Gedanken zum drittletzten Sonntag des Kirchenjahres

Predigt zu Psalm 85

851Ein Psalm der Korachiter, vorzusingen.
2
HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande
und hast erlöst die Gefangenen Jakobs;
3
der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk
und all ihre Sünde bedeckt hast; – SELA –
4
der du vormals hast all deinen Zorn fahren lassen
und dich abgewandt von der Glut deines Zorns:
5
Hilf uns, Gott, unser Heiland,
und lass ab von deiner Ungnade über uns!
6
Willst du denn ewiglich über uns zürnen
und deinen Zorn walten lassen für und für?
7
Willst du uns denn nicht wieder erquicken,
dass dein Volk sich über dich freuen kann?
8
HERR, zeige uns deine Gnade
und gib uns dein Heil!
9
Könnte ich doch hören,
was Gott der HERR redet,
dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,
auf dass sie nicht in Torheit geraten.
10
Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,
dass in unserm Lande Ehre wohne;
11
dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen;
12
dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue;
13
dass uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe;
14
dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

der November ist für viele Menschen vermutlich der am wenigsten schönste Monat im Jahreslauf. Grau, düster, dunkel sieht es an manchen Tagen aus. Dunkel sieht es ja manchmal auch in unserer Welt aus. An solche dunklen Ereignisse, die Leid, Zerstörung, Tod über Menschen und die Welt gebracht haben, an Ereignisse, die das Leben verdüstert haben, erinnern Gedenktage im November. Übermorgen, am 9. November, ist der Tag des Gedenkens an die Novemberpogrome, die gewaltsamen Übergriffe auf jüdische Mitbürger und Mitbürgerinnen 1938 hier bei uns im Land. Hans Marburger, ein junger jüdischer Mitbürger in unserer Stadt, wurde in der Synagoge hier in Peine ermordet; die Synagoge selbst wurde, wie an vielen anderen Orten auch, in Brand gesteckt und zerstört. Und waren die Pogrome schon schlimm genug, waren sie doch nur ein Vorzeichen von unfassbar Schrecklicherem: der Ermordung vieler Millionen Juden und Jüdinnen als Opfer der Nazi-Herrschaft durch Menschen, die diese Herrschaft in vielerlei Gestalt mittrugen. Wir sprechen vom „Holocaust, ein Wort aus dem Griechischen, das „Brandopfer“ bedeutet; im Hebräischen sagt man „Schoa“, übersetzt „Vernichtung“.

     Heute in einer Woche ist dann Volkstrauertag; der Kriegstoten wird gedacht und den Opfern von Gewaltherrschaft überhaupt. „Höllensturz“ so lautet der Titel eines Buches des britischen Historikers Ian Kershaw; er hat mit diesem Titel insbesondere das letztlich unermessliche Leiden im Blick, das die Jahre des Zweiten Weltkrieges über Menschen und die Erde brachte. Millionen von Menschen wurden verletzt, getötet, ermordet, jeder einzelne von ihnen, wie du und ich, ein einzigartiges, wunderbares, kostbares Geschöpf Gottes, nicht zu Krieg und Gewalt bestimmt, sondern zum Frieden, zum Leben.

     Auch der Beter des 85. Psalms scheint zu seiner Zeit Höllenerfahrungen zu machen; Gott scheint weit weg zu sein. „Hölle“ – das ist ja Gottesferne; man spürt nichts mehr von seiner Güte, seiner Hilfe, seiner Nähe; es ist, als hätte sich Gott zornig abgewandt von Menschen und der Welt. Vielleicht weil er auch genug hat davon, wie unheilvoll, wie unheilig Menschen oft mit anderen und der Welt umgehen. „Willst du denn ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für?“, so fragt der Beter an einer Stelle des Psalms (Ps. 85,6). Er fragt, weil er im Innersten seines Wesens wohl von etwas anderem überzeugt ist, nämlich: Du, Gott, bist anders; selbst, wenn du Grund genug hättest, dich traurig, wütend, zornig abzuwenden, selbst wenn es Zeiten gibt, in denen du weit weg zu sein scheinst, das letzte Wort ist das nicht, ist das nie. Und so steht schon am Anfang des Psalms, wie ein Vorzeichen für alles, ein Gedenken. Der Beter hält Gott in gewisser Weise einen Gedenktag vor Augen, den Gott selbst gesetzt hat als Erinnerung an sein Wirken, als Erinnerung daran, wer und wie er ist, handelt und wirkt: „HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs“ (Ps. 85,2). Es ist eine Erinnerung, wie man mit Gott rechnen soll, als was er sich gezeigt hat und immer neu zeigen wird: als Retter und Befreier. Gott hat sein Volk Israel aus der Unterdrückung, der Knechtschaft in Ägypten befreit; er hat sein Volk aus der babylonischen Gefangenschaft herausgeführt. Der Beter des Psalms ist vom Vertrauen getragen: So, Gott, wie du dich in der Vergangenheit ganz grundlegend als Retter, Befreier, Helfer gezeigt hast, so kannst du das auch in der Gegenwart, wie immer die gerade aussieht, und in der Zukunft tun. Darum: „HERR, zeige uns deine Gnade und gib uns dein Heil!“ (Ps. 85,8)

