Gedanken zum Ewigkeitssonntag

Nachricht 21. November 2021

Liebe Gemeinde,

 

heute sind wir in eine Übergangszeit gestellt, in eine Art Zwischenraum zwischen der Vergangenheit und der Zukunft.

Auf der einen Seite denken wir zum Ende dieses Kirchenjahres an all diejenigen, die im letzten Jahr verstorben sind, aus unserem Verwandten- und Bekanntenkreis, aus unserer Gemeinde. An diejenigen, die wir gehen lassen mussten. An diejenigen, die eine schmerzliche Lücke hinterlassen haben. Wir hören ihre Namen. Und mit den Namen kommen uns Bilder und Geschichten in den Sinn, Erinnerungen, die unser Herz aufgehen lassen, aber auch der Blick auf jähes Entreißen und den Schrecken des Todes. Die Eindrücke, die dieses Versterben bei uns hinterlassen hat, die Trauer, die Tränen und der Schmerz kommen uns in diesen Momenten wieder ganz nah. Das betrifft jedes einzelne Schicksal mit seiner ganz eigenen Geschichte. Heute in diesem Gottesdienst haben sie alle ihren Platz. Und sicher kommen dabei auch die Gedanken an die eigene Endlichkeit auf.

Auf der anderen Seite hören wir an diesem Sonntag Worte voller Hoffnung auf Gottes Ewigkeit. Die verheißungsvolle Botschaft spricht zu uns auch im heutigen Predigttext. Er kommt aus dem 65. Kapitel des Jesaja-Buches. Der Prophet verkündet Gottes Verheißung für die Zukunft mit folgenden Worten:

 

17 Seht, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Dann denkt niemand mehr an das, was früher war. Es ist für immer vergessen.18 Freut euch und jubelt ohne Ende über das, was ich jetzt erschaffe! Ich mache Jerusalem zu einer Stadt des Jubels, und seine Bewohner erfülle ich mit Freude. 19 Auch ich will über Jerusalem jubeln und mich über mein Volk freuen. Man wird dort niemanden mehr weinen hören, die Klage ist für immer verstummt.

23 Keiner müht sich mehr vergebens. Niemand bringt Kinder zur Welt, die früh sterben. Denn sie sind die Nachkommen derer, die der Herr gesegnet hat. Darum werden sie mit ihren Kindern leben. 24 Schon ehe sie rufen, antworte ich ihnen. Während sie noch reden, erhöre ich sie. 25 Wolf und Lamm weiden friedlich zusammen, der Löwe frisst Stroh wie das Rind. Doch die Schlange muss sich von Erde ernähren. Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg. Das sagt der Herr.

 

Zwischen diesen beiden Seiten, dem Gedenken an die Toten einerseits und dem Blick auf die Ewigkeit andererseits, entsteht etwas, das uns in diesem Gottesdienst einen Raum der ganz eigenen Art aufmacht. Es handelt sich um einen Raum des Dazwischenseins, um einen Zwischen-Raum, in den wir gestellt sind. Und in diesem Zwischenraum gestalten wir unser Leben: All das Ungewisse, das der Übergang mit sich bringt, es muss ausgehalten werden; und mehr noch, der Zwischenraum muss gefüllt werden.

 

Hinter uns liegt die Welt, die wir mit den Verstorbenen teilten. Die Welt, die wir kannten und liebten. Ganz unterschiedliche Gefühle kommen auf, zu denen wohl immer Wehmut und Trauer gehören. Denn kommt der Tod nicht immer zur Unzeit? Oft bleibt das Gefühl, dass das Leben des Verstorbenen noch nicht erfüllt war. Das Vergangene und die Endlichkeit des Lebens berühren die eine Seite des Zwischenraumes, in dem wir stehen.

Und vor uns, hinter der anderen Seite des Zwischenraumes, da liegt die uns offenbarte und verheißene Zukunft. Gewaltige Bilder sind das, mit denen der alttestamentliche Prophet Jesaja Gottes Versprechen zum Ausdruck bringt: Gottes Ewigkeit.

 

Die Worte aus der alttestamentlichen Verheißung des Propheten Jesaja verheißen etwas, was wir so nicht kennen: Gottes neuen Himmel und Gottes neue Erde als Ort ohne Weinen und Klagen, Sterben und Tod, Krieg und Neid – stattdessen sollen Frieden und große Freude herrschen. Diese verheißene Welt Gottes haben wir in ihrer Vollkommenheit nicht nur noch nicht gesehen oder erlebt. Sie übersteigt all unseren Erfahrungsschatz, ja all unsere Vorstellungskraft. Und deshalb ergibt sich schon fast zwangsläufig die Frage, wieso wir auf diese verheißene Zukunft hoffen und vertrauen sollten. Ist sie nicht bloß eine Utopie, fern vom Heute, fern jeglicher Realität? Welche Bedeutung kann die Verheißung für uns überhaupt haben? Können die Bilder von einem neuen Himmel und einer neuen Erde trösten, wenn Trauer den Blick trübt? Trägt die Vision vom Schöpfungsfrieden, wenn im hier und jetzt in so vielen Bereichen Unfriede, ja sogar Krieg herrscht? Helfen uns die Versprechen von Unversehrtheit und Heilsein in einer solch bedrängenden Pandemie-Situation, wie wir sie nun schon länger ertragen müssen?

