Gedanken zum 4. Sonntag nach Trinitatis

Nachricht 05. Juli 2020

Predigt zu Röm. 12, 17-21 von Superintendent Dr. Volker Menke

Liebe Schwestern und Brüder,

da wohnten zwei Schwestern, räumlich gesehen, über viele Jahre nicht einmal zehn Kilometer voneinander entfernt, aber in ihrer Beziehung zueinander waren sie weit, weit weg. Irgendeinen Streit muss es einmal gegeben haben, der dazu führte, dass die Brücke zwischen ihnen abgebrochen war. Die eine der beiden sagte mir einmal: „Ich würde mich mit meiner Schwester ja wieder vertragen. Aber sie muss anfangen. Ich bin ja die ältere.“ Bitter, wenn zwei, die eigentlich zusammengehören, sich so zertrennt haben.

     Mir kam diese Episode in Bezug auf den heutigen Predigttext wieder in den Sinn. Es wird da im Römerbrief von Paulus nicht erzählt, was genau vorgefallen ist, es ist wohl auch ganz egal, wie die konkreten Punkte genau aussehen, jedenfalls waren die Menschen in der christusgläubigen Gemeinde von Rom Anfeindungen und Angriffen von außen ausgesetzt. Man hat ihnen das Leben schwer gemacht wegen ihres Glaubens, in dem Jesus, Gottes Geschichte in Jesus eine zentrale Rolle spielte. Traurig, gekränkt, zornig hätten sich die Betroffenen zurückziehen können. Wir könnten es menschlich wohl gut nachvollziehen auch mit Blick auf uns selbst. Denn wie schnell geht das: Wir fühlen uns ungerecht oder falsch behandelt, und schnell fängt es an, in uns zu brodeln und zu kochen. Nein, das lass ich mir nicht gefallen, so gehst du nicht mit mir um. Man möchte es dem anderen vielleicht am liebsten mit gleicher Münze heimzahlen. Innerlich ballt sich die Hand zur Faust. Mit demjenigen, der sich so daneben verhält, möchte man nichts mehr zu tun haben. Vielleicht zerbricht das Miteinander wie bei jenen beiden Schwestern. Und auch jene Christusgläubigen in Rom hätten mit Verachtung reagieren können auf diejenigen, die ihnen Unrecht taten. Vielleicht waren sie auch drauf und dran, sich so zu verhalten, wie es viele tun nach dem Motto: „Wie du mir, so ich dir.“ Und was schreibt ihnen Paulus? „Vergeltet niemanden Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist´s möglich, so viel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ (Röm. 12, 17-18) Und am Ende des Predigttextes die vielleicht bekannteste Aussage in ihm: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ (Röm. 12, 21) Ich meine, wir würden das alle unterschreiben. Ja, so müsste es sein. Mich bewegen und beeindrucken diese Verse. Ich erkenne sie als richtig an und merke doch zugleich und immer wieder, wie schwer es ist, das als richtig Erkannte auch selbst zu verwirklichen und zu leben. Und doch: Soll sich im Verhältnis zwischen Menschen und Völkern etwas zum Positiven, zum Guten entwickeln, dann braucht es die Mutigen, die nicht nur darauf verzichten, Böses mit Bösem zu vergelten, sondern die sich zugleich aktiv dafür einsetzen, dem Frieden, sprich der Heil- und Gutwerdung der Beziehungen und des Lebens überhaupt zu dienen, und zwar unablässig und unabhängig vom Verhalten anderer.

     Böses mit Bösem zu vergelten, mehrt, verdoppelt das Böse, dem Bösen Gutes entgegenzusetzen, setzt der zerstörerischen Wirkung des Bösen ein Ende, verhindert, dass es sich wie ein Gift weiter und weiter ausbreitet. Und es ist eine Chance, dass jemand, der uns negativ, feindlich gesonnen ist, vielleicht zur Besinnung kommt und ein anderer, ein neuer Mensch wird, der ablässt vom Weg des Bösen. Der Apostel Paulus zitiert in diesem Zusammenhang aus dem Buch der Sprüche Salomos im Alten Testament ein Beispiel von Feindesliebe: „`wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln`“. (Röm. 12, 20 in Aufnahme von Spr. 25, 21-22) Vielleicht hört der Feind durch mein wohltuendes Wirken auf, ein Feind zu sein; der erste Schritt aber besteht darin, dass man selbst, auch jede, jeder von uns, eben aufhört, einen anderen Menschen als Feind gelten zu lassen.[1]    

