Gedanken zum Sonntag Jubilate

Nachricht 25. April 2021

Liebe Gemeinde,

der Apostel Paulus hat es schwer. Ihm ist zunächst überhaupt nicht nach Gotteslob zumute. Durch ganz Kleinasien ist er gereist bis nach Griechenland, um die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi zu verkünden. Einige hören ihm tatsächlich zu, aber noch viel mehr verspotten und verjagen ihn. Aus Thessaloniki muss er fliehen vor dem aufgebrachten Pöbel, dann auch aus Beröa, und so kommt er schließlich nach Athen. Frustriert, gehetzt, in Sorge um seine persönliche Zukunft, um seine Mitarbeiter, die er zurückgelassen hat, im Zweifel über den Sinn seiner Mission. Seine Pläne sind völlig durcheinandergeraten, er hatte sich das alles anders vorgestellt.

Und dann auch noch: Athen, diese furchtbare Stadt! Es wimmelt nur so vor Götterstatuen und Götzentempel. Wütend, frustriert, einsam läuft Paulus durch die Stadt und überlegt verzweifelt, an was er wohl anknüpfen kann bei den Athenern, damit sie auf das Evangelium hören. Sie sind nicht offen, sie sind sensationslustig, und wenn sie keine Sensation geboten kriegen, verschwinden sie wieder ganz schnell hinter ihren Masken. Wie soll Paulus sich bei ihnen Gehör verschaffen? Paulus erblickt einen Altar, einen unter vielen: „Dem unbekannten Gott“ steht darauf. Das schlägt ein. Sein Blick weitet sich. Er sieht den Himmel über sich in unbestechlichem Blau, weiße Schäfchenwolken ziehen vorüber. Er hört einen Vogel singen, sieht das saftige Grün der Wiese und die Blüten des Orangenbaumes – die ganze Schönheit der Schöpfung offenbart sich ihm in diesem Augenblick - ein göttlicher Augenblick. Und plötzlich weiß Paulus, was er zu sagen und zu tun hat. Die Schönheit der Schöpfung leuchtet für Juden, Griechen und Getaufte gleichermaßen. Sie leuchtet noch zwei Jahrtausende später, und wer sie wahrnimmt, der kann gar nicht anders als ins Gotteslob einzustimmen, selbst wenn er gar nicht weiß, dass es Gott ist, den er lobt. Und plötzlich steht Paulus mitten auf dem Areopag, auf dem Marktplatz von Athen, und spricht. Als würde Gott selbst ihm Worte in Herz, Verstand und Mund legen. Ein göttlicher Moment.

Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach: Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Denn ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt. Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darinnen ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind. Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt. Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, dass sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir; wie auch einige Dichter bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.

Ein göttlicher Moment: Paulus hat den Mut, zu sprechen vor so vielen Fremden. Er hat den Mut, die schlimmen Erfahrungen seiner letzten Stationen, seine Verletzungen, hinter sich zu lassen und seine tiefste Überzeugung zu teilen vor Menschen, die ihm von Haltung und Kultur her fremd sind, von deren Reaktionen er nichts weiß. Und wirklich: die Athener hören ihm interessiert zu. Paulus spürt, wie ihm die Worte durchs Herz auf die Zunge fließen. Er weiß sich mit der Schöpfung verbunden, er weiß sich dem Schöpfer, Ursprung und Ziel allen Lebens, ganz nah, ja mit ihm verwoben. In ihm leben, weben und sind wir. Paulus spürt, wie die Athener beginnen, etwas davon zu erahnen. Sie hören zu. Ein göttlicher Moment. Und Paulus hat auch den Mut, nicht bei der alles umfassenden Wolke der Verklärung stehen zu bleiben. Er bleibt nicht einfach stehen bei der Erhabenheit der Schöpfung. Dann würden die Athener seine Rede am Ende bestenfalls als nette Abwechslung in Erinnerung behalten. Aber es ist kein Unterhaltungs- und Wohlfühlglaube, den Paulus verkündigt. Es ist ein Glaube, der Leben verwandelt. Der einen Neuanfang fordert. Radikal. Jetzt und jeden Tag aufs Neue.

Hören wir weiter, wie Paulus auf dem Areopag spricht, zu den Athenern spricht und auch zu uns.

Da wir nun göttlichen Geschlechts sind, sollen wir nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht. Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er richten will den Erdkreis mit Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und hat jedermann den Glauben angeboten, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

