Gedanken zum Sonntag Exaudi

Nachricht 16. Mai 2021

Predigt zu Johannes 7, 37-39

37 Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. 39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

ich habe noch die Worte eines Reiseleiters an unsere Gruppe bei einer Rundreise in Israel im Ohr: „Trinken sie, trinken Sie, auch wenn Sie nicht unmittelbar Durst verspüren.“ Es war ein guter Rat, um in der heißen Luft nicht „auszutrocknen“ und zu ermatten. „Trinken Sie genug“, das sagen uns auch Ärzte. Und letztlich ist es so: Ohne feste Nahrung kann ein Mensch recht lange durchhalten und überleben, aber ohne zu trinken, wird es für einen Menschen schnell gefährlich, ja lebensgefährlich.  

     Auch die meisten von uns haben wahrscheinlich schon einmal richtig Durst verspürt. Vielleicht waren wir lange in der Sonne unterwegs und hatten zu wenig zum Trinken dabei; am Ende fühlten wir uns wie ausgedörrt, waren matt, die Kehlen ausgetrocknet. Und was für ein Genuss, wenn wir dann eine Möglichkeit fanden, wieder zu trinken. Wasser – Schluck für Schluck, belebend, herrlich, himmlisch!

     Zentrale Geschichte des Alten, des Ersten Testaments ist die Herausführung der Israeliten aus der Knechtschaft in Ägypten. Eine grundlegende Geschichte, auf die in biblischen Texten vielfach Bezug genommen wird, eine Geschichte, die vermittelt, wer, was Gott ist: Retter, Befreier, Quelle zum Leben. Der Weg in die Freiheit führte auch durch die Wüste. Angesichts der herausfordernden Situation, Wasser war nicht unbedingt in Sicht, keimte Zweifel am befreienden Gott auf, Vertrauen auf ihn bröckelte. Kümmert er sich wirklich um uns? Wo ist Hilfe? Wo ist Wasser? Eine der Antworten: Auf Gottes Geheiß schlägt Mose mit dem Stab an einen Felsen, und Wasser sprudelt hervor. Gott lässt sein Volk nicht im Stich. Wieder und wieder schafft er Möglichkeiten, selbst schwierige Wegabschnitte, selbst Wüsten-Zeit, zu bestehen und zu meistern. Er bahnt den Weg in die Freiheit, durch was für Gelände der Weg auch führt.

     Eines der großen Feste Israels ist das Laubhüttenfest. Seit biblischen Zeiten wird es gefeiert. Für die Tage dieses Festes errichten und nutzen Menschen Laubhütten, Zeichen, dass sie auf der Wüstenwanderung keine festen Behausungen hatten, Zeichen dafür, dass der Weg, von Gott geführt, von Gott gebahnt, weiter und weiter ging und geht. Immer wieder kommt den Menschen von Gott etwas zu, das belebend ist, das Leben ermöglicht und stärkt. So ist das Laubhüttenfest auch ein Erntedankfest. Man ist eingeladen, sich an Gott zu freuen, der das Leben auf vielfache Weise erhält, der uns beschenkt, so dass unser Leben nicht untergeht.

     Der heutige Predigttext hat zum Hintergrund, dass Jesus das Laubhüttenfest in Jerusalem mitfeiert. Am letzten Tag, dem Höhepunkt des Festes, tritt er auf und ruft den Menschen zu: „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ (Joh. 7, 37) Das Laubhüttenfest feiert Gott als Retter, Befreier, Lebensspender, selbst auf Wegen durch die Wüste hindurch; in der Geschichte Jesu bekräftigt Gott, wer und was er ist. Man kann es an Jesus und seinem in jeder Weise lebensdienlichen Wirken ablesen. In Jesus schlägt Gott ein weiteres Kapitel seiner Liebes- und Befreiungsgeschichte für Israel, für alle Völker, für die ganze Welt auf. „Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!“ Jesus stillt den Lebensdurst, den wir alle haben. Die Verbindung mit ihm bewirkt, dass selbst der Tod unser Leben nicht austrocknen und ermatten kann. Vielmehr: Die Verbindung mit Jesus hat für unser Leben Folgen wie Wasser auf trockenes Land: es wächst, es wächst sogar über den Tod hinaus und blüht ewig.

     Aber es geht nicht nur um uns selbst, um unser eigenes Wohl und ewiges Heilsein. Wie ein Strom von seiner Quelle aus mehr und mehr Gebiete erfasst und sein Wasser dazu beiträgt, dass etwas wachsen, gedeihen, blühen und Frucht bringen kann, so soll auch unser Leben sein. Gott als ewige und unversiegliche Quelle verströmt sein Leben in Jesus an uns, und es fließt dann weiter und weiter auch über uns zu anderen Menschen und in die Welt hinein. Mit Jesu Worten aus dem Predigttext gesagt: „Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen.“ (Joh. 7, 38) Das hat Folgen: die Welt wird in guter Weise verändert und verwandelt, so wie Wasser, ein Fluss, Regen die Kraft hat, aus Wüsten Gärten zu machen. „Wo ein Mensch den andern sieht, nicht nur sich und seine Welt, fällt ein Tropfen von dem Regen, der aus Wüsten Gärten macht“, so heißt es in einer Strophe eines neueren Kirchenliedes (Ev. Gesangbuch, Ausgabe Niedersachsen/Bremen, 604, 2).

     Der Predigttext wirft auch einen Blick auf Pfingsten, also auf das Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes. Wir feiern es in der nächsten Woche. In seinem irdischen Wirken war Jesus auf eine bestimmte Zeit und ein bestimmtes Gebiet begrenzt, durch seinen Geist macht Gott die Geschichte, die er in Jesus schreibt und die in Jesu Auferstehung gipfelt, allen zugänglich. Alle sollen in den Genuss dieser Geschichte kommen, durch die Gott seine Liebes- und Rettungsgeschichte bekräftigt und weiterschreibt. Sie verändert, sie verwandelt die Welt. Das Leben blüht in schöner Weise auf, so wie eben sogar Wüsten in Gärten verwandelt werden können.

     Einer der heißesten Orte der Welt, eine Wüste ist das „Death Valley“, zu Deutsch „Todestal“ in den USA; sehr, sehr selten regnet es dort, aber wenn das geschieht, gibt es spektakuläre Bilder: eine Wüste blüht, wird zu einem Ort voller Farben und Lebendigkeit. Nur: All die Pracht vergeht auch wieder schnell. Auch unser Leben könnte man als ein „Death Valley“, ein „Todestal“ betrachten, in dem alles am Ende untergeht, im Tod versinkt. Die Geschichte, die Gott in Jesus schreibt, sagt uns aber etwas anderes zu: nämlich da, wo etwas zu Ende scheint, blüht das Leben doch neu auf, und durch den Tod hindurch kommt das Leben schließlich zu seiner größten Blüte. Wir kommen dahin, wo Jesus als Auferstandener schon ist, in den Raum, in die Dimension der ewigen Vollendung des Lebens, dahin, wo aller Lebensdurst vollkommen gestillt ist. Und deshalb setzen wir für das Blühen des Lebens schon hier und jetzt und so gut wie möglich Zeichen. Unsere Worte und Taten sind, wenn wir uns vom auferstandenen Jesus durch Gottes Geist bewegen lassen, wie Regentropfen, die aus Wüsten Gärten machen. Das Leben blüht auf. Der Himmel bricht an. Schon heute. Amen.

Superintendent

Dr. Volker Menke
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