Gedanken zum Sonntag Kantate

Nachricht 02. Mai 2021

Am heutigen Sonntag werden wir mit den Worten aus Psalm 98 aufgefordert: „Singt dem Herrn ein neues Lied!“. Daher hat dieser Sonntag seinen Namen: Kantate, das heißt auf deutsch „Singt!“

Das Singen ist eine ganz grundlegende Form der Äußerung unseres Glaubens. Und es gehört deshalb von jeher zu unseren Gottesdiensten dazu. Mit unserer Musik loben wir Gott für all das, was uns an Gutem widerfahren ist. Für all das, was Hoffnung, Liebe und Frieden in unser Herz gebracht hat. „Du meine Seele, singe, wohlauf, und singe schön“. Der Einsatz von Musik ist jedoch nicht auf die Sonnenseite des Lebens begrenzt. Wenn wir etwas zu beklagen und zu bejammern haben, dann kann Musik der beste Trost sein.

Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie gibt es jedoch keinen Gemeindegesang mehr in unseren Kirchen. Mir fehlt dieses sonntägliche Singen als Gemeinde und in der Gemeinschaft. Und ich vermute, dass es vielen von Ihnen genauso ergeht. Es fehlt: Einfach gemeinsam mit vielen anderen einzustimmen in die Worte christlichen Glaubens. Einfach einzustimmen und sich von der Melodie tragen zu lassen. Einfach einzustimmen und sich von den Aussagen im Text ergreifen zu lassen. Zu klagen, zu loben, fröhlich zu sein. Und die frohe Botschaft auf diese Weise mitzuerleben.

Zum Glück gibt es ja noch Instrumentalmusik und auch den Gesang Einzelner in unseren Gottesdiensten. Und beides ist – keine Frage – sehr hochwertig. Aber ich freue mich schon sehr auf den Moment, wenn wir wieder mit vielen zusammen singen können.

Gleichzeitig weiß ich aber auch: Musik ist Geschmackssache. Die einen erfreuen sich an dem modernen christlichen Liedgut, für die anderen kann eine Gesangbuch-Melodie nicht alt genug sein. Und auch hinsichtlich der Form des Singens gibt es unterschiedliche Auffassungen. Während der eine sich mitreißen lässt, finden andere zu viel Enthusiasmus eher befremdlich.

Von einer solchen Situation erzählt auch unser heutiger Predigttext. Er steht im 19. Kapitel des Lukas-Evangeliums:

37 Und als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, 38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! 39 Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! 40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Die Jünger wandern mit Jesus den Ölberg hinunter, bald werden sie in Jerusalem sein. Eben gerade haben Menschen Jesus wie einen König mit Palmen empfangen, haben ihre Kleider auf dem Weg ausgebreitet. Wir erinnern daran jedes Jahr an Palmsonntag und auch in der Adventszeit. Nachdem die Menge gerufen hat „Hosianna, gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ sind nun die Jünger an der Reihe. Das heißt: Diejenigen, die seine Anhänger sind, die zu ihm gehören, werden nun ihr Urteil abgeben. Ich stelle mir vor, wie sie noch einmal alles überdenken, was sie mit Jesus erlebt hatten, bevor sie hier an den Toren Jerusalems angekommen sind. Lukas berichtet, die Jünger denken dabei an Jesu „Dynameis“, also an alle seine Wundertaten. Jesu Wirken macht Gottes Heilszuwendung erfahrbar. So ist ihre Deutung des Geschehens.

Deshalb lassen sich die Jünger Jesu ergreifen von diesem besonderen Moment. Dem Moment, in dem für sie der Messias, der von Gott eingesetzte König, der Sohn Davids in Jerusalem, der Stadt Davids einzieht. Deshalb rufen Sie noch einmal voller Jubel wie die Menge aus: „Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn!“ Ihr Gesang verbindet sich mit dem, was die Engel auf den Feldern von Bethlehem bei Jesu Geburt verkündeten, wenn sie fortfahren: „Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!“ Die Jünger geben den Friedensgruß der Engel in den Himmel zurück. Sie sind überzeugt, dass der ausgerufene Friede in Jesu Worten und Taten erfahrbar geworden ist. Sie verleihen durch den Gesang ihrer Hoffnung Ausdruck, dass Jesus bald von allen als Retter erkannt wird und dass Gottes Reich Wirklichkeit wird. Für sie ist der gesangliche Jubel die einzig angemessene Reaktion auf das, was sie miterleben.

Die Pharisäer können da leider gar nicht mitgehen. Sie erleben einen armen Wanderprediger und betrachten Jesus als einen Hochstapler, der sich als Messias feiern lassen will. Sie argwöhnen, dass dieser Mann statt den Frieden auf Erden zu bringen für Aufruhr sorgen wird. Anstatt den Blick auf die Ehre in der Höhe zu richten, sehen die Phariäser den Bestand ihrer religiösen Vorstellungen gefährdet. Deshalb wenden sich einige von ihnen an Jesus: „So geht das nicht, dass deine Jünger dich wie einen König bejubeln und wie einen Gott verehren. Weise sie doch bitte zurecht.“

Die Reaktion der Jünger findet bei den Genannten also keine Zustimmung, sondern stößt auf Widerstand und fordert Widerspruch heraus. Sie stimmen nicht mit ein in das Loblied der Jünger.

Jesus antwortet: „Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien“. Dadurch stellt Jesus klar: Es ist ausgeschlossen, dass bei seinem Einzug in Jerusalem nicht gejubelt und kein Loblied gesungen wird. Käme dieser Jubel nicht aus dem Munde der Jünger, dann würden eben die Steine ihre Stimme erheben. Das Gotteslob lässt sich nicht verhindern. Und sei auch etwas eigentlich Unmögliches erforderlich!

Und so kommen wir wieder zurück zu uns, uns Christen heute. Auch wir sind solchermaßen aufgefordert, einzustimmen in einen Jubelruf, der den Jüngern einst entfuhr, als Jesus in Jerusalem einzog. Indem wir mitsingen, stimmen wir ein in das Bekenntnis zu Jesus Christus. So bedeutet Mitsingen auch, zugehörig zu sein zur christlichen Gemeinde.

Irgendwann wird der Tag kommen, an dem wir wieder gemeinsam in einem Gottesdienst singen können, an dem wir ohne Angst vor Infektionsverbreitung durch Aerosole gemeinsam einstimmen können in das Gotteslob.

Bis es soweit sein wird, tun wir das, was im Moment möglich ist und können mit-denken und mit-summen im Gottesdienst. Und unser persönliches Singen, das Singen für uns selbst zuhause oder wo auch immer, sollten wir nicht aus den Augen verlieren.

Entscheidend ist nur: Das Gotteslob darf niemals aufhören. Denn die Botschaft soll – auch und gerade – in diesen schweren Zeiten weitergetragen werden!

Amen

 

Bleiben Sie behütet – Gott schenke Ihnen ein festes Herz!

Ihre Pastorin Heidrun Gunkel

 

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451