Gedanken zum Sonntag der Ökumenischen Bibelwoche

Nachricht 21. März 2021

Predigt zu Lk 17, 20-21

20 Die Pharisäer fragten Jesus, wann das Reich Gottes komme. Darauf antwortete er: »Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Anzeichen erkennen kann. 21 Man wird auch nicht sagen können: ›Seht, hier ist es!‹ oder: ›Es ist dort!‹ Nein, das Reich Gottes ist mitten unter euch.«

 

Liebe Schwestern und Brüder,

viele kennen vermutlich folgende kleine Geschichte, die es in verschiedenen einander ähnelnden Versionen gibt: Das sagte jemand zu einem anderen: „Ich gebe dir einen Taler, wenn du mir sagst, wo Gott ist.“ Und der andere erwidert: „Und ich gebe dir 100 Taler, wenn du mir sagst, wo Gott nicht ist.“ Die kleine Geschichte kam mir in den Sinn angesichts des heutigen Predigttextes. Da geht es ja um die Frage, wann und wo Gott und sein Reich Wirklichkeit und erfahrbar wird. „Wann das Reich Gottes komme“, so wird Jesus von jüdischen Landsleuten aus der Gruppe der Pharisäer gefragt. Statt „Reich“ könnte man das im Neuen Testament zu Grunde liegende griechische Wort übrigens auch mit „Herrschaft“ übersetzen. Oder noch genauer mit „Königreich“ beziehungsweise „Königsherrschaft“. Wann kommt Gottes Königsherrschaft? Wann und wo ist sie erlebbar? Mein Eindruck ist: Die pharisäischen Gesprächspartner von Jesus haben die Vorstellung eines klar umgrenzten und abgegrenzten Raumes, so dass man auch sagen könne, wer von diesem Raum umfasst und erfasst ist und wer nicht. Und diese Königsherrschaft sei etwas Zukünftiges. Die Antwort Jesu verstehe ich so, dass er sagt: Die Königsherrschaft Gottes ist längst gegeben, längst da, verwoben mit unserem alltäglichen Leben. Es gibt keinen Ort, keine Zeit, wo Gott nicht herrschen würde. Kein Ort, keine Zeit ist gottlos. Vielmehr: „Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ / „Die Königsherrschaft Gottes ist mitten unter euch.“ (Lk 17, 21) Vielleicht schauen wir öfter nur nicht genau hin.

     In jüdischen Gebeten wird Gott oft als König gepriesen: „Gelobt seist du Herr, unser Gott, König der Welt“. In einem dieser Gebete kommt auch konkret zur Sprache, wie sich seine Königsherrschaft hier und jetzt auswirkt; so zum Beispiel: „du hast mich nach deinem Bild geschaffen“; „du hast mich als Kind der Freiheit geschaffen“; „du öffnest blinde Augen“; „du befreist Gefangene“; „du richtest Niedergebeugte auf“; du hast alles geschaffen, was ich brauche“; „du gibst den Müden Kraft“.[1] Zusammenfassend kann man sagen: Überall, wo Menschen und Welt lebensförderliche, befreiende, rettende, wohltuende Erfahrungen machen, ist Gottes Königsherrschaft erlebbar. Man genießt es: Gott ist da! Und er als König nimmt die Auseinandersetzung mit allen Kräften und Mächten auf, die uns bedrängen und zusetzen, und setzt sich als Befreier durch. Die Geschichte, die Gott in Jesus schreibt, unterstreicht, bestätigt und bekräftigt das.

