Gedanken zum 13. Sonntag nach Trinitatis

Nachricht 06. September 2020

Liebe Gemeinde,

die Erzählung von der Wahl der sieben Armenpfleger, die wir gerade gehört haben, irritiert mich immer wieder. Bei wissenschaftlicher Arbeit an dem Text stellt man schnell ein paar bemerkenswerte Ungereimtheiten fest. Am liebsten würde ich den Evangelisten Lukas selbst zu dieser Erzählung befragen.

Und: Warum eigentlich nicht? Unternehmen wir den Versuch, fragen wir ihn!

Ich sehe also den Evangelisten Lukas vor mir, wie er am Ende des 1. Jahrhunderts nach Christi Geburt seine Apostelgeschichte aufschreibt. Lukas möchte mit seinen Schriften Werbung machen für die frohe Botschaft von Jesus Christus und die Gemeinschaft der Christen. Er ist begeistert vom Evangelium. Und zu diesem Zweck schreibt er eine Erfolgsgeschichte nieder. Denn dass sich das Evangelium innerhalb so kurzer Zeit von Jerusalem bis in das Zentrum der damaligen Welt, bis nach Rom, ausgebreitet hatte, das war nichts anderes als ein wahrer Siegeszug! Am Ende seiner Apostelgeschichte berichtet Lukas, wie Paulus in Rom freimütig und ungehindert das Reich Gottes verkündet.

Aber es gab doch auch Schattenseiten, oder? Was ist mit denen, lieber Lukas?

Ich stelle mir vor, wie Lukas antwortet: Ja, du hast recht, die Schattenseiten streife ich stets nur am Rande. Paulus ist ja auch den Märtyrertod in Rom gestorben und er war sogar innerhalb der christlichen Gemeinde Anfeindungen ausgesetzt. Weil viele theologische Fragen ungeklärt waren, gab es immer wieder heftigen Streit zwischen den Verantwortungsträgern. Aber weißt du: Es ist doch klar, dass nicht immer alles rund läuft. In unseren Gemeinden sind Menschen am Werk. Und auch in der Jerusalemer Urgemeinde war der Frieden schnell gestört, als die griechisch-sprechenden Gemeindeglieder auch Heiden taufen wollten, ohne dass diese vorher den jüdischen Glauben annahmen. Schließlich kam es zur Trennung und diese progressivere Gruppe hat sich in eine andere Stadt, nach Antiochia in Syrien, abgesetzt.

Aha! Genau das ist der Punkt. Das ist es, was ich nicht verstehe und wozu ich dich schon immer einmal befragen wollte. Warum, lieber Lukas, schreibst du denn nicht auf, wie es tatsächlich war, sondern beschönigst und erzählst, dass sich alle Probleme schnell lösen ließen? Die Armenfürsorge, von deren Neuregelung du berichtest, war doch nur ein kleiner Teil der gesamten Problematik.

Ach weißt du, Heidrun, höre ich Lukas sagen, ich glaube, das wichtigste ist für mich, dass sich die christliche Gemeinde immer wieder weiterentwickelt. Dass sie nicht stehen bleibt und auf ihrem Status Quo beharrt. Dafür brauchen wir Christen Visionen. Wir damals genauso wie ihr heute. Deshalb habe ich in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte dieses Ideal von der ersten christlichen Gemeinde gezeichnet. Ein Bild, wie es sein sollte. Ein Bild, an dem auch Gottes Geist mitwirkt.

Wie schön das alles klingt, antworte ich: Ein „Herz und eine Seele“ sein. Einmütig entscheiden. Vielfalt, Toleranz und Respekt sind lebendig. Die Gemeinde strahlt aus – geistvoll und tatkräftig. Die Menschen werden von dieser besonderen Gemeinschaft angezogen. Natürlich müssen wir uns klar machen: Eine Vision ist ein Hoffnungsbild, das Kräfte freisetzen kann. Eine Vision kann aber auch lähmen, wenn sie zur Norm wird, der alles unterzuordnen ist. Und eine Vision kann in die Irre führen, wenn sie suggeriert, dass der Idealzustand allein mit menschlicher Kraft herstellbar wäre.

Lukas bekommt leuchtende Augen: Eben, die Visionen dienen dem Evangelium, weil sie die Hoffnung im Blick haben. Und dazu gehört, die Entwicklung der Gemeinde nicht aufzugeben. Auch wenn der Rückgang der Mitgliederzahlen schon demotivierend sein kann. Da kann ich euch durchaus verstehen. Aber lasst euch nicht entmutigen: Ihr habt doch Ideen!

