Gedanken zum vorletzten Sonntag des Kirchenjahres

Nachricht 15. November 2020

Liebe Gemeinde,

wir befinden uns mitten im November, begehen diesen vorletzten Sonntag im Kirchenjahr, den Volkstrauertag. So vieles beschäftigt uns in diesen Tagen: Corona-Pandemie, Terror, Gewalt, Friedensgebet, US-Präsidentenwahl. Wie wird das alles weitergehen, wie sollen wir all das verkraften?

Ohnehin ist dieser triste Monat traditionell eine Zeit großer und ernster Nachdenklichkeit. Wir denken daran, dass das Kommen des Menschensohns verheißen ist und dass wir uns vor diesem göttlichen Richter verantworten müssen. So wird uns schmerzlich bewusst, was alles nicht gut gelaufen ist. Die großen Vergehen und Verbrechen der Geschichte stehen uns vor Augen. Daneben aber gibt es die kleinen, alltäglichen Fehltritte. Wie schnell ist der rechte Weg verlassen, wie schnell über andere ein Urteil gefällt. Dabei sind Selbstgerechtigkeit oder gar Hochmut doch völlig fehl am Platz.

Im Angesicht dieser bedrückenden Stimmung, heute, an diesem Gedenktag, werde ich demütig. Demütig auch in der Bitte, Gott möge mir vergeben und meine Lasten mittragen.

In dieser Situation mutet der heutige Predigttext aus Lk 16,1-8 doch ziemlich merkwürdig an. Es ist ein weniger bekanntes Gleichnis Jesu und nicht ganz so einfach zu verstehen.

Jesus erzählt von einem Verwalter, der entlassen wird, weil er das Vermögen seines Herren veruntreut hat. Der Verwalter überlegt daraufhin, was er tun kann. Wie soll er künftig seinen Lebensunterhalt sicherstellen? Für körperliche Arbeit schätzt er sich als untauglich ein. Und betteln gehen will er nicht. Also nutzt er aus, dass ihm noch für kurze Zeit die Macht des Verwalters gegeben ist. Er lässt die Schuldner seines Herrn zu sich kommen, um ihnen einen Teil ihrer Schulden zu erlassen. Die Schuldner sollen ihre Schuldscheine zu ihren Gunsten ändern. Dabei stellen sowohl die genannten fünfzig Fass Öl als auch die zwanzig Sack Weizen enorme Werte dar. Der Verwalter spekuliert darauf, dass die Schuldner ihn im Gegenzug künftig in ihre Häuser aufnehmen werden.

Für jeden vernünftig denkenden Menschen ist die Sache klar: Hier handelt der Verwalter eindeutig betrügerisch. Er tut wiederum genau das, was ihm vorgeworfen wird: Er verschleudert das ihm anvertraute Vermögen seines Herrn. Seine Klugheit besteht darin, dass er seine Chance erkennt und konsequent nutzt. Es ist doch nicht seine Schuld, dass er bei Bekanntwerden der Vorwürfe nicht sofort seines Amtes enthoben wurde. Unerwartet ist jedoch die Reaktion seines Herrn: Der Herr ärgert sich nicht über das Verhalten des Verwalters. und er unternimmt auch nichts, um den Verwalter zur Rechenschaft zu ziehen. Vielmehr lobt er den Verwalter ob seiner klugen Handlung. Da glaubt man doch, sich verhört zu haben! Ich vermute, das ist den Jüngern – und wahrscheinlich auch den zuhörenden Pharisäern und Schriftgelehrten – nicht anders ergangen als uns heute. Mit unserem Rechtsempfinden scheint diese Handlungsweise schwerlich zu vereinbaren.

Nicht zuletzt deshalb ist die Auslegung dieses Gleichnisses schwierig. Einen Weg findet man jedoch, wenn man sich klar macht, dass dem Evangelisten Lukas dieses Gleichnis sehr wichtig war. Da es in den anderen Evangelien nicht zu finden ist, muss es für die theologischen Aussagen des lukanischen Evangeliums zentral sein. Diese These wird bestätigt, wenn man das Gleichnis vom ungerechten Verwalter mit den vorangehenden Gleichnissen im 15. Kapitel des Lukasevangeliums in Beziehung setzt. Alle diese Gleichnisse illustrieren das vergebende und gerecht machende Handeln Gottes. Drastisch, überraschend und mit großer Konsequenz. Jesus antwortet mit all diesen Gleichnissen auf die Vorwürfe und die Kritiken, die von allen Seiten an ihn herangetragen werden. Die Leute beklagen sich: „Dieser nimmt die Zöllner und Sünder an und isst mit ihnen. Er verschleudert die Gnade Gottes, da könnte ja jeder kommen.“ „Sündern die Schuld vergeben, verlorene Schafe retten, Gefallene nicht in den Staub treten, Gefangenen nicht die Würde nehmen, Fremde nicht zurückweisen. Das geht doch nicht, tu etwas, da verramscht jemand deine Gnade, da könnte ja jeder kommen.“

