Gedanken zu Christi Himmelfahrt

Nachricht 21. Mai 2020

Uns blüht der Himmel

Der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin war der erste Mensch, der mit einem Raumschiff die Erde umkreiste. Im April 1961 war das. Als Gagarin auf die Erde zurückgekehrt war, sprach er auch davon, dass er dort oben im Himmel Gott nicht gesehen habe. Die Aussage sollte ein Beleg für die Richtigkeit atheistischer Weltanschauung sein. Doch zum einen: Was hat Gagarin schon vom Himmel gesehen, da wenige hundert Kilometer über der Erde angesichts eines Weltalls, das sich über Millionen von Lichtjahren erstreckt? Und was kommt hinter seinen Grenzen? Zum anderen: Wenn wir Christi Himmelfahrt feiern oder immer wieder mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis von ihm bekennen „aufgefahren in den Himmel“, dann meinen wir nicht den Himmel, wo Vögel, Flugzeuge, Raumschiffe fliegen, nicht den Himmel voller Sterne, sondern den Himmel als eine andere Dimension, eine andere Größenordnung, eine andere Sphäre des Seins und des Lebens unmittelbar bei Gott. In diese andere Dimension ist der auferstandene Jesus mit seiner Himmelfahrt übergegangen. Und diese himmlische Dimension des Lebens ist nicht weit weg, sie umgibt uns, sie umhüllt und umfasst alles. Dietrich Bonhoeffer spricht in seinem Gedicht „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ „von der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet“.

     Während seines irdischen Lebens war der Aktionsradius von Jesus begrenzt auf eine bestimmte Zeit und auf einen bestimmten Raum. Die Geschichte Gottes, die er mit Jesus schreibt, konnte so nur Menschen jener Zeit und jenes Raumes zugutekommen. Die Himmelfahrt Christi bedeutet die Entgrenzung, die Universalisierung des Aktionsradius von Jesus. Durch seine Himmelfahrt kann er allen Menschen und aller Welt nahe sein zu jeder Zeit und an jedem Ort. Immer und überall kommt er uns zugute mit dem Trost, der Liebe und den heilenden Kräften Gottes. Überall und zu jeder Zeit dürfen Menschen Gott und die Geschichte vom ewigen Sieg des Lebens, die er mit Jesus unterstreicht, genießen. Wenn auch nicht in leiblich-irdischer Gestalt, so doch durch Gottes Geist ist der in den Himmel aufgefahrene, unmittelbar bei Gott lebende Jesus uns genauso nahe wie seinen Jüngern und seiner Mitwelt vor rund 2000 Jahren. Er war, ist und bleibt gegenwärtig.

     In einem Lied zu Christi Himmelfahrt heißt es „Jesus Christus herrscht als König“. Gerade in diesen Zeiten mögen viele Menschen den Eindruck haben, dass „Corona“ herrscht und die Welt regiert, ein Virus, das ängstigt, bedrängt und tödlich sein kann. Das lateinische Wort „Corona“ bedeutet übersetzt ja „Krone“. Christen setzen allen Kräften und Mächten, die das Leben unterdrücken, entgegen, dass jemand anderes die Krone trägt und Herrscher ist, nämlich der auferstandene und in den Himmel aufgefahrene Christus. Er ist Herrscher nicht über uns, sondern für uns, dem Leben zugute. Er ist gegenwärtig, damit wir Erfahrungen machen, die uns spüren und sagen lassen: „Das ist ja himmlisch!“, also Erfahrungen, die uns guttun, die heilend wirken, die der Lebensfreude dienen, die gute Wege in die Zukunft bedeuten. Jesus trägt die Krone, die Siegeskrone, weil durch ihn selbst der Tod besiegt ist; und er lässt uns teilhaben an diesem Sieg, auch uns blüht das Leben, auch uns steht der Himmel offen, die Dimension des neuen Lebens über das irdische hinaus.

     Aber der Himmel ragt schon jetzt in dieses irdische Leben hinein, ja umhüllt es. Ich las den Satz: „Nicht wo der Himmel ist, ist Gott, sondern wo Gott ist, ist der Himmel“. Will sagen, nicht weit weg wie der Himmel als Welt der Sterne über uns ist Gott, sondern gegenwärtig, ganz nahe, um uns gut zu tun, um das Leben heil zu machen, um den Himmel zu erden und uns schließlich ganz und gar in ihn aufzunehmen. Uns blüht der Himmel.

Christi Himmelfahrt – scheinbar ging Jesus weg, tatsächlich aber kommt er so allen nahe zu jeder Zeit und an jedem Ort, und alle können Gott genießen als Liebhaber des Lebens. Amen.

 

Bleiben Sie behütet und gesund!

Ihr Superintendent Volker Menke

 

Dr. Volker Menke
Luisenstr. 15
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244440