Paulus hat den Mut, zur Buße zu rufen. Wach zu rütteln aus der Meinung, dass die Welt dazu da wäre, um mir die Zeit zu vertreiben. „Buße“, das Wort ist heute sehr aus der Mode gekommen. Aber was es meint, ist so wichtig. Buße heißt: erkennen, wo ich bisher auf dem Holzweg unterwegs war. Buße heißt: erkennen, wo ich mir und anderen Schaden zugefügt habe; wo ich nicht so gelebt habe, wie es dem Willen Gottes entspricht. Buße heißt: mit den Augen des einen Gottes auf mein Leben blicken und mit Gott den Schmerz über so manchen Irrweg aushalten. Ohne Buße gibt es keinen Neuanfang. Denn ohne Buße erkenne ich gar nicht, wo ich neu anfangen soll. Wir leben in einer Zeit, in der wir gezwungen sind, über unser Leben nachzudenken, ob wir das wollen oder nicht. Wir sind gezwungen, auf so vieles zu verzichten; in vieler Hinsicht merken wir, wer und was für uns wirklich wichtig ist – und was nicht. Prioritäten sortieren sich neu. „Corona wird die Welt verändern“ so hört man es immer wieder. Das gilt auf der politischen Ebene, das gilt für das ganze öffentliche Leben und fürs ganz Persönliche, Private. Ja, das Virus zwingt zum Umdenken. Immer schneller, immer weiter, immer mehr – das gilt nicht mehr. Aber was gilt dann? Es ist gut, wenn wir diese Zeit als eine Zeit der Buße begreifen, als eine Chance, umzudenken und neu zu sortieren, was wirklich wichtig ist. Uns neu auszurichten an dem, den wir als Ursprung und Ziel allen Lebens bekennen. In dem wir leben, weben und sind. Dazu gehört vielleicht die Frage: von was habe ich bisher meine Zeit bestimmen lassen und wie voll soll mein Terminkalender wieder werden? Ist es mein voller Terminkalender, der mich rechtfertigt oder der Herr der Zeit?

Mit wem möchte ich meine Zeit verbringen? Wer ist mir wirklich wichtig? Wie viel von meiner Zeit möchte ich mit Gott teilen? Für was möchte ich einstehen in meinem Leben? Welche Ideale habe ich versucht, darzustellen? Gott hat mich wunderbar gemacht, von Anfang an – kann ich das hören und fühlen? Was soll mein Handeln bestimmen? Wem vertraue ich? Wem vertraue ich mein Leben an? Der Preis, den das Virus fordert, ist hoch, sehr hoch. Wir hätten uns das ganz gewiss nicht ausgesucht. Aber den Preis müssen wir sowieso bezahlen, ob wir wollen oder nicht. Dann wollen wir auch die Chance für einen Neuanfang nutzen. Das Virus wird die Welt verändern. Die beste Veränderung ist die, die durch Buße hindurchgegangen ist. Ein Neuanfang unter Gottes vergebenden und liebenden Blick – auch das ein göttlicher Moment. Wir hören weiter aus der Apostelgeschichte:

Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, begannen die einen zu spotten; die andern aber sprachen: Wir wollen dich darüber ein andermal weiterhören. So ging Paulus weg aus ihrer Mitte. Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig; unter ihnen war auch Dionysius, einer aus dem Rat, und eine Frau mit Namen Damaris und andere mit ihnen.

Paulus „ging weg aus ihrer Mitte“. Ich stelle mir vor, dass auch dieses Weggehen ein „göttlicher Moment“ für ihn ist. Paulus hat getan, was er zu tun hatte und tun konnte. Nun geht er, weg aus ihrer Mitte, denn er erkennt: Gott allein steht in der Mitte. Was aus meinem Tun wird oder auch nicht: es liegt in Gottes Hand, nicht in meiner. Was für eine Entlastung. Was für eine Gelassenheit, die daraus erwächst. Was für ein Geschenk: wir dürfen abgeben und Gott machen lassen. Die Reaktionen, die die Rede des Paulus hervorruft, sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Die einen machen sich lustig. Die anderen finden es ganz interessant und wollen ganz gerne mehr wissen – aber doch erst, wenn es in ihren übervollen Terminkalender reinpasst. So sind die Menschen, so ist die Welt. Das erkennt Paulus in diesem – göttlichen – Moment. Gott ist nicht nur in der Natur, Gott ist auch mitten auf dem Areopag; Gott ist da, wo Menschen sich gelangweilt wegdrehen und erst recht da, wo sie ringen und suchen. Gott ist auch da, wo sie nicht alle einer Meinung sind. Wo gestritten wird. Da vielleicht erst recht. Ein göttlicher Moment für Paulus, als er das begreift. Und einige – auch das ein göttlicher Moment – einige bekehren sich zu dem Gott, in dem wir weben, leben und sind; einige tun Buße, lassen sich taufen, fangen neu an. Einige sagen: genau das ist es: Der Gott, von dem Paulus erzählt, der Gott, der Christus von den Toten auferweckt hat - er soll Herr über mein Leben sein. An ihm will ich mich ausrichten. Es sind nicht viele, vielleicht eine Hand voll, die sich taufen lassen. Für den Aufwand, den Paulus betrieben hat, für die Entfernung, die er zurückgelegt und die Gefahren, die er ausgestanden hat, ist das nicht viel. Aber jeder einzelne ist unendlich kostbar vor Gott. Jeder einzelne ist alles wert. Nur für Dionysius und nur für Damaris setzt Gott alles in Bewegung, um ihnen einen Neuanfang mit IHM zu ermöglichen. Auch für Sie, auch für mich scheut Gott keine Wege, keine Sorgen und Mühen. Ein göttlicher Moment, wenn das in unser Herz dringt. Jeder göttliche Moment: ein Grund für tiefe Dankbarkeit, ein Grund, den Osterjubel neu anzustimmen. Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pastorin

Beate Lenz
Mödesser Weg 31
31224 Peine
Tel.: 05171 - 59 02 43