Jesus macht durch seine Gleichnisse unmissverständlich Gottes Antwort deutlich: „Ja, da kann jeder kommen. Und das ist gut so.“ Auch das Gleichnis vom Verwalter gehört in den Tenor dieser Aussage. Es geht in dem Gleichnis nicht vorrangig um die Schilderung und Bewertung eines real-ökonomischen Vorgangs, nicht um Jesu Einstellung zum Geld. Im Fokus steht nicht menschliches Verhalten, sondern das Reich Gottes. Denn im Reich Gottes herrscht die Bereitschaft, Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Gott handelt anders, als die Menschen dies untereinander tun: Nicht dass Gott etwas gegen die Tüchtigen und Fleißigen hätte, aber er wendet sich auch nicht gegen denjenigen, der sich verrannt hat im Leben. Gottes Vergebung zieht dem gesunden Menschenverstand den Boden unter den Füßen weg und eröffnet einen anderen Blickwinkel.

Zugegeben, Jesus beweist mit diesem Gleichnis eine gewisse Portion Humor. Aber durch die Irritation seiner Hörer erweitert er deren und somit auch unseren Horizont. Diese Form der Perspektive, dieser Blick auf das Gottesreich macht uns deutlich, was für uns Menschen sinnvolle Investitionen sind. Die Ökonomie des Reiches Gottes, so zeigt Jesus auf, ist nicht geprägt von buchhalterischer Vernunft. Klug ist unter den Bedingungen des Reiches Gottes, dem scheinbaren Sachzwang der Geldvermehrung nicht nachzugeben, sondern maßlose Großzügigkeit zu üben. Im Horizont des Reiches Gottes sind Investitionen dann klug, wenn sie Beziehungen gelten. Das leuchtet jedem sofort ein, der schon einmal in eine tiefe existentielle Krise geraten ist. Gleichgültig, wodurch diese Krise ausgelöst wird: durch eine schwere Krankheit, einen Todesfall, eine Trennung, Arbeitslosigkeit oder was auch immer. Gut, wenn man sich da auf Menschen um einen herum, auf gute Freunde verlassen kann! Ich denke, das wird uns allen angesichts der momentanen Pandemie-Situation besonders bewusst. Ein prall gefülltes Bankkonto allein hilft mir nicht viel weiter. Klug ist es, Beziehungen zu knüpfen, Freundschaften zu pflegen, den Umgang in Familienverbünden und sonstigen Gemeinschaften aktiv zu gestalten und in sie verschwenderisch zu investieren – und zwar nicht nur in materielle Ressourcen, sondern insbesondere in Zeit, in persönliche Zuwendung. Und unter Corona-Bedingungen ist dabei jede Menge Kreativität gefragt.

Das Reich Gottes zeigt sich in ganz besonderem Maße dort, wo mit Vergebung verschwenderisch umgegangen wird. Jesus wirft förmlich mit diesem göttlichen Heilsgut um sich, scheinbar ungerechtfertigt und unmäßig. Diese „ungerechte Gerechtigkeit“ der Verschwendung ist Jesu Praxis. Er verschwendet alles, was er zu geben hat – am Ende sogar sich selbst.

Das, was Jesus im Gleichnis vom klugen Verwalter erzählt, seine Botschaft vom Reich Gottes, wird wahr, wenn Christinnen und Christen daraus ihre Schlüsse ziehen. Wenn auch wir mit der Gestaltung unseres Lebens klug darauf antworten und Gott nacheifern. Wenn wir in Beziehungen und Vergebung investieren. Wenn wir mit den Gütern dieser Welt treu und verantwortungsvoll umgehen und sie zum Nutzen aller einsetzen. Im Horizont des Gottesreiches zu leben bedeutet auch, die durch Menschen geschaffenen scheinbar unumstößlichen Rahmenbedingungen in dieser Welt in Frage zu stellen, Fesseln zu zerreißen und Mauern zu durchbrechen.

Am heutigen Volkstrauertag haben wir vor Augen, dass diese Welt unerlöst ist. Dass wir in einer Welt leben, in der Menschen einander immer wieder Leid zufügen. Dass dieser Welt Gewalt, Terror und Krieg immanent sind. Gegen diese bedrückende Stimmung hören wir von der verschwenderischen Gnade Gottes, von seinem klugen Verwalter. Ja, Jesus ist und bleibt ein Durchbrecher unserer Logik. Mit Humor fordert er uns auf, Verantwortung zu übernehmen, macht aber gleichzeitig deutlich, dass wir auf seine Vergebung hoffen können. Gottes verschwenderisches Handeln gibt uns Trost und Zuversicht.

Amen.

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451