Gedanken zum Erntedankfest

Nachricht 03. Oktober 2021

Liebe Gemeinde,

der Erntedanktag erinnert uns in ganz besonderer Weise daran, Gott zu danken. Er erinnert uns daran, dass wir dankbar sein können. Dankbar für all das, was wir geschenkt bekommen, für all das, was unser Leben überhaupt erst ermöglicht. Immer wieder neu, Tag für Tag. Dabei geht es nicht nur um Essen und Trinken, nicht nur um die Ernteerträge – die Erntegaben am Altar sind nur ein Beispiel. Zum Leben brauchen wir noch so viel mehr. Auch daran werden wir heute erinnert. Und freuen uns über all das, mit dem uns Gott reich beschenkt hat.

 

In diese Erntedank-Stimmung hinein spricht der heutige Predigttext aus dem 9. Kapitel des 2. Korintherbriefes. Paulus schreibt an die Gemeinde in Korinth Folgendes:

6 Das aber sage ich euch: »Wer spärlich sät, wird spärlich ernten. Und wer reichlich sät, wird reichlich ernten.« 7 Jeder soll so viel geben, wie er sich selbst vorgenommen hat. Er soll es nicht widerwillig tun und auch nicht, weil er sich dazu gezwungen fühlt. Denn wer fröhlich gibt, den liebt Gott. 8 Gott aber hat die Macht, euch jede Gabe im Überfluss zu schenken. So habt ihr in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit alles, was ihr zum Leben braucht. Und ihr habt immer noch mehr als genug, anderen reichlich Gutes zu tun. 9 So heißt es ja in der Heiligen Schrift: »Er verteilt Spenden unter den Armen. Seine Gerechtigkeit steht fest für immer.«

10 Gott gibt den Samen zum Säen und das Brot zum Essen. So wird er auch euch den Samen geben und eure Saat aufgehen lassen. Euer gerechtes Handeln lässt er Ertrag bringen.11 Er wird euch so reich machen, dass ihr jederzeit freigebig sein könnt. Und aus eurer Freigebigkeit entsteht Dankbarkeit gegenüber Gott, wenn wir eure Gaben überbringen.12 Denn die Ausübung dieses Dienstes lindert nicht nur den Mangel, an dem die Heiligen leiden. Sie ist auch deshalb so wertvoll, weil sie große Dankbarkeit gegenüber Gott bewirkt. 13 Weil ihr euch in diesem Dienst so bewährt habt, werden sie Gott loben. Denn daran sehen sie, dass ihr euch gehorsam zu der Guten Nachricht von Christus bekennt. Und an eurer Freigebigkeit merken sie, dass ihr mit ihnen und allen Gemeinschaft haltet.14 Und wenn sie für euch beten, werden sie das voll Sehnsucht nach euch tun. Denn sie haben erkannt, dass Gott euch in so reichem Maße seine Gnade geschenkt hat.15 Dank sei Gott für seine Gabe, die so unbeschreiblich groß ist!

 

Auf den ersten Blick mag es verwundern, dass Paulus seine Ausführungen mit einer Art Sprichwort beginnt, nach welchem das Ergebnis der Ernte ganz auf das eigene Tun zurückzuführen ist. Es lautet: „Wer spärlich sät, wird spärlich ernten. Und wer reichlich sät, wird reichlich ernten.“ Dieser weisheitliche Spruch, der einer Bauernregel ähnelt, klingt erst einmal ganz logisch: Eine gute Saat bringt gute Ernte, eine schlechte Saat dementsprechend eine schlechte Ernte. Das leuchtet sofort ein. Von nichts kommt nichts! Diese Aussage kennt vermutlich jeder von uns. Und offensichtlich hatten auch die Menschen zu Paulus‘ Zeiten diese Erfahrung gemacht. Diese Aussage, nach der es einen unmittelbaren und uneingeschränkten Zusammenhang von Tun und Ergehen gibt, lässt jedoch wesentliche Komponenten des Sachverhaltes unberücksichtigt. Ganz so einfach ist es nicht – das haben Bauernregeln ja im Allgemeinen so an sich. In der Regel sind die Dinge komplizierter. Das gilt auch für das oben Gesagte. Denn dass die Arbeit den erhofften Ertrag bringt und dass bei all unserem Mühen und Schaffen letztlich etwas Positives herauskommt, das steht nicht allein bei uns. In diesem Prozess spielen viele Faktoren eine Rolle, auf die wir nur einen beschränkten oder sogar gar keinen Einfluss haben: Stimmen die Rahmenbedingungen, stoßen wir vielleicht gar auf unerwarteten Widerstand? Deshalb ist es ein großer Grund, Gott zu danken, wenn die Arbeit glückt und ertragreich ist.