     Der Beter des Psalms würde gerne „Mäuschen im Himmel spielen“. Was wird da gesagt? Was ist dort beschlossen?, mit Worten des Psalmbeters gesprochen: „Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet“, und zwar, „dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen“ (Ps. 85,9). Und er ist ganz gewiss: „Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten (also die ihn ehrfürchten, mit ihm rechnen), dass in unserm Lande Ehre wohne (will sagen, dass etwas aufstrahle von der Herrlichkeit Gottes, von seinem Lichtglanz)“ (Ps. 85,10).

     Selbst in dunkelster, in finsterster Nacht wird man immer auch ein Licht entdecken, wird auch immer etwas aufstrahlen und leuchten von Gottes Nähe, die guttut. Übrigens, auch das Gebet eines Menschen zeigt an: er ist schon von Gottes Licht ergriffen, der Helfer, der Befreier ist nahe und am Wirken. Und das hat wohltuende Wirkung. Dazu gehört auch, wie es in einem schönen Bild im Psalm heißt, „dass Gerechtigkeit und Frieden sich küssen“ (Ps. 85,11). Gerechtigkeit und Frieden gehen wie ein Liebespaar, umarmt, sich küssend über die Erde. Gerechtigkeit und Frieden breiten sich aus, wenn Menschen sich von Gott umarmen lassen und mit ihm durchs Leben gehen, wie ein Liebespaar, das zusammengehört.

     „Gerechtigkeit“ und „Frieden“ sind große Worte. Vermutlich ist jeder dafür, aber was bedeuten sie konkret? Wie zeigen sich Gerechtigkeit und Frieden? Gerechtigkeit im biblischen Sinne bedeutet vor allem, dass Gott dafür Sorge trägt, dass die Dinge sich richten, zurechtkommen, er wird´s richten, recht machen, gut machen. Und so dann auch der von Gott umarmte Mensch, der mit ihm unterwegs ist. Auch der wird sich einsetzen, dass die Situationen, in denen wir uns befinden möglichst recht und gut werden. Ganz ähnlich ist es beim Frieden. Dahinter steht das hebräische Schalom, und das meint, dass man sich dafür einsetzt, dass das Leben in allen Beziehungen heil und gut wird, an Schönheit gewinnt, blühen kann, zur Entfaltung kommt. Wie können wir möglichst lebensdienlich und lebensförderlich sein? Das ist ein stetiger Prozess, eine stetige Aufgabe. Und ich denke, je mehr wir uns von Gott umarmen und bewegen lassen, desto mehr wird diese Aufgabe gelingen.

     In der Geschichte Jesu hat der Gott Israels noch einmal bekräftigt, was lebensförderliches, lebensdienliches Wirken ist; es führt zur Steigerung und Mehrung von Lebensfreude; und selbst der Tod, das größte Unheil, das letztlich Menschen und der Welt widerfahren kann, wird überwunden und muss Platz machen dem Frieden, am Ende, indem das Leben heil und gut wird in Ewigkeit. Gott unterstreicht in Jesus, wer er ist: Retter, Helfer, Befreier dem Leben zugute, schon jetzt in dieser Weltzeit und über den Tod hinaus in Ewigkeit. Amen.

Superintendent

Dr. Volker Menke
Luisenstr. 15
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244440