Gedanken zum Sonntag Laetare

Nachricht 14. März 2021

"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht." (Johannes 12,24)

„Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt.“ So beginnt es, das Wochenlied für den heutigen Sonntag Lätare und die Woche danach.

Lätare: Freue dich. Und dann ein Lied vom Tod?

Der Choral nimmt Worte aus dem Evangelium und Predigttext für heute auf.

Johannes 12, 20 – 24:

Es befanden sich auch einige Griechen unter denen, die zum Fest nach Jerusalem gekommen waren, um Gott anzubeten. Die gingen zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und baten ihn: »Herr, wir wollen Jesus sehen!« Philippus ging zu Andreas und sagte es ihm. Dann gingen die beiden zu Jesus und berichteten es ihm. Da sagte Jesus zu ihnen: »Die Stunde ist gekommen! Jetzt wird der Menschensohn in seiner Herrlichkeit sichtbar. Amen, amen, das sage ich euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.

Also: Das Weizenkorn und das Sterben und die Frucht.

In einer Kleinstadt im ländlichen Raum ist das Säen und Ernten nicht weit entfernt. Ein paar Minuten zu Fuß, und man ist zwischen den Feldern. Es wird bestellt. Gepflanzt, gesät. Von Frühkartoffeln war schon in der Tageszeitung zu lesen. Und dann das Getreide. Weizen, Hafer, Gerste, Roggen. Und auch in den Gärten an den Häusern geht es bald los. Und was für die einen die Eisheiligen, die noch einmal alles gefährden können, ist für die anderen das Jahr über zu viel Feuchtigkeit oder Trockenheit. Aber: was Säen und Ernten bedeutet, hat man bei uns vor Augen. Und schon in der Grundschule, im Sachunterricht, werden Versuche mit Sonnenblumenkernen oder Getreidekörnern gemacht, um das Aufgehen und Wachsen zu beobachten. Soweit so spannend.

Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht. Ganz selbstverständlich ist das auch für Jesus und seine Hörerinnen und Hörer. Was gesät wird, stirbt, und bringt viel Frucht.

Allerdings: Jesus meint sich selbst.

Aber vorher: Griechen, also vermutlich griechisch sprechende Menschen jüdischen Glaubens, solche, die dazu gekommen sind, möchten Jesus sehen. Möchten sie ihn kennenlernen, mit ihm diskutieren, ihre Fragen beantwortet haben? Sie können jedenfalls nicht direkt zu ihm und sprechen deshalb einen der Jünger mit griechischem Namen an. Philippus geht damit weiter zu Andreas, ebenfalls einem mit griechischem Namen unter der Gruppe der Jüngerinnen und Jünger. „Sie wollen dich sehen.“

Nun könnte es weitergehen: Gut, dann lasst sie doch durch, bringt sie her. Oder: Gut, dann gehe ich mal zu ihnen. Aber nein, wir befinden uns ja im Johannesevangelium. Und da wird beinahe jedes Wort auf die Goldwaage gelegt.

„Sehen“ ist nicht einfach ansehen oder in Kontakt kommen. „Sehen“ meint: Wir möchten dein wahres Wesen erkennen. Das, was dich leitet. Deinen inneren Kern. Und Jesus sagt nicht: Gut, ich komme. Er spricht von seiner Stunde, die jetzt da ist und von seiner Herrlichkeit. Und meint seinen Tod. Aber im Hintergrund steht eben auch seine Auferstehung. Deshalb Herrlichkeit.

Eine seltsame Mischung eigentlich. Und genau die fängt auch das Wochenlied (EG 98) ein.

Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,
Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt -
Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Die Melodie habe ich im Ohr. Sie schwebt zwischen Zurückhaltung und Aufbruch, ebenso zwischen trauriger und mutiger Tönung. Es ist nicht nur der Tod, der besungen wird. Das hat mit dem Ursprung des Chorals zu tun. Ursprünglich stammt die Melodie aus dem Frankreich des 15. Jahrhunderts und ist ein Weihnachtslied: „Noël nouvelet“ – Weihnacht ist es wieder. Es erzählt die Weihnachtsgeschichte; zurückhaltend, ein bisschen geheimnisvoll, schwebend zwischen trauriger und mutiger Tönung. Über den englischen Sprachraum hat es dann den Weg in unser Gesangbuch gefunden – und ist zu einem Passionslied geworden. Es ist nicht von ungefähr als letztes in der Passions-Reihe abgedruckt. Weil es den Übergang markiert. Passion, Leiden Jesu ja, aber eben auch der Blick auf das Neue, das sich schon ankündigt: Auferstehung ist wie ein grüner, aufkeimender Halm.

Lied und Johannesevangelium gehen da gut zusammen. Die lesende oder hörende Gemeinde hat natürlich schon längst beides im Blick. Sie weiß um Leiden und Sterben Jesu Christi, glaubt und hofft aber aufgrund seiner Auferstehung. Die ist es, die nicht nur ihr Leben verändert hat, sondern das alles Christinnen und Christen. Und wenn man das eine nicht lassen und beides aufnimmt, dann entsteht so etwas wie ein Schwebezustand zwischen zwei total unterschiedlichen Geschehen und Deutungen. Den Tod, das Leid nicht leugnen, aber auch nicht vergessen, wozu sie geschehen sind, und was sie bewirkt haben. Gott hat Jesus auferweckt, damit wir das Leben haben und seine Herrlichkeit erkennen. Eben auch durch Leid und Tod hindurch. Nicht einfach, klar. Beides im Blick und im Herzen zu behalten und zu bewegen.

Wie oft erfahren wir das in diesen und in vergangenen Tagen. Viele von uns aus sehr leidvoll. Covid-19 bestimmt unseren Alltag und die Sonntage ebenso. Wie einfach und billig ist da der Populismus, der leugnet, nur Fehler brandmarkt, aufwiegeln will gegen „die da oben“. Und wie schwierig ist es da manchmal, zu diskutieren, die Balance, die Schwebe zu halten. Wie schwierig, das Schwere auszuhalten und zu tragen versuchen. Wie kaum möglich, gute Gedanken an die Zukunft zuzulassen und durchzuhalten.

Mir kommt dann die 3. Strophe des Chorals in den Sinn.

Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,
unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn -
hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Ja, es gibt beides und beides hat seinen Platz. Aber letztlich, als aus dem Ende ein Anfang wird, setzt sich das Leben durch. Gottes Liebe keimt, bricht durch den Boden und wird zu einem grünen Halm und letztlich zur Frucht.

Gebet

Guter Gott, in Christus hast du dein Gesicht, deine Wahrheit gezeigt. Und wir konnten sie kennen- und sehen lernen. Danke für deine Zuneigung, dein Mitleiden mit uns.
Sei mit allen, die dich brauchen.
Öffne deine Wahrheit für alle, die dich suchen.
Sei Trost derer, die verzweifeln.
Durch Jesus Christus, deinen Sohn, der unser Bruder geworden ist.
Amen.

Pastor im Ruhestand

Pastor im Ruhestand Frank Niemann