Und wenn es einmal anders kommt? Wenn der Bauer vor wetterbedingten oder durch Schädlinge hervorgerufenen Missernten steht? Wenn im Extremfall sogar die Existenz seines Betriebes gefährdet ist – und das, obwohl der Bauer doch so reichlich gesät hatte? Solch eine Situation kennen wir ja nicht nur aus der Landwirtschaft: Was ist, wenn einer viel Arbeit in eine Sache gesteckt hat und am Ende erkennen muss, dass das, was herausgekommen ist, nicht seinen Erwartungen entspricht, ja gar nichts taugt? Was passiert dann eigentlich an Erntedank? Kann man nur danken, wenn man erfolgreich seine Ernte, den Ertrag seiner Arbeit eingefahren hat, wenn man also für seinen Einsatz belohnt wurde?

Vielleicht haben Sie sich angesichts dieses Erntedankfestes 2021 auch schon gefragt: Wofür sollen wir eigentlich danken in diesem Jahr? Es war so ein entbehrungsreiches, mit so vielen Einschränkungen behaftetes Jahr. Man hatte den Eindruck, auf der Stelle zu treten, vieles musste aufgeschoben werden oder ist gar ganz ausgefallen. Nur langsam finden wir zurück in den gewohnten Alltag, das Damoklesschwert erneut auf uns zukommender größerer Einschränkungen schwebt weiter über uns. Manch einer mag sagen: Es ging doch rein gar nichts! Und die Zeiten scheinen unsicher, nicht nur in der Politik, nicht nur in Staat und Gesellschaft, sondern auch in unserer Kirche.

Und jetzt soll Erntedank sein, alles wie gehabt? Ja, das letzte Jahr hat deutlich gemacht, wie vieles in unserem Leben nicht selbstverständlich ist. Ja, das letzte Jahr lief anders ab als gewohnt und an vielen Stellen sicher auch anders als erhofft. Aber heißt das wirklich, dass es nichts gibt, wofür wir danken können?

Paulus beschäftigt sich in den Zeilen unseres Predigttextes auch mit einer entsprechenden Frage:

Die Anhänger Jesu, die damals in Jerusalem die erste christliche Gemeinde bildeten, lebten in ärmlichen Verhältnissen. Weil sie glaubten, dass Jesus der Messias ist, wurden sie von ihrer Umgebung gemieden und waren oft auch von gesellschaftlichen Ereignissen ausgeschlossen. Paulus hatte den Aposteln versprochen, der Gemeinde in Jerusalem zu helfen. Er wirbt daher bei anderen christlichen Gemeinden eine Kollekte ein, z.B. in Korinth. Dabei geht es ihm nicht nur um die materielle Hilfe für eine arme Gemeinde. Vielmehr soll die Gemeinschaft der einen Gemeinde Jesu Christi gestärkt werden. Man kann auch sagen: Paulus wirbt für eine solidarische Segensgemeinschaft, in der es keine Rangordnungen, keine Rivalitäten zwischen den einzelnen Ortsgemeinden gibt, sondern die gemeinsam und in gleichem Maße von dem Überfluss lebt, den Gott schenkt. Andere beschenken, das eröffnet die Chance auf einen gemeinsamen Weg, der die Gemeinschaft von Gebern und Beschenkten prägt und verändert. Vor allem aber führt es dazu, Gott in verstärktem Maße dankbar sein zu können. Nicht nur für die empfangene Hilfe, sondern auch für die Verbundenheit in Gottes reichem Segen und der dadurch entstandenen Gemeinschaft.

Auch wenn in diesem Jahr vieles anders war als wir es gewohnt waren, auch wenn wir vieles entbehren mussten: Wenn ich mir vor Augen führe, was alles gewesen ist, dann finde ich viele Gründe, dankbar zu sein: Nehmen wir als Beispiele die Bewahrung vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus oder die zahlreichen Zeichen der Verbundenheit in Zeiten von Kontaktbeschränkungen. Oder: Als schier unvorstellbare Wassermassen im Westen unseres Landes vielen Menschen das Leben kosteten und Großteile der Infrastruktur zerstörten, leisteten andere tatkräftige Unterstützung bei der Versorgung der Betroffenen und beim Wiederaufbau. Oder: Viele Gemeindeglieder sind beteiligt und engagieren sich, wenn jetzt in unserer Kirche neue Wege gefunden werden müssen.

Was fällt Ihnen ein, heute am Erntedanktag? Ein trotz aller Einschränkungen möglich gewordenes Familienfest? Ein erholsamer Urlaub? Ein verheißungsvoller Neuanfang? Eine Versöhnung?

Heute am Erntedankfest werden wir eingeladen, einmal in uns zu gehen, einmal genauer hinzusehen und zu entdecken, wofür wir danken können. Und Paulus geht noch einen Schritt weiter und lädt uns ein, den Weg einer solidarischen Segensgemeinschaft zu gehen: Dankbar für das, was Gott uns schenkt und aus fröhlichem Herzen bereit, diese Gaben zu teilen.

Denn wer sollte ausgeschlossen sein von dem, was der an Gnaden reiche Gott seinen Geschöpfen in Liebe zugedacht hat? Amen.

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451

Kantor

Christof Pannes
Tel.: 05171 - 10394