Gedanken zum 1. Sonntag nach Trinitatis

Nachricht 06. Juni 2021

Liebe Gemeinde,

wer hat nicht schon einmal vom Propheten Jona gehört? Er ist wirklich sehr populär, ja eine der bekanntesten alttestamentlichen Prophetenfiguren. Viele lernen Jonas Geschichte schon im Kindergottesdienst oder im Religionsunterricht in der Grundschule kennen. Dabei bleibt so manchem vor allem das Bild von Jona und dem großen Fisch im Gedächtnis. Dieses Bild wurde sogar über viele Jahrhunderte an die Wände römischer Katakomben gebannt oder von berühmten Malern auf Leinwänden verewigt. Die Zeit im Fisch stellt für Jona und seine Geschichte ja auch einen entscheidenden Wendepunkt dar. Unser heutiger Predigttext Jona 1-2,2.11 erzählt uns, wie Jona überhaupt in den Bauch dieses großen Fisches gelangte.

Es beginnt damit, dass Jona eine Stimme hört. Auch wir kennen solche Stimmen zur Genüge. Könnte das einer der Gründe sein, warum uns die Geschichte von Jona in der Bibel erzählt wird? Viele Stimmen dringen täglich auf uns ein, manchmal mehr als wir verkraften können. Von allen Seiten kommen sie auf uns zu. Sei es in der medialen Werbung, sei es auf dem Schulhof, im Berufsleben oder in der Freizeit. Lautstark, fordernd. Mit vielen verschiedