Gedanken zum 3. Sonntag nach Epiphanias

Nachricht 24. Januar 2021

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.  Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. (aus dem Predigttext Rut 1, 1-19a)

 

Manchmal haben wir das Gefühl, nicht mehr ein noch aus zu wissen. Leidvolle Erfahrungen häufen sich. Schlag auf Schlag: ein lieber Freund wird krank, ein anderer stirbt plötzlich. Man fragt sich, wo der Sinn liegt, oder ob nicht alles einfach nur sinnlos ist.

Manchmal suchen wir Hilfe im Gebet: Herr, erhöre mich, denn ich bin elend und arm … In der Not rufe ich dich an; du wollest mich erhören. So steht es im Wochenpsalm 86.

Manchmal sehen wir gar keinen Ausweg. Aber manchmal zeigt sich dann doch ein Weg, wie es weitergehen kann.

Davon, wie es weitergehen kann, erzählt die Geschichte der jungen Rut. Kurz und knapp werden wir mit der Situation und den Personen bekannt gemacht, von denen die Geschichte ausgeht. Wegen einer Hungersnot verlässt eine Familie ihren Heimatort Bethlehem. Vater, Mutter und zwei Söhne brechen auf, um in der Fremde ihr Auskommen zu finden. Die Fluchtursachen sind wohl immer ähnlich, damals wie heute. Hunger ist neben Krieg eine wesentliche Ursache, warum Menschen in die Fremde gehen, oft unter großen Risiken und auf gefährlichen Wegen.

Die Vier leben nun als Fremde im Land Moab, auf der anderen Seite des Toten Meeres. Wahrscheinlich hatten sie ein wenig Vermögen, jedenfalls scheinen sie in der Fremde gut Fuß gefasst zu haben. Als der Vater stirbt, sind die Söhne bereits im heiratsfähigen Alter, sie nehmen sich Frauen aus der Umgebung. Bis dahin ist die Geschichte eine ziemlich normale Familiengeschichte, freilich mit der Erfahrung des Heimatverlustes im Hintergrund.

Dann jedoch geschehen Dinge, wo wir uns auch heute fragen: Wie kann Gott das zulassen? Warum so viel Leid in einer einzigen Familie? Beide Söhne sterben, noch ehe ein Enkelkind in Aussicht ist. Die Mutter Noomi bleibt mit ihren zwei Schwiegertöchtern allein zurück. Man kann nur erahnen, welchen Kummer diese Frauen empfunden haben. Die Bibel erzählt hier sehr nüchtern. 

Das Leben muss weitergehen, so sagen manchmal Leute, wenn jemand gestorben ist. Ja, das Leben geht weiter, es fragt sich nur, wie! Auch die Geschichte von Noomi und ihren beiden Schwiegertöchtern geht weiter. Den drei Frauen bleibt nicht viel Zeit zum Trauern, müssen sie doch sehen, wo sie als Witwen ihr täglich Brot herbekommen.

Eine damals gängige Möglichkeit war die Bruderehe. Wenn eine Frau in jungen Jahren Witwe wurde, wurde sie gegebenenfalls vom Bruder des verstorbenen Mannes geheiratet. Da ist aber niemand, der die beiden jungen Witwen heiraten könnte! Und die sowieso schon von vornherein verrückte Idee, dass Noomi noch einmal neue Söhne zur Welt bringen könnte, die später mal ihre verwitweten Schwiegertöchter heiraten könnten, schließt Noomi ausdrücklich aus: Ich bin zu alt, um wieder einem Mann zu gehören und selbst wenn ich noch einmal Söhne gebären würde, wolltet ihr warten, bis sie groß würden? (V.12 f.)

Die andere Möglichkeit für verwitwete Frauen war, in die Herkunftsfamilie zurückzukehren. Das scheint doch die realistische Lösung zu sein. Für Noomi bedeutete das, nach Bethlehem zurückzugehen. Immerhin hatte sich dort die wirtschaftliche Lage gebessert. Für ihre beiden Schwiegertöchter bedeutete es eine Rückkehr ins jeweils elterliche Haus im Land der Moabiter. Die ohnehin schon untröstlichen Frauen müssen sich nun auch voneinander trennen.

Entgegen dem, was der Volksmund so sagt, scheint das Verhältnis zwischen Schwiegermutter und Schwiegertöchtern in diesem Fall ein sehr gutes gewesen zu sein. Sie weinen und bekunden, sie wollen an der Seite ihrer Schwiegermutter bleiben. Erst auf nochmaliges Drängen hin kehrt die eine um, die andere hingegen, Rut, bekräftigt temperamentvoll ihren Entschluss: Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden. (V.16f.) 