 

Es gibt einen Vers im Predigttext, den mag man als eine Art Schönheitsfehler betrachten. Da schreibt Paulus und begründet es mit einem Zitat aus dem 5. Buch Mose: „Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. Mose 32,35): `Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.´“ (Röm. 12, 19)

     Die frühen Christusgläubigen sahen sich einem unrechten Handeln des Staates ausgesetzt. Eine Möglichkeit wäre gewesen, vielleicht im Untergrund die Vertreter dieses Staates zu bekämpfen, also das Recht, oder was man dafür hält, selbst in die Hand zu nehmen, vielleicht auch unter Anwendungen von Gewalt. „So du mir, ich auch dir.“ Es gibt auch Menschen, die haben Schlimmstes, Schrecklichstes, Grausamstes, Bösestes angerichtet, und wurden nie gefasst und vor ein Gericht gestellt.

     „Die Rache ist mein, ich will vergelten“ als Aussage von Gott her hält zunächst einmal fest, dass kein Übeltäter und sein Treiben verborgen bleibt. Vor einer Instanz, vor Gott kann er sich nicht verbergen. Er wird sich vor Gott verantworten müssen. Das bedeutet, wie es einmal ein Philosoph ausgedrückt hat: „Nie werden die Täter über ihre Opfer triumphieren.“ Das, was wir Jüngstes Gericht nennen, ist die Zuversicht darin, dass die Gerechtigkeit und das Gute siegen werden. Gott sorgt dafür. Wie soll Gott eigentlich mit Menschen umgehen, die Schlimmstes getan und angerichtet haben? Aber auch: Wie soll er mit unseren Lieblosigkeiten umgehen, die in der Regel vergleichsweise harmlos sind, aber möglicherweise auch Tränen, Traurigkeit, Schaden angerichtet haben? „`Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr´“. Dabei ist keine Aussage getroffen, wie die Vergeltung, der Ausgleich für das anderen zugefügte Leid aussieht. Was ist, wenn Gottes „Rache“ im Jüngsten Gericht so aussieht, dass er selbst den Bösesten nicht verwirft? Auch, weil diejenigen, die unter der Bosheit anderer litten, ergriffen von der Schönheit ewigen Lebens, Gott darum bitten, er möge selbst die Bösesten nicht davon ausschließen, so sehr sie das auch verdient hätten.

     Immer hat es Gott – Gott sei Dank! – nie über sein Herz gebracht, die Beziehung zu den Menschen abzubrechen. Immer wieder tut Gott den ersten Schritt, um die Beziehung, die Menschen durch ihre Lieblosigkeit und damit durch die Unkenntlichmachung ihrer Würde als Gottes Geschöpfe, als Gottes Kinder zerstört haben, wieder zu heilen. Gerade auch durch die Geschichte Jesu ist das unterstrichen. An einer Stelle im Römerbrief bringt Paulus das so zum Ausdruck: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Röm. 5, 8) Und nach dem Lukasevangelium bittet der leidende und sterbende Jesus am Kreuz Gott sogar für diejenigen um Vergebung, die ihn durch ihre Lieblosigkeit zu Tode bringen. (s. Lk. 23, 34) Jesus ist ganz und gar erfüllt von Gottes Liebe. Von der Liebe, die Böses nicht mit Bösem vergilt, sondern dem Frieden, der Heil- und Gutwerdung des Lebens dient; von der Liebe, die unsterblich ist und triumphiert in Ewigkeit. Paulus ermutigt uns, als Kinder Gottes diese Liebe in ihrer Größe und Schönheit und mit ihrer das Leben heil machenden Kraft auszustrahlen. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Amen.             

 

[1] S. dazu C. Vogel, Predigtstudien II/2, Freiburg 2020, S. 55.

Superintendent

Dr. Volker Menke
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