Gedanken zum 7. Sonntag nach Trinitatis

Nachricht 26. Juli 2020

Unser heutiger Predigttext ist ausgesprochen kurz. Dennoch hat er es in sich. Die Verse stammen aus dem Hebräerbrief im 13. Kapitel:

1 Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Mit diesen Zeilen bringt der Verfasser des Hebräerbriefes eine schlichte christliche Alltagsethik auf den Punkt. Drei Aufforderungen sind in diesem kurzen Abschnitt enthalten: Geschwisterliebe, Gastfreundschaft, Gefangenenfürsorge.

„Bleibt fest in der brüderlichen Liebe“, so lautet die erste Ermahnung, die auch wie eine Überschrift über den Gesamtkomplex fungiert. Alles Handeln der Christen soll geprägt sein von „geschwisterlicher Liebe“, griechisch philadephia. Als Christen sind wir Geschwister in Jesus Christus. Als Christen stehen wir dadurch in einem besonderen Verhältnis zueinander. In unserer Gemeinde vor Ort und darüber hinaus. Dieses Geschwistersein gilt für alle Christen weltweit. Und der Idealfall ist: Diese Geschwisterlichkeit feiern wir im Gottesdienst, im Abendmahl. Wir leben sie im Umgang miteinander, in den Gruppen und Kreisen und Diensten füreinander – ohne Vorbehalte und ohne Ausnahme. Als ob das so einfach wäre!

„Hätt‘ ich dich heut erwartet, hätt‘ ich Kuchen da“. –Die meisten von uns haben einen Selbstanspruch, wenn Besuch angesagt ist. Dies gilt erst recht, wenn sich jemand angekündigt hat, den wir besonders gerne mögen. Dann soll alles stimmen: Die Tischdecke, das gute Geschirr, die kleine Vase mit Blumen. Aber wie verhalten wir uns, wenn es klingelt und vor der Tür jemand steht, den wir nicht erwartet haben. Jemand, den wir nicht kennen oder gar jemand, den wir nicht mögen. Laden wir auch denjenigen ein, sich an den gedeckten Tisch zu setzen?

„Gastfrei zu sein vergesst nicht“ heißt es als erste Konkretion der Geschwisterliebe in unserem Predigttext. Christen sollen einander gastfrei, in Gastfreundschaft begegnen. Egal, ob sie einen Vorteil davon haben oder ob es ihnen eher als Belastung erscheint. Um im Bild der Familie zu bleiben: Auch der Cousin dritten Grades, der uns bei jeder Begegnung mit seinem ewigen Lamentieren auf die Nerven geht, langzeitarbeitslos ist und beim Abschied immer fragt, ob wir ihm wohl nur dieses eine Mal noch ein bisschen Geld leihen könnten – auch der gehört zur Familie. Genauso wie die Tante, die sich einbildet, dass es niemand bemerkt, wenn sie ganz unauffällig die Schubladen öffnet und den Inhalt inspiziert. Ist auch alles ordentlich? Familie ist Familie. Als Geschwister in Christus sollen wir zweckfrei gastfreundlich sein. Gottes Liebe kann gerade in diesen scheinbar unvorteilhaften Beziehungen spürbar werden.

„Denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ – so begründet der Hebräerbrief die Forderung der Gastfreundschaft. Ein Engel ist ein Bote Gottes. Ein bisschen wirkt die Aussage des Hebräerbriefes, als prüfe der Engel im Auftrag Gottes, wie es um unsere Gastfreiheit steht. Das erinnert mich ein bisschen an einen Restauranttester. Im Hintergrund stehen aber wohl eher solche Erzählungen wie die von Abraham, der in Mamre drei Männer gastfreundlich aufnimmt. Sie erweisen sich als göttliche Boten, die ihm und seiner Frau Sarah die Geburt eines Sohnes verheißen. Einen Bezug sehe ich auch zu der Aussage Jesu: „Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.“ Ob wir uns darauf einlassen können, in einem fremden Menschen Jesus zu begegnen, Engel zu beherbergen, Gottes Welt in unser Leben eintreten zu lassen?

Die letzten Ermahnungen aus unserem kurzen Predigttext lauten: „Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“ Der Hebräerbrief ist in einer Zeit entstanden, in der Christenverfolgungen an der Tagesordnung waren. Christen wurden wegen ihres Glaubens gefangenen genommen und ins Gefängnis geworfen. Nimmt uns nicht jedes Leid, das uns widerfährt, in gewisser Weise gefangen? Deshalb kann die obige Aussage wohl auch wie folgt interpretiert werden: Christen sollen solidarisch sein mit all denen, die Leid erfahren: Denkt an die Menschen, die Leid tragen, tragt deren Leid mit! Leid kann jeden treffen.

Insgesamt haben diese wenigen Zeilen unseres Predigttextes es durchaus in sich. Den Aufforderungen nachzukommen, sie in vollem Umfang zu erfüllen, das erscheint so manchem von uns viel zu viel verlangt.

Deshalb brauchen wir Wegzehrung, deshalb werden wir immer wieder auch für die Erfüllung unserer Aufgaben gestärkt. Dies geschieht in besonderer Weise, wenn wir Gottesdienst feiern. Und dann kann so etwas geschehen, wie in der Evangeliumslesung von der Speisung der 5000, dass alle satt werden und am Ende mehr übrigbleibt als zu Beginn vorhanden war. Dann wird durch unser Handeln deutlich, was Jesus war und ist: Ein Freund der Gäste und Fremdlinge, der Gefangenen und Misshandelten. So wie er es tat, sollen auch wir uns im wahrsten Sinne des Wortes vom Mitgefühl zum Mitmenschen bewegen lassen.

Gottes Liebe soll in unserem Miteinander spürbar sein. Auf dass wir uns gegenseitig und dabei manchmal eben auch Engel beherbergen. Amen

 

Bleiben Sie behütet und gesund!

Ihre Pastorin Heidrun Gunkel

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
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Tel.: 05171 – 80244451