Gedanken zu Neujahr und Jahreslosung

Nachricht 01. Januar 2021

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6, 36) – Jahreslosung 2021

Komisches Wort, dieses „barmherzig“. Wann haben Sie das denn das letzte Mal gehört? Oder selbst benutzt? Jetzt mal außerhalb von Kirche und Bibel? Mir scheint, das ist einer von diesen klassischen churchy-Begriffen: Wörter, die es nur noch da gibt. Ein Dinosaurier.

Und was hat Jesus damit gemeint? Das Zitat stammt aus der „Feldpredigt“ in Lukas 6. Davor und dahinter ist von solchen Sachen die Rede wie tätige Liebe zu den Feinden, Schenken statt Leihen, Nicht-Verurteilen anderer. Es geht also darum, gut zu sein gerade zu solchen Leuten, die jetzt nicht automatisch zu mir gehören, also nicht nur Verwandte, Freunde, Bekannte, sondern auch die, mit denen ich „eigentlich“ nichts zu tun habe, im Extremfalls sogar befeindet bin.

Sie kennen vielleicht die Jesus-Geschichte vom „barmherzigen Samariter“ (in der das Wort „barmherzig“ übrigens gar nicht auftaucht): Der Schwerverletzte ist ein Jude. Und der, der ihm hilft, ist ein Samariter. Die kennen einander nicht persönlich. Und sie gehören zu Gruppen, die einander „eigentlich“ nicht mögen. Aber das zählt alles nicht. Es zählt schlicht und einfach die Notlage. Da braucht einer Hilfe!

„Seid barmherzig!“, sagt Jesus.

Also: Sei so! Mach die Notlage, die Bedürftigkeit des anderen zu DEINEM Anlie­gen!“ Kriterium ist die Bedürftigkeit. Und nicht, ob Du den anderen magst. Ob Du den überhaupt kennst. Woher dieser Mensch kommt oder in welcher Ecke der Welt er wohnt. Und: Wenn wir schon dabei sind, die Bedürftigkeit zum Maßstab zu machen statt irgendwelcher Wir-und-Ihr-Grenzen, dann finde ich: Es gehören auch jene fühlenden Mitgeschöpfe dazu, die nicht das Etikett „Mensch“ haben. Zum Beispiel die sogenannten „Nutztiere“.

Und wieso sollte ich so „grenzenlos“ barmherzig sein? Statt dem eigenen Vorteil zu dienen und dem „meiner“ Leute?

Viele sagen: Das Gute könnte zu mir zurückkehren. Weil der andere es mir dankt. Oder weil der das Gute weiterreicht, und am Ende einer langen Kette landet es bei mir. Oder weil ich so zu einer lebenswerten Gesellschaft beitrage, von der ich dann selbst was habe. Oder weil eine „barmherzige“ Welt auch eine ökologisch überlebensfähige ist. Es gibt sogar Leute, die meinen, dafür kommt man in den Himmel. All das wäre Egoismus um die Ecke. Wobei Egoismus ja nicht prinzipiell schlecht sein muss.

Andere sagen: Es kommt gar nicht darauf an, ob es MIR am Ende auch was bringt. Was zählt, ist die Summe an Lebensqualität oder Leidvermeidung. Und wenn mich die kleine Hilfestellung nicht viel kostet oder die Spende oder die Unterschrift unter die Petition, aber andere davon deutlich profitieren, dann bleibt unter’m Strich ein Plus. Also bitte!

Aber die Begründung von Jesus ist weder der Egoismus um die Ecke noch die Summe vom Gemeinnutz, sondern: Der barmherzige Vater im Himmel! Also Gott. Jesus sagt nun NICHT. „Seid barmherzig, weil Gott das so will!“ Sondern: „Seid barmherzig, weil Gott so IST!“ Genauer: „Euer Vater“. Das ist liebevoll gemeint. JA, ich weiß: Es gibt auch völlig andere Väter. Der, von dem Jesus spricht, ist liebevoll. Und eben: barmherzig.

Können Sie da mitgehen? Gott als liebevoller Vater oder liebevolle Mutter? Ich weiß: Manche glauben Gott völlig anders und verkaufen einem Gott völlig anders. So, als wäre Gott vor allem eine Bedrohung. So, dass man in Angst vor ihm leben müsste. Und als wäre alles Schlimme in der Welt und in meinem Leben das strafende Werk dieses bedrohlichen Gottes.

Jesus sagt es uns ganz anders: „Euer Vater ist barmherzig!“ Wer das glaubt und wer so mit Jesus an Gott glaubt, der wird sich auch wünschen: „Gottes innerstes Wesen soll möglichst auf mich abfärben!“ – Und dann wäre mein ureigenstes Interesse, selbst barmherzig zu leben.

Übrigens: Wenn Gottes Barmherzigkeit mir gilt, dann dürfen mir meine Not und Bedürftigkeiten nicht gleichgültig sein. Ja, Barmherzigkeit überschreitet Grenzen. Aber sie behält die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit im Blick. Seien Sie also – auch – barmherzig mit sich selbst!

Wenn Sie also einen Appell aus dieser Jahreslosung mitnehmen wollen, darf das sein: „Seien Sie barmherzig!“ Aber wichtiger noch könnte der Appell sein: „Glauben Sie an einen barmherzigen himmlischen Vater!!!“ Und versuchen Sie, all das an Ihren Gottesvorstellungen hinauszuwerfen, was sich mit diesem Glauben nicht unter einen Hut bringen lässt! Vielleicht ist das schon genug spirituelles Übungsprogramm für 2021.

Bleibt noch das Problem mit diesem churchy-Begriff „barmherzig“. Für mich ist er nicht nur Dinosaurier, er wirkt auf mich auch „von oben herab“, wie „mildtätig“, auch wenn das eigentlich nicht die Bedeutung ist.

Wenn ich jetzt Bibelübersetzer wäre, was dann? Was klingt mehr nach Augenhöhe? Wo schwingt das Grenz-Überschreitende mit? Aber auch der konkrete Einsatz, der über eine liebevolle Haltung hinausgeht?

Mein Vorschlag: Solidarität! – „Seid solidarisch, wie auch euer Vater solidarisch ist!“ Ich bin dann als Helfender leider nicht mehr was Besseres. Aber zum Glück in der anderen Rolle auch nicht mehr das arme Würstchen. Ich denke, in dieser anderen Art von hilfreicher Beziehung profitieren beide.

Vor allem gefällt mir das Wörtchen „solidarisch“ als Bezeichnung für Gott. Das ist ja geradezu die Mitte des christlichen Glaubens: Gott hilft oder liebt nicht auf Abstand. Gott kommt herab zu uns als einer von uns: Gottes Solidarität in den Worten und mehr noch im Tun von Jesus von Nazareth, vor allem aber in seinem Tod am Kreuz und seiner Auferweckung. Was für ein solidarischer Gott!

Dass Gottes Solidarität bei Ihnen und mir „ankommt“ und auf uns abfärbt, und dass Solidarität unsere Gemeinschaften prägt – auch gegen die Trends einer teils krass unbarmherzigen Welt, das wünsche ich uns für 2021! Amen.

Pastorin

Beate Lenz
Mödesser Weg 31
31224 Peine
Tel.: 05171 - 59 02 43