Gedanken zum Buß- und Bettag

Nachricht 17. November 2021

Hat das wohl jemand noch nie erlebt? Mit dem Auto unterwegs sein, stundenlang. Den Blick stur auf die Straße gerichtet, den Ansagen des Navigationsgerätes ohne nachzudenken folgend. Wenn irgend möglich, auf die Überholspur wechseln, die Fahrt dauert sowieso schon viel zu lange. Das Tempolimit nervt, muss ich es wirklich beachten?. Bloß nicht stehen bleiben, weiter, immer weiter, den Blick nach vorne richten.

Was aber mag wohl passieren, wenn der Blick plötzlich in den Rückspiegel fällt? Wenn man in ihn hinein schaut und den zurückgelegten Weg einmal in Ruhe betrachtet? Wenn Zeit ist, über das Geschehene nachzudenken? Dann geschieht es, dass das Tempo verlangsamt wird, vielleicht sogar ein Halt gemacht wird, um das Ziel neu zu bestimmen und den Weg dorthin neu auszurichten.

Solch ein Blick in den Rückspiegel will der Buß- und Bettag sein. Er lädt in der letzten Woche des Kirchenjahres zur Selbstbesinnung und zum Innehalten, zum Gebet, ja letztlich sogar zur Umkehr und Neubesinnung ein.

Dazu haben wir im heutigen Predigttext  (Mt 7,12-20) Jesu mahnende Worte gehört. Sie beginnen - gleichsam als Überschrift - mit der sogenannten Goldenen Regel. „Behandelt andere Menschen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt.“ Das hört sich zunächst einmal ganz einfach an.

Ich muss bei diesem Satz immer an meinen alten Lateinlehrer denken. Während wir uns mit den verschiedenen Ethiken griechisch-römischer Philosophenschulen befassten, war ihm auch ein Seitenblick auf die christliche Ethik wichtig. Er betonte stets, dass die biblische Version der Goldenen Regel positiv formuliert ist. Vielleicht kennen Sie auch die auf einer Negation basierende Regel: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Ich höre meinen Lateinlehrer noch heute den Unterschied erklären: „Wenn jemand am Boden liegt, dann trete ich nicht noch nach. Ich unterlasse etwas, was sich zum Nachteil eines anderen auswirkt. Aber kann das schon alles gewesen sein? Wie möchte ich in solch einer Situation behandelt werden? Ich würde es begrüßen, wenn mir jemand aufhilft und sich außerdem vergewissert, dass ich so weit unversehrt bin, dass ich meinen Weg weitergehen kann.“

Die von Jesus gelieferte Begründung für die Regel lässt keinen Zweifel an deren herausragender Bedeutung: Denn so steht es im Gesetz und bei den Propheten. In ähnlicher Weise erläutert Jesus übrigens auch das Doppelgebot der (Gottes- und der Nächsten)liebe. Daran, so sagt er, „hängen das ganze Gesetz und die Propheten“. Du kannst Gott gar nicht in gebotener Art und Weise lieben, schätzen und anbeten, ohne den Menschen neben dir wahr- und ernst zu nehmen, so sehr, wie du auch auf dich selbst achten solltest und nicht leichtfertig mit deiner Zeit und deinem Leben umgehen darfst. Und eben solche Sorgfalt ist im Umgang mit all unseren Mitmenschen unbedingt angezeigt.

Der Blick in den Rückspiegel am heutigen Tag will also meinen zurückgelegten Weg dahingehend beleuchten, wo ich dies beherzigt habe, aber vor allem auch, wo es mir nicht gelungen ist. Kann ich aus dieser Betrachtung lernen? Kann ich mir vornehmen, künftig an den entsprechenden Stellen anders zu handeln?

Der heutige Predigttext mutet uns noch gewisse Vertiefungen mit Bezug auf diesen Blick in den Rückspiegel zu:

13 »Geht durch das enge Tor! Denn das Tor zum Verderben ist weit, und der Weg dorthin ist breit. Diesen Weg wählen viele Menschen.14 Aber wie eng ist das Tor zum Leben, und wie schmal ist der Weg dorthin! Diesen Weg finden nur wenige Menschen.«

Diese Worte sind wie ein Achtungsschild, das sagt: Der Weg zum Leben ist nicht der bequeme weite, auf dem die meisten Menschen unterwegs sind. Es gilt, die Augen und Ohren offen zu halten, um zu erkennen, wo der rechte Weg verläuft.

