Gedanken zum Sonntag Kantate

Nachricht 10. Mai 2020

Was haben wir für einen großartig passenden Predigttext für den heutigen Sonntag, an dem wir nach langer Pause erstmals wieder Gottesdienst feiern können. Im 2. Chronikbuch 5,2-5.12-14 wird von der Einweihung des ersten, von Salomo erbauten, Tempels in Jerusalem berichtet.

Die Tempelweihe in Jerusalem wird als ein Ereignis geschildert, das aufwendig geplant und perfekt inszeniert sowie choreographiert war. Ein pompöses religiöses Fest, in dessen Zentrum der Einzug der Bundeslade stand. Die Bundeslade mit den in ihr aufbewahrten zwei Steintafeln der 10 Gebote bekommt nun ihren festen Platz im Tempel.

Der Schwerpunkt unseres Textes liegt aber auf einem anderen Vorgang: Es wird von einem gewaltigen musikalischen Gotteslob berichtet. Sänger, Trompeten, Psalter, Harfen und Zimbeln sorgen dafür. Und was für ein außergewöhnlicher Klang entsteht! Aus den unterschiedlichen Ecken, mit unterschiedlichen Musikinstrumenten und Stimmen wird Gottes Güte und Barmherzigkeit gepriesen - gewaltig und einmütig. Und dann geschieht es: Eine Wolke erfüllt den Tempel. Eine Gotteserscheinung. Die Wolke zeigt die Herrlichkeit Gottes an. So eine Wolke hatte dem Volk Israel bereits auf der Wüstenwanderung angezeigt, dass Gott sein Volk begleitet. Nun offenbart Gott seine Nähe in diesem seinem Haus. Wo Gott anwesend ist, müssen die Priester Pause machen. An dem Ort, wo der Gottesdienst stattfinden soll, wird der Kult von Gott unterbrochen. Auf diese Weise wird deutlich, worauf es wirklich ankommt: Wichtig, ja entscheidend ist, dass Gott anwesend ist, dass er seinem Volk nahekommt. Dass Gott auch bei uns ist in jeder Gottesdienstfeier, dass seine Nähe erfahrbar sein möge, darum bitten wir und darauf hoffen wir immer wieder. In unserer Erzählung wird die Anwesenheit Gottes auf eindrückliche Weise demonstriert. Und gleichzeitig macht die Form der Gotteserscheinung, die Wolke, einen Aspekt dieser Gottesnähe deutlich: Die Wolke war ein Zeichen dafür, dass Gott das durch die Wüste wandernde Volk begleitet hat. Sie war also auch ein Zeichen dafür, dass Gottes Gegenwart und Nähe nicht an ein steinernes Gebäude, geschweige denn an einen festen Ort gebunden ist. Wie beruhigend, dass diese Botschaft auch bei der Einweihung des Zentralheiligtums Israels nicht fehlt.

Wie beruhigend ist das gerade auch in unserer jetzigen Situation, mitten in einer Pandemie. Lange war es uns verboten, wie gewohnt sonntags Gottesdienst zu feiern. Wir haben das Verbot akzeptiert, weil das Wohl und die Gesundheit des Nächsten oberste Priorität hatte. Und wir haben andere Formen des Gottesdienstes gesucht und gefunden. Bei allem Bedrückenden war und ist es auch eine spannende Zeit. Und es ist bereits an manchen Stellen angeklungen: Viele der Errungenschaften der letzten Wochen werden wir auch künftig nutzen.

Doch die Pandemie dauert an. Es ist noch nicht vorbei. Im Gegenteil: Für längere Zeit werden die Gottesdienstfeiern von Beschränkungen betroffen sein. Dazu gehört, dass wir im Moment nicht singen dürfen. Ein Lobgesang zur Ehre Gottes ist nicht möglich. Die Gefahr einer Ansteckung ist einfach zu groß.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sich nicht andere Wege finden lassen, um heute, am Sonntag Kantate, zu singen. Wir können auch zuhause zur Ehre Gottes singen. Wir können allein oder mit anderen in unserem Haushalt singen. Auch das kann uns guttun.

Der Kreativität ist auch für jeden einzelnen von uns keine Grenze gesetzt. Die Erzählung unseres Predigttextes macht deutlich: Wer ein Gotteslob anstimmt, so wie die Priester und Leviten es taten, der kann die Gegenwart Gottes erfahren. So ist auch uns Gottes Zuwendung und Nähe verheißen, unabhängig vom Aufenthaltsort. Ja, wir können unseren Glauben auch an einem anderen Ort als in dieser Kirche leben.

Und dennoch bin ich zögerlich bei dem Gedanken, ich möge doch vollmundig in das Gotteslob einstimmen: Die bedrückende Situation, die Einschränkungen, die gebotene ständige Vorsicht und die Frage: Wie lange noch?, all das beeinflusst meine Stimmung.

Daher wird sich mein Lied im Moment anders anhören. Weniger pompös, weniger siegessicher. Aber das muss meinem Lied für Gott keinen Abbruch tun. Denn trotz allem ist es möglich, ein Lied anzustimmen. Ein Lied, das Gottes Taten preist. Ein Lied, das aber auch berücksichtigt, welche Situation uns gerade prägt. Gottes Nähe bleibt uns auch dabei verheißen.

Amen

                                 Bleiben Sie behütet und gesund!
                                    Ihre Pastorin Heidrun Gunkel

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451