Gedanken zum 2. Sonntag nach dem Christfest

Nachricht 03. Januar 2021

Liebe Gemeinde,

sicherlich haben auch Sie es schon das eine oder andere Mal erlebt, dass Eltern oder Großeltern Geschichten über ihre Kinder und Enkel erzählen. Oft handelt es sich dabei um Geschichten, die sich in deren frühester Kindheit zugetragen haben.

„Martha konnte immer schon gut malen. Hier sieh mal, das hat sie mit 4 Jahren gemalt.“ „Leon ist bereits mit 2 Jahren hinter dem Ball hergelaufen und hatte ihn immer unter Kontrolle.“ „Seit sie sprechen kann, hat sie kluge Fragen gestellt.“ „Er war schon von Anfang an sehr tierlieb und konnte mit Tieren gut umgehen.“

Diese Erzählungen sollen in der Regel aufzeigen, welche besonderen Eigenschaften bei den betreffenden Kindern schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt ihres Lebens erkennbar waren, sollen verdeutlichen, was die beschriebene Person bereits als Kind ausgezeichnet hat. Und dass es kein Wunder ist, dass diese Person sich einen Beruf oder auch ein Hobby gesucht hat, bei dem sie diese Begabungen einsetzen kann und von ihnen profitiert.

Diese besonderen Fähigkeiten gehören zum Leben eines jeden dazu und prägen es, wenn auch sicher in unterschiedlichem Ausmaß. Das eine oder andere Ausnahmetalent ist durch den Einsatz seiner besonderen Begabungen berühmt geworden. In den Biografien dieser Personen finden sich häufig Anekdoten aus ihrer Kindheit.

Und so ist es eigentlich gar nicht verwunderlich, dass es auch von Jesus eine solche Geschichte gibt.

Sie steht in Lk 2,41-52 und lautet:

41 Die Eltern Jesu gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. 42 Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. 43 Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten's nicht. 44 Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. 45 Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. 46 Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. 47 Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. 48 Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. 49 Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? 50 Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. 51 Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. 52 Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.

Diese Geschichte ist allerdings die einzige Geschichte in der Bibel, die von Jesus im Kindes- bzw. Jugendalter berichtet. Nur der Evangelist Lukas hatte auch den Zeitraum zwischen Jesu Geburt in Bethlehem und seinem späteren Wirken als ca. 30-jähriger Mann im Auge. Warum aber liefert Lukas überhaupt eine Erzählung über den heranwachsenden Jesus? Nun, schon zu der Zeit, als Lukas sein Evangelium schrieb, galt der Gedanke: Herausragende Erwachsende müssen herausragende Kinder gewesen sein. Solche Erzählungen kannte man aus den alttestamentlichen Schriften. So wird beispielsweise von Samuel berichtet, dass mit zunehmendem Alter auch seine Weisheit und seine Gnade bei Gott und den Menschen zunahm. Aber auch in der griechisch-römischen Welt waren solche Berichte geläufig, z.B. in den Erzählungen über Kaiser Augustus, der schon im Alter von 12 Jahren überdurchschnittlich reif und erwachsen gehandelt haben soll.

In die Reihe dieser Erzählungen stellt Lukas die Geschichte vom 12-jährigen Jesus im Tempel. Auch diese Geschichte dient letztlich dazu, zum Ausdruck zu bringen, dass sich die Besonderheit, ja Einzigartigkeit Jesu schon lange vor dessen öffentlichem Wirken abzeichnete. Hier in dieser Geschichte zeigen sich die Eigenschaften desjenigen, der uns im Stall von Bethlehem als unser Retter und Erlöser vorgestellt wurde. Von Weihnachten aus ist Jesus herangewachsen. Diese Entwicklung wird im thematischen Voranschreiten unseres Kirchenjahres entsprechend abgebildet.

Schauen wir uns also etwas genauer an, was diese Geschichte über Jesus erzählt und warum sie auch für uns eine wichtige Funktion hat.