Und dann ist der rechte Weg auch noch voller Hindernisse. Jesus beschreibt sie so:

15 »Nehmt euch in Acht vor den falschen Propheten! Sie kommen zu euch und verhalten sich wie Schafe. Aber im Innern sind sie Wölfe, die auf Raub aus sind. (…)  17 Ein guter Baum bringt gute Früchte hervor. Aber ein schlechter Baum bringt schlechte Früchte hervor.  (…)  20 Also gilt: An ihren Früchten werdet ihr die falschen Propheten erkennen.«

Aufmerksamkeit ist also angebracht, wenn man diese Hindernisse überwinden und nicht ins Stolpern geraten will. Zum einen tauchen immer wieder Verführer auf, die uns nach dem Mund reden, „falsche Propheten“ nennt sie unser Text. Wölfe, die sich wie im Märchen als liebe Großmutter ausgeben, aber nur im Sinn haben, die sieben Geißlein zu fressen. Jesus warnt uns vor Fehleinschätzungen! Sind wir nicht schon oft auf Verführungen hereingefallen?

Zum anderen spricht Jesus unter Verwendung eines neuen Bildes von einem Baum, der gute Früchte bringt, und von einem anderen, faulen Baum, der unfruchtbar ist. Beide Bäume sind dafür geschaffen, Gutes hervorzubringen. Aber der faule Baum trägt keine Früchte, bringt nicht das hervor, wofür er geschaffen worden ist. Wir werden gewarnt vor einem Hören ohne das Gehörte anzunehmen, vor einem Verhalten nach dem Motto „zum einen Ohr hinein und zum anderen Ohr hinaus“. Also hören wir gut zu!

Die Worte Jesu machen klar: Der Weg in die Gottesnähe ist manchmal richtig anstrengend. Die Wege der Bequemlichkeit und des Eigennutzes gehen sich viel, viel leichter. Auf den Weg der Gottesliebe und der Nächstenliebe müssen wir immer wieder zurückgeführt werden, immer wieder ist Umkehr angesagt. Das heißt jedoch nicht, dass wir unsere Wege in gebeugter Büßerhaltung beschreiten sollen, vielmehr sollen wir aufrecht und aufmerksam unterwegs sein. Der Begriff „Einsicht“ leitet sich von dem Verb „sehen“ ab.

Das ist die Haltung, die sich Jesus von und für uns wünscht: eine fröhliche, aufrechte und ehrliche Beziehung zu Gott und den Menschen. Barmherzig und behutsam.. Selbstkritisch und einsichtsbereit. Geleitet von der Goldenen Regel. Denn allzu oft scheint es doch viel einfacher zu sein, über diese wichtige Goldene Regel hinwegzusehen. „Nur dieses eine Mal.“ „Da drücke ich jetzt mal ein Auge zu.“ „Und dieses Mal geht es leider auch nicht.“ So oder so ähnlich mögen die Ausreden klingen, die uns immer mal wieder dazu bringen, den falschen Propheten zu folgen oder zu faulen Bäumen zu werden.

Fehler werden wir immer wieder machen, sie sind menschlich. Wir werden immer wieder Schuld tragen, an uns selbst und an denen, die mit uns in Gottes Schöpfung unterwegs sind. Und so auch immer an Gott. Gut, wenn wir das erkennen. Gut, wenn uns das vor Augen gebracht wird. Und gut, wenn wir einander und vor allem Gott versprechen: „Ich will es besser machen.“ Dann sind wir schon mitten im Gespräch mit Gott, mitten im Gebet. So kann der permanent drohende Kreislauf der Vergehen aufgebrochen werden. Umkehrruf ist angesagt, nicht Abrechnung.

Die Mahnungen Jesu können daher wie Zeichen für ein Tempolimit auf unserer Fahrt sein. Sie wollen jedoch nicht etwa den Verkehr lahmlegen, sondern ihn flüssig halten. Sie helfen uns, besser zu erkennen, worauf es ankommt.

Der Moment, in dem man sich die Zeit für einen Blick in den Rückspiegel nimmt, kann einen stärken, von diesem Punkt aus den Blick ganz neu auf den Weg zu werfen. Neu zu starten, den Blick geschärft zu haben, die Zeichen am Wegesrand wieder wahrzunehmen und den Weg gut fortsetzen zu können.

Amen

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451