     Dem Predigttext unmittelbar voran geht die Geschichte der Heilung von zehn Aussätzigen durch Jesus. Sie machen damit eine Befreiungserfahrung. Mitten in ihrem Alltag, auf einer Straße kommt sie ihnen zu. Sie erleben, dass das Reich Gottes, die Königsherrschaft Gottes mitten unter ihnen ist. Gottes Königsherrschaft ist immer schon da, jetzt begegnet sie ihnen in dem größten Zeichen göttlicher Zuneigung, dem Kommen Gottes in diese Welt in Jesus. Sie und viele andere erfahren durch Jesus: Gottes Königsherrschaft ist eine Herrschaft dem Leben zugute. Eine Herrschaft für uns. Eine Herrschaft, verstanden als Dienst zu unserer Befreiung und Rettung von Bedrängnissen, Schuld, Lieblosigkeit und sogar dem Tod.

     Die Königsherrschaft Gottes, die Jesus verkörpert, lässt hüpfen und springen, löst Freude aus. Der Evangelist Lukas erzählt: Als die mit Jesus schwangere Maria ihre mit Johannes dem Täufer schwangere Elisabeth besucht, da hüpft das Kind in Elisabeth vor Freude (Lk 1, 44). Große Freude – Mega-Freude – ist das Stichwort im Lukasevangelium angesichts der Geburt Jesu (Lk 2, 10). In der Apostelgeschichte, dem zweiten Werk des Lukas, heilen Petrus und Andreas im Namen Jesu einen bettelnden gelähmten Menschen im Tempel; von dem heißt es dann: „immerfort lief er hin und her, hüpfte vor Freude und pries Gott.“ (Apg 3, 8) Und wie heißt es vom äthiopischen Finanzminister in der Apostelgeschichte, den Philippus tauft? Ihn erfüllte „eine tiefe Freude, als er nun seine Reise fortsetzte.“ (Apg 8, 39) Die Gottesherrschaft löst Freude aus.

     „Wo ist Gott?“ Diese Frage steht öfter im Raum, wenn schmerzliche, bittere, schlimme Ereignisse Menschen und die Welt treffen und ihnen zusetzen. Gottes Herrschaft scheint weit weg. Aber solche Ereignisse sind nur eine Seite des Lebens. Vergessen, übersehen, vielleicht einfach als selbstverständlich angesehen, wird oft die andere: Dass es jeden Tag unzählige Erfahrungen größerer und kleinerer Art gibt, die trösten, Hoffnung wecken, Menschen, die bedrückt waren, aufstehen lassen, kurz: Erfahrungen, die Freude auslösen. Ich glaube, das sind Erfahrungen der Gottesherrschaft, Erfahrungen, dass Gottes Reich mitten unter uns ist.

     Erfahrungen, die aufrichten und Freude auslösen, und Erfahrungen, die uns bedrängen, stehen nicht gleichwertig und gleichgewichtig nebeneinander. Das Leben hat eine Bewegungsrichtung, nämlich, dass die Gottesherrschaft stärker bleibt als alles, was bedrückt und bedrängt, und sich durchsetzt, indem auch der Tod überwunden wird und das Leben, die Lebensfreude den Sieg erringen und triumphieren in Ewigkeit. Das ist bekräftigt durch die Geschichte, die Gott in Jesus schreibt.

     Ich erinnere mich: Bei einer Reise in Israel, fasste unser Reiseführer am Abend eines jeden Tages immer zusammen, was wir tagsüber besucht und gesehen hatten. Wir haben den Tag noch einmal bewusst wahrgenommen. Wieviel Schönes hatten wir doch erlebt. Was für eine Fülle. Überhaupt erscheint es mir so: Es vergeht kein Tag ohne Gutes, Schönes, Tröstliches, Hoffnungsvolles, ohne Zeichen der Gottesherrschaft. Auf die eine und andere Weise zieht der Himmel schon auf Erden seine Kreise und ist ein Gegengewicht zu dem, was bedrängt. Und wie gesagt, die Gottesherrschaft bleibt stärker, sie führt zum Blühen des Lebens, am Ende zum Blühen des Lebens in Ewigkeit. Amen.   

 

[1] Jüdisches Gebetbuch. Schabbat und Werktage, Gütersloher Verlagshaus, o.J., S. 19.

Superintendent

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