seiner Herde annimmt und sie zu den Orten führt, an denen sie gut weiden, ja leben können. Saftige grüne Wiesen sind verheißen. Und wer sich verletzt, den wird der gute Hirte verbinden. Wer sich auf dem Weg verirrt, den wird er suchen. Gott findet ganz sicher, was vorübergehend verloren gegangen ist. Und wessen Kräfte nachlassen, den wird er stärken. Zank und Streit wirkt er entgegen und stiftet Versöhnung.

Wie tröstlich ist es für Jakob und Adele, das zu hören: Ihr seid meine Herde! Egal, wo ihr seid. Egal, was euch fehlt. Egal, womit ihr hadert.

Jakob hat es damals gehört. Er hat erfahren, was es heißt, dass Gott auch sein Hirte ist. Er konnte sein Leben wieder aufbauen, konnte in dem unbekannten Land neu beginnen. Er hat in der Fremde Freunde gefunden und konnte sich geborgen fühlen. Er konnte seinen Glauben leben, denn er hatte erfahren: Sein Gott war sein guter Hirte, auch im babylonischen Exil.

Adele hört diese Worte, die einst Jakob halfen, nun heute. Und wir hören sie mit ihr.

Stimmen wir also mit Adele ein, wenn sie sagt: Gott als mein Hirte lässt mich auf- und durchatmen. Mit so einem Gott komme ich auch durch diese Krise. Mit so einem Gott kann ich auch die ganzen Unsicherheiten und Einschränkungen, die ganze Unplanbarkeit besser ertragen. Denn da ist jemand, dem ich vertrauen kann und der mich beschützt. Und der mir das Land zeigt, in dem ich leben kann, jenseits vom alten Leben. Und in dem ich sowohl die Zuwendung wahrnehmen kann, die mir dieser Hirte entgegenbringt, als auch die Verantwortung, die sich daraus ergibt. Denn wir sollen und wollen seine Herde sein, sein Volk, das er sicher durch die Zeit führt. Egal, was für Zeiten es auch sein mögen.

Amen

 

Bleiben Sie behütet – Gott schenke Ihnen ein festes Herz!

Ihre Pastorin Heidrun Gunkel

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451