Gedanken zum 5. Sonntag nach Trinitatis

Nachricht 12. Juli 2020

„Versuch es gleich noch einmal! Nur nicht aufgeben!“ – mit diesen Worten versucht der Vater Paul zum Weitermachen zu motivieren. Paul lernt Fahrradfahren. Gerade ist er wieder hingefallen. Sein Helm hat ihm vor dem Schlimmsten bewahrt, aber blaue Flecke und Schürfwunden an den Knien hat er sich schon zugezogen. Paul bleibt auf dem Asphalt sitzen. „Ich will nicht mehr! Das bringt doch sowieso nichts!“ „Aber warum denn nicht?“ fragt der Vater. „Ich kann mich nicht auf dem Fahrrad halten, das hast du doch gesehen. Warum also sollte ich es nochmal versuchen?“ Doch der Vater ist hartnäckig: „Versuch es einfach nochmal! Irgendwann wird es klappen mit dem Gleichgewicht-Halten!“ Wird Paul noch einmal aufsteigen?

„Versuch es gleich noch einmal!“ Diesen Satz hörte auch Petrus, nachdem er und seine Mitstreiter eine ganze Nacht auf dem See Genezareth verbracht hatten, ohne auch nur einen einzigen Fisch zu fangen. Mit leeren Netzen waren sie zurückgekommen. Nun ist Jesus unterwegs und predigt den Menschen Gottes Wort. Er nutzt das Boot von Petrus, um die Menge der Menschen besser zu erreichen. Anschließend gibt er Petrus einen Arbeitsauftrag: Die Mannschaft soll jetzt gleich, im gleißenden Sonnenlicht, noch einmal auf den See hinausfahren und an einer tiefen Stelle die Netze auswerfen. Ich stelle mir vor, was wohl in Petrus vorgegangen sein mag. „Schuster, bleib bei deinen Leisten! Dein Auftrag widerspricht jeglicher Berufserfahrung, die wir Fischer am See Genezareth jemals gemacht haben. Fische fangen funktioniert so nicht. Meine Erfahrung sagt vielmehr: Das bringt doch nichts!“ Und dennoch folgt Petrus der Anweisung Jesu. Ahnt er vielleicht, dass Jesu Wort mehr wert ist als jegliche Berufserfahrung? Petrus und seine Mannschaft werfen auf Jesu Wort hin die Netze noch einmal aus. Und plötzlich sind die Netze voll, ja übervoll. So voll, dass sie noch andere Fischer herbeirufen müssen, um den Fang in die Boote heben zu können. Die Boote quellen über vor Fischen. Was für eine überwältigende Erfahrung. Im Vertrauen auf Gott erlebt Petrus hier ein wahres Wunder. Er weiß aber auch, dass dieser überreiche Fang nicht sein Verdienst ist, sondern dass dieser auf Jesu Worte zurückzuführen ist. Petrus durfte ihn erfahren, den Gott, der in menschliches Leben eingreift. Diese höheren Mächte machen Petrus sogar Angst. Aber Jesus beruhigt ihn: Fürchte dich nicht! Für Petrus hat es sich ausgezahlt, dass er darauf gehört hat, dass jemand sagte: „Versuch es gleich nochmal!“

Die Szene am See Genezareth geht noch weiter: Jesus ruft den Fischer in seine Nachfolge. In ein Leben für Jesus und seine Botschaft. Er sagt: „Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Zugegeben: Das klingt zunächst einmal seltsam. Menschen fangen – hätte Jesus das nicht anders ausdrücken können, weniger verfänglich? Etwa: Von nun an wirst du dich um Menschen bemühen und ihnen von Gottes Liebe erzählen. Oder: Von nun an wirst du Menschen gewinnen für mich. Aber: Menschen fangen? Doch gemeint ist nicht so ein Vorgehen, wie wir es vom Rattenfänger zu Hameln kennen, der die Kinder der Stadt in ein unbekanntes Schicksal führte. Nein, das Fangen, das Jesus Petrus aufträgt, erfolgt nicht zu Lasten der betroffenen Menschen, sondern zu deren Gunsten.

Der an Petrus ergangene Auftrag reicht nun auch bis zu uns. Er gilt der christlichen Kirche, gilt den christlichen Gemeinden auf der ganzen Welt. Und er gilt jedem einzelnen von uns. So wie Jesus ganz unterschiedliche Menschen berief, vom Fischer bis zum Zöllner, so ruft er auch uns heute. Sein Ruf spricht das Herz an. Und wir sollen diesen Ruf weitergeben. Wenn das nur so einfach wäre! Dass bei dem einen oder der anderen durchaus Zweifel aufkommen können, davon erzählen auch viele biblische Texte – nicht nur von Petrus, sondern von vielen anderen wie Abraham, wie Jonah oder Jeremia, wie Thomas oder Zachäus. Gott mutet bestimmten Menschen große Aufgaben zu. Er mutet auch uns einiges zu. Ja, mit uns allen will Gott heute seine Kirche bauen und seine Botschaft glaubwürdig in die Welt tragen.

„Versuch es gleich noch einmal! Nur nicht aufgeben!“ Wie oft erleben wir auch in unserer Gemeinde, dass wir etwas vergeblich unternehmen? Und dann neigen wir dazu, aufzugeben, zu sagen: „Haben wir hier schon versucht“, „Das funktioniert bei uns nicht“. „Das gab es schon und ohne Erfolg.“

Erneut sind die Mitgliederzahlen gesunken. Doch was sollen wir tun? Noch einmal das Gleiche versuchen, obwohl es schon das letzte Mal keinen Erfolg hatte? Schaffen wir es, uns in Bewegung zu setzen und dabei vielleicht sogar neue Wege auszuprobieren?

Hätte Petrus seine Netze nicht noch einmal ausgeworfen, hätte er Gottes Macht nicht so hautnah erleben können.

„Versuch es gleich noch einmal! Nur nicht aufgeben!“ Die Netze noch einmal auswerfen, es nochmal wagen und spüren: Gott ist mit uns. Und wir sind von ihm beauftragt. Auch wenn der Erfolg letztlich nicht in unserer Hand liegt, so sind wir dennoch herausgefordert, uns den Menschen zuzuwenden – mit unserem Glauben und mit unserer Gotteserfahrung. Das ist eine heilvolle Zumutung, die auch Gott selbst ist und bleibt, wenn er Menschen begegnet.

Amen

Bleiben Sie behütet und gesund!
Ihre Pastorin Heidrun Gunkel

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451