Karfreitag feiern

Nachricht 02. April 2021

„Was ist Wahrheit?“– so fragt im Johannesevangelium Pilatus den gefangenen Jesus, als er ihn verhört (Johannes 18,38). Ich denke, zu Pilatus‘ Vorstellung von Wahrheit gehört, dass er der Präfekt, der Statthalter Roms im Lande ist; er hat Macht; er ist der Repräsentant der Weltmacht Rom, die über viele Länder und ihre Menschen herrscht; er gebietet über Soldaten; er hat Menschen ganz und gar in seiner Hand; auf Gedeih oder Verderb sind sie ihm ausgeliefert; auch mit Jesus kann er tun und lassen, was er will. Zu Pilatus‘ Wahrheit gehört auch, dass er Todesurteile fällen kann. So befiehlt er, dass Jesus gekreuzigt wird. Ruhe will er im Lande haben, verdächtig sind ihm Personen, die eine größere Anhängerschaft um sich scharen. Lieber solche Leute gleich ausschalten, bevor sie möglicherweise Unruhe stiften. Und er macht sich über Jesus lustig, indem er auf dem Kreuz eine Inschrift anbringt: „Jesus von Nazareth, der Juden König“ (Johannes 19,19). Wie soll ein Leidender, ein Sterbender, ein durch das Urteil des Pilatus Gekreuzigter denn König sein? Das widerspricht doch Logik und Wahrheit. So könnte man es sehen.
Aber viele Menschen sind mit Blick auf das Kreuz Jesu von einer anderen Wahrheit ergriffen. Nämlich, dass sich dort die größte Liebesgeschichte ereignet, die es in der Welt je gegeben hat. Gott, der Höchste, der Mächtigste, der Allherrscher, der größte König, begibt sich in Jesus selbst in die Tiefe von Leiden, Schmerzen und Tod. Er wählt für sich selbst den tiefst möglichen Punkt. Niemand kann deshalb tiefer fallen, als Gott selbst gegangen ist. Wo immer Menschen mit ihrem Leben hinkommen, auch in Situationen des Leidens, Gott ist schon da; wir sind nicht alleingelassen, nicht verloren. Selbst im Tod wartet er, um uns aufzufangen, zu halten und … um unseren Weg dort nicht enden zu lassen. Das biblische Leitwort für den Karfreitag steht im Johannesevangelium und bringt die Liebesgeschichte Gottes auf
den Punkt: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Johannes 3,16). Luther hat einmal gesagt, dass mit diesem Satz das Evangelium zusammengefasst ist.
Karfreitag ist der Höhepunkt der Passionszeit; Passion bedeutet Leiden, zugleich aber gebrauchen wir das Wort im Sinne von Leidenschaft, leidenschaftlich. Leidenschaftlich schlägt Gottes Herz für uns. Leidenschaftlich setzt er sich für uns ein. Kein Preis ist ihm zu hoch, um uns seine Liebe zu erweisen. Das ist die Wahrheit, der wir glauben, der wir vertrauen, und die uns hält und trägt bis ins ewige Leben, bis ins Land des Himmels hinein.
Immer wieder kommt mir eine Andacht in den Sinn, wo eine Frau sagte: „Das Kreuz ist ein Plus in unserer Welt“, ein Plus im Sinne eines Pluszeichens. Unser Leben steht im Lichte von diesem Plus, der Hingabe, der Liebe Gottes. Und Gottes Liebe ist unsterblich. Darum spricht der Tod niemals das letzte Wort. Gott selbst zerbricht ihn in Jesus von innen heraus und macht ihn so für uns, uns zugute zum Durchgang ins Leben der ewigen Welt. Das Kreuz, zu dem Pilatus Jesus verurteilt hat, ist ein Sinnbild von Schrecken. Leiden und Tod, Gott aber verwandelt es zum Ort seiner Liebe, die stärker bleibt als der Tod und Leben schafft und zum Blühen bringt schon in der Zeit und vollendet in Ewigkeit. Dieser Wahrheit vertrauen wir.
Amen.

 

 

Gebet

Guter barmherziger Gott,
wir danken dir für deine leidenschaftliche Liebe.
Wir danken dir, dass du unser Leben bewegst, so dass wir darauf vertrauen,
dass nichts und niemand uns von deiner Liebe scheiden kann,
die du in Christus unterstreichst und besiegelst.
Wir danken dir für diese Widerstandskraft gegen alles,
was uns jetzt noch bedrängen und bedrücken kann, und bitten dich:
Schenke auch uns in der Nachfolge Jesu Leidenschaftlichkeit,
uns für die Heil- und Gutwerdung des Lebens einzusetzen.
Gib, dass auch unsere Worte und Taten Trost spenden, Hoffnung wecken,
Lebensfreude entfachen. Lass uns heiter, gelassen, fröhlich und mutig Botschafter und Botschafterinnen für dich sein.
Dein Geist bewege uns dazu.

Das bitten wir dich im Namen Jesu, in dem du besiegelst, dass deine Liebe Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit umgreift und niemals aufhört.
Amen.

Superintendent

Dr. Volker Menke
Luisenstr. 15
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244440