Eine Familiengeschichte ist in der Bibel immer auch eine Geschichte des Glaubens. Viele Familienkonflikte werden uns beschrieben, bei denen falsche Götter und Götzenbilder eine Gefahr darstellen für den Glauben an den einen Gott Jahwe. So war auch das Land der Moabiter, aus dem Ruth stammt, ein Land, mit dem man eigentlich nichts zu tun haben wollte. Die … Moabiter sollen nicht in die Gemeinde des Herrn kommen, heißt es ausdrücklich im fünften Buch Mose. Dem Gesetz nach war das so.

Die Geschichte von Rut erzählt aber etwas anderes. Rut wird sich nicht von Noomi trennen. Die Moabiterin entscheidet sich gegen die Rückkehr in ihr Elternhaus und für den Aufbruch in das für sie fremde Land. Sie wird dort ein neues Zuhause finden, sie wird eine Familie gründen. Ihr Vertrauen in Gott wird sie mutig und entschlossen machen.

Schließlich findet sie sogar Aufnahme im Stammbaum von Jesus. (Mt. 1,5) Sie, die Frau aus Moab, gehört zur Gemeinde des Herrn. Und das alles, weil sie schlicht und einfach ihrem Herzen gefolgt ist.

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Das klingt wie ein Eheversprechen. Brautpaare suchen sich dieses Bibelwort gerne als Trauspruch und folgen damit auch ihrem Herzen. Abgesehen davon, dass es dem biblischen Text nach eben nicht Mann und Frau sind, die sich mit jenen Worten an einander binden, sind es durchaus passende Worte für einen gemeinsamen Lebensweg. Zwei versprechen sich, beieinander zu bleiben, einen gemeinsamen Weg zu gehen, alles miteinander zu teilen: Glück und Leid, Schönes und Schweres, auch ihre Hoffnungen und ihre Zweifel.

Wir leben in einer Zeit, wo es üblich ist, dass sich Menschen aus Ost und West, Nord und Süd zusammenfinden. Nicht nur innerhalb Deutschlands, sondern weit über unsere Landesgrenzen hinaus. Die Ehefrau aus Bolivien, der Ehemann aus Frankreich, das gehört in unsere plurale Lebenswelt hinein. Wir können uns nicht mehr voneinander abgrenzen, weil wir weltweit miteinander verbunden sind. Menschen unterschiedlichster Herkunft leben und arbeiten miteinander. Verschiedene Traditionen und Vorstellungen von Gott prallen aufeinander. Unsere heutige plurale Welt erwartet von uns eine Toleranz anderen gegenüber, auch anderen Glaubensrichtungen. Wir sollten Verständnis aufbringen für Menschen, die sich in eine völlig neue Situation hineinbegeben. Unsere Welt ist die eine Welt Gottes. Verantwortung beginnt dort, wo ich zu jemandem sage: Ich stehe zu dir, ganz gleich was geschieht.

Sicher müssen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, die zusammenleben, oft lange Lernwege gehen, um einander besser zu verstehen. Ruts Geschichte macht Mut, weil sie davon erzählt, wie gerade da neue Lebensmöglichkeiten entstehen, wo ein Mensch sich vertrauend auf das Unbekannte einlässt.

Das ist doch auch das, was ich von Gott her glaube. Gott sagt: Ich stehe zu dir, ganz gleich was geschieht. Gewiss zeigt sich dann auch in einer schwierigen Situation ein Weg, wie es weitergehen kann. Amen.

 

EG 619

1) Damit aus Fremden Freunde werden, kommst du als Mensch in unsere Zeit: Du gehst den Weg durch Leid und Armut, damit die Botschaft uns erreicht.
2) Damit aus Fremden Freunde werden, gehst du als Bruder durch das Land, begegnest uns in allen Rassen und machst die Menschlichkeit bekannt.
3) Damit aus Fremden Freunde werden, lebst du die Liebe bis zum Tod. Du zeigst den neuen Weg des Friedens, das sei uns Auftrag und Gebot.
4) Damit aus Fremden Freunde werden, schenkst du uns Lebensglück und Brot: Du willst damit den Menschen helfen, retten aus aller Hungersnot.

                                                          Text: und Melodie: Rolf Schweizer 1982

Pastorin

Beate Lenz
Mödesser Weg 31
31224 Peine
Tel.: 05171 - 59 02 43