 

Der Predigttext versucht auf diese Fragen insofern eine Antwort zu geben, als er eine Begründung für die Hoffnungsbilder liefert: Er begründet sie mit dem Schöpfungshandeln Gottes. Die biblischen Schöpfungsberichte erzählen, dass Gott die Welt für die Menschen und auf die Menschen hin geschaffen hat. Entscheidend ist: Gott, der Schöpfer, geht diesen fürsorgenden Weg weiter, auch wenn Komplikationen auftreten. Er macht für Adam und Eva einen Schurz, schützt den Mörder Kain durch das Kainsmal, er segnet die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob und schenkt seinem Volk am Sinai die Verhaltensregeln der Tora. Und er leidet damals wie heute mit seinen Menschen, wenn sie in Not sind und Schmerzen leiden. Deshalb greift er ein. Der Gott, der mit seiner Schöpferkraft für die Menschen sorgt, ist auch die Grundlage der verheißenen Zukunft. Er überwindet menschliche Grenzen mit Blick auf die Ewigkeit. Das bedeutet: Da ist einer, der fängt alles auf. Wenn es uns in Schmerz und Trauer die Sprache verschlägt. Wenn wir uns nach Hilfe sehnen und keine Kraft haben, darum zu bitten. Gott hört uns. So entsteht eine Trostgemeinschaft zwischen uns Menschen und Gott. Da ist einer da, da in all dem Fallen. Da ist Liebe, Hoffnung, Zukunft. Da ist die Gewissheit, dass die Hoffnung sich erfüllen kann, weil Gott eingreift.

 

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.

Gottes Verheißung erfüllt sich in dem Zwischenraum, in dem wir stehen, oft anders, als wir denken. Wir sind eingeladen, in diesem Zwischenraum auszuhalten, zu leben und die Gegenwart zu gestalten. Den Zwischenraum heute und alle Tage zu gestalten.

 

Wie kann nun diese Gegenwartsgestaltung konkret aussehen?

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.

Für diejenigen, an die diese prophetische Verheißung zuerst erging, die Exilierten des Volkes Israel, hieß das: Es kommt wieder ins Lot, was aus den Fugen geraten und zerbrochen ist. Menschen bauen ihre Häuser wieder auf. Sie pflanzen einen Garten und können von seinen Früchten leben. Sie tun sich zusammen und richten den Tempel wieder auf.

 

Siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.

Für uns heute kann das heißen:

Das Trauern und auch das Lachen bewusst zu leben. Die Gemeinschaft zu fördern, zuzuhören und da zu sein. Anzupacken, wo die Gesellschaft Unterstützung nötig hat. Zu helfen und sich helfen zu lassen. Wachsam zu sein. Sich des Zwischenraumes mit all seinen Beschränkungen, aber auch mit seinen Möglichkeiten bewusst zu sein.

Und im Kleinen die Spuren Gottes nicht zu übersehen, bemerken, wenn wir ein Geschenk des Himmels erhalten. Dabei können wir immer wieder staunen und dankbar sein.

 

Der Zwischenraum, in den wir heute gestellt sind, er lässt uns verweilen in all dem, was er umfasst: Zeit des Gedenkens und des Wachbleibens in der Erwartung dessen, wozu Gott uns einlädt. Das Herz, das am Alten hängt, und der Blick, der Neues wagt. Aushalten der Trauer und Leben mit Hoffnung, Klage und Freude.

Dieses Leben im Zwischenraum fordert viel von uns und mutet uns viel zu. Und es ist gleichzeitig eine große Chance, nicht bei Vergangenem, Traurigem stehen zu bleiben, sondern in diesem Zwischenraum immer wieder Trost und Hoffnung zu finden. Das bedeutet dann, weder die eine noch die andere Seite zu vernachlässigen oder gar zu vergessen. Das bedeutet auszuhalten, zwischen Vergangenheit und Zukunft zu leben. So lassen Sie uns die Gegenwart gestalten. Amen

 

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Ewigkeitssonntag!

Ihre Pastorin Heidrun Gunkel

 

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451