Gedanken zum Reformationstag

Nachricht 31. Oktober 2020

Predigtgedanken zu Mt 10, 28-31

Liebe Glaubensgeschwister,

mich beeindruckt das sehr, wenn in Minsk viele, viele Menschen auf die Straße gehen, um für Freiheitsrechte zu demonstrieren. Sie trotzen der Staatsmacht, sie lassen sich nicht einschüchtern durch Drohungen, Gefängnis, Gewaltanwendung. Mutig vertreten sie ihre Überzeugungen. Ähnlich ja auch der „kleine“ Mönch Martin Luther vor dem „großen“ Kaiser Karl V. auf dem Reichstag zu Worms 1521. Er steht zu seinen als Ketzerei verurteilten Ansichten, von denen er innerlich überzeugt ist: „›Solange mein Gewissen in Gottes Wort gefangen ist, kann ich nicht widerrufen. Gott helfe mir! Amen.‹“ (Th. Hofmann-Dieterich, Die 100 wichtigsten Daten Reformation, Gütersloh 2002, S. 38) Und in der frühen Kirche stellte der Kirchenvater Tertullian einmal fest: „Ein Same ist das Blut der Christen“. Das war in Bezug auf Menschen gesagt, die zu ihrem Gottesglauben und der Jesus-Nachfolge standen, selbst wenn die damalige römische Staatsmacht sie deswegen zum Tode verurteilte. Die Gemeinschaft der Christen wurde nicht kleiner, sondern insbesondere die Märtyrer in ihr beeindruckten die Mitmenschen durch ihren Bekennermut. „Märtyrer“ bedeutet „Zeuge“. Was sind das für Menschen, die den mächtigen Kaiser und selbst den Tod nicht fürchten, sondern an ihrem Zeugnis für den einen Gott und seinem Handeln in Christus festhalten?  

„Fürchtet euch nicht!“ – das ist ein Satz, den man vielfach in der Bibel lesen kann. Auch in dem Lesungstext aus dem Matthäusevangelium von vorhin (s. Mt 10, 28.31). „Wer Gott fürchtet, muss sonst nichts auf der Welt fürchten“, so oder ähnlich las ich einmal auf einem Plakat.

Doch Fürchten ist nicht gleich fürchten. Es gibt furchtbare, fürchterliche Dinge in der Welt, die Menschen zusetzen und das Leben schwer machen. Es kann eine brutale Staatsmacht sein oder ein heimtückisches Virus, das für die einen unentdeckt harmlos ist und andere leidvoll aufs Sterbebett bringen kann. Und es gibt noch Vieles andere, vor dem man sich fürchten kann, weil es Bedrohung und Gefahr bedeutet. Gott fürchten aber geht genau in die andere Richtung; Gott fürchten bedeutet, ihn ernstnehmen, mit ihm rechnen, Ehrfurcht, Respekt vor ihm haben als dem, der größer und mächtiger ist als alles, was uns zum Fürchten bringen kann. Er hält und behält das Leben und auch jeden, jede von uns in seiner Hand.

Zwei Bilder gebraucht Jesus im Matthäusevangelium, um zum Vertrauen darauf einzuladen, dass nichts und niemand, eben auch wir nicht, aus Gottes Hand herausfallen. Kein Sperling fällt „auf die Erde ohne euren Vater.“ (Mt 10, 29) Und wenn schon das so ist, dann bleibt Gott eben auch mit unseren Lebensgeschichten verbunden, hält und trägt uns. Nichts geschieht ohne seinen Willen, auch wenn wir Gottes Willen möglicherweise nicht verstehen und sein Handeln nicht den Vorstellungen entspricht, die wir davon haben, wie Gott handeln sollte und müsste. Es gilt: „Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt.“ (Mt 10, 30) Selbst das kleinste Härchen an uns kennt Gott und hat es im Blick. Gottes Geschichte mit uns kann an manchen Stellen rätselhaft sein, aber die Richtung, die er mit uns geht, bleibt: Sie führt in Weite und Freiheit, schlussendlich in die Weite und Freiheit der himmlischen, der ewigen Welt hinein.

Dreh- und Angelpunkt des Alten Testaments ist die Herausführung der Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten, Dreh- und Angelpunkt des Neuen Testaments ist die Herausführung aus der Knechtschaft des Todes, an deren Spitze Jesus steht und geht und wir ihm nachfolgen. In beidem zeigt sich der eine Gott, der Gott Israels, den wir fürchten im Sinne von ehrfürchten in seiner unendlichen Größe und Macht, und den wir lieben, weil er, unterstrichen in Jesus, sich mit der Macht der Liebe uns zuneigt, uns in seiner Hand hält und für uns den Weg bahnt, so dass wir getröstet, heiter und mutig leben können und am Ende das Leben sogar siegt und blüht in Ewigkeit. Wer Gott fürchtet, also ihm vertraut in seiner Größe und mit seinen Möglichkeiten, muss nichts fürchten, was uns bedrängen und zusetzen will. Gott ist bei uns als Befreier zum Leben. Amen.   

Superintendent

Dr. Volker Menke
Tel.: 05171 – 80244440