Meines Erachtens finden sich in dieser Erzählung drei entscheidende Aspekte:

Zum einen erfahren wir in dieser wie in keiner anderen biblischen Erzählung, dass Jesu Familie den traditionellen jüdischen Bräuchen nachgeht und dabei ganz selbstverständlich ihren erstgeborenen Sohn einbezieht. Traditionelle Familienbräuche kennen auch wir. Gerade zum Weihnachtsfest gibt es sie nahezu überall auf der Welt. Auch wenn beim Weihnachtsfest 2020 Flexibilität und Improvisation gefragt waren, so war das Anliegen doch stets, alte Traditionen zu pflegen. Wie zur Weihnachtsfeier bei uns gehörte zu Jesu Zeiten zur Feier des Passahfestes, dass die Geborgenheit familiären Miteinanders erlebt werden kann. Es werden aber auch die Grenzen dieses Miteinanders deutlich. Ist es nicht tröstlich, dass selbst die Heilige Familie offenbar nicht immer eine heile Familie war? Jesus geht einfach nicht mit seinen Eltern wieder zurück nach Nazareth, hält es offenbar noch nicht einmal für nötig, diese über sein Verbleiben im Tempel zu informieren.

Zum zweiten lässt diese Geschichte, in der Jesus sich von seinen Eltern emanzipiert, einen religiös hochbegabten Jungen erkennen. Jesus verblüfft die theologischen Lehrer seiner Zeit mit seinen Fragen und Antworten. Die Umstehenden bewundern seinen Verstand. Weil Jesus bereits seit seiner Geburt in einzigartiger Weise mit Gottes Geist ausgestattet ist, ist es ihm möglich, bereits im Kindesalter mit den berühmtesten Gelehrten seiner Zeit zu diskutieren. Dass Jesu Entwicklung dennoch keinesfalls abgeschlossen ist, darauf weist der letzte Satz dieser Geschichte hin: Jesus nahm auch weiterhin an „Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen“ zu. Deutlich wird aber auch, dass Jesu außergewöhnliche Fähigkeiten ausschließlich auf seiner besonderen Gottesbeziehung gründen.

Das alles hängt also mit dem dritten Aspekt zusammen. Er wird deutlich, als Maria ihren Sohn - nach einer schier endlosen Suche endlich gefunden - zur Rede stellt. Jesus antwortet: „Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ Jesus verweist auf die Quelle seines Tuns und Redens, auf seinen eigentlichen Vater, auf Gott selbst.

Hier benennt Jesus selbst Gott als seinen Vater. Das ist deshalb so wichtig, weil dieses Verhältnis zu Gott prägend wird für alles, was Jesus tut. Und seine Aussage macht deutlich, dass ihm selbst das auch schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt bewusst ist. Jesus lebt in einer einzigartigen Beziehung zu Gott, den wir gerne als den Allmächtigen und Ewigen bezeichnen und den wir damit eher als etwas Fernes, Fremdes kennzeichnen. Jesus aber lebt und handelt aus einer einzigartigen Verbindung von Liebe, Vertrauen und Gehorsam zu seinem Vater. Im Laufe seines späteren Wirkens wird Jesus auch seine Jünger in diese besondere Verbindung einbeziehen. Es ist diese besondere Verbindung, die es auch uns heutigen Christen erlaubt, Gott unseren Vater zu nennen, so wie wir es immer wieder beim Beten des Vaterunsers tun.

Jesus erweitert damit auch den Begriff der Familie: Menschen, die in Jesus Gottes Herrlichkeit erkennen, die von seiner Gnade und Weisheit berührt werden und sich selbst als Kinder Gottes verstehen, werden zu Geschwistern. Sie leben im Vertrauen, Gott nahe und von ihm getragen zu sein. Sie sind mit Jesus verbunden, mit seiner Menschenliebe, seiner in Gott ruhenden Ehrlichkeit, seinem Glauben an eine letztlich von Gott zu stiftende Zukunft. Mit diesem Jesus können auch wir Gott finden.

 

Und damit schließt sich der Kreis: An diesem Jesus, von dem uns als 12-Jähriger im Tempel von Jerusalem erzählt wird, können wir uns orientieren. Und wir können uns auch mithilfe dieser Kindheitsgeschichte immer wieder an seine Besonderheit, seine Einzigartigkeit erinnern. Vor allem aber sollen wir diese Erfahrung weitererzählen, wann immer sich die passende Gelegenheit ergibt! Amen

 

Bleiben Sie behütet und gesund!
Ihre Pastorin Heidrun Gunkel

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451