Wir können viel von dir lernen, erwidere ich. Deshalb erzähl mir mehr davon: Was für eine Vision ist das, die du da in der Geschichte um die Armenfürsorge aufzeigst?

Mit der Erzählung wollte ich zeigen: Es ist wichtig, bei Konflikten offen miteinander zu reden. Konflikte müssen gelöst werden, damit das Wachstum weitergehen kann. Es ist der falsche Weg, nur Defizite aufzudecken und nach Schuldigen zu suchen. Es ist falsch, persönliche Befindlichkeiten mit grundsätzlichen Fragen zu vermischen. Entscheidend ist, dass sich im Blick nach vorne etwas ändert. Das kann auch bedeuten, die Dienste für das Evangelium auszudifferenzieren – so wie ich es in dieser Geschichte erzähle.

Weißt du, antworte ich, was ich ganz besonders beeindruckend finde an deiner Vision?: Die zwölf Apostel, die hier den Leitungskreis darstellen, sie nehmen den Konflikt wahr und berufen eine Versammlung ein. Sie versuchten nicht, die Vorwürfe klein zu reden. Alles kommt auf den Tisch. Und das nicht im Vier-Augen- Gespräch im Hinterzimmer. Die ganze Gemeinde ist gefragt. Wie übrigens auch heute in unserer evangelischen Kirche die Entscheidungsbefugnisse von leitenden Ämtern in Gremien eingebunden sind. Und noch eins fällt mir auf: Die Apostel haben keine Scheu davor, ihre eigene Überforderung zu benennen. Wenn die einen nicht sämtliche Aufgaben erledigen können, die in einer Gemeinde anfallen, dann braucht es andere, die für diese Dinge zuständig sind. Es ist entlastend, Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen. Gut, dass wir hier in St. Jakobi so viele Menschen haben, die mitanpacken: in der Kinderkirche, in der Kirchenmusik, bei Bausachen, beim Gemeindebrief, in Friedhofsangelegenheiten, in der Kita, im Gemeindebüro oder beim Küsterdienst.

Lukas schmunzelt: Diese Erfolgsgeschichte, die ich damals niedergeschrieben habe, hat sich doch sehr gut fortgesetzt, auch bei euch in Peine. Die Botschaft von Jesus Christus klingt weiter und schon lange klingt sie über den gesamten Erdball. Ich habe gesehen, wie kreativ ihr alle wart in dieser außergewöhnlichen Corona-Situation. Digitale Kirche – wohin das noch führen kann…

Ich meine, es hat sich gelohnt, die Visionen zu zeichnen. Andere Bilder können einen ja ganz schön klein machen. Wenn ich nur daran denke, wie es manchmal in einer Kirchengemeinde ganz und gar nicht nach „ein Herz und eine Seele“ aussieht: Da sind die Superaktiven, die meinen, dass alles auf ihren Schultern lastet. Da sind diejenigen, die gerne etwas anderes machen wollen und mit ihren Vorstellungen nicht durchdringen. Die einen beklagen zu traditionelle, die anderen zu moderne Gottesdienste. Die einen zu laute Jugendliche, die anderen zu wenige Jugendliche. Wenn ich in der Hauptsache von solchen Bildern geschrieben hätte, hätten sie das Wesentliche behindert.

Da frage ich nochmal zurück: Lukas, was meinst du mit diesem Wesentlichen?

Und Lukas schließt unseren Dialog mit diesen Worten: Verliert niemals die geistliche Dimension von all eurem Tun aus den Augen. Schaut auf eure Visionen von Gemeinde und Kirche. Gottes Geist wird euch zeigen, was zu tun ist. Er wird euch zeigen, wer für welchen Dienst in der Gemeinde geeignet ist. Er wird euch führen, wenn ihr nicht wisst, wie es weitergehen soll. Vertraut darauf. Auch wenn es einmal schwierig wird, habt Geduld. Wachstum braucht Zeit. Jede Bewältigung von Schwierigkeiten braucht seine Zeit. Ich habe das jetzt schon so lange beobachtet. Also: verliert nicht den Mut und vertraut auf Gottes Geist!
Amen

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Tel.: 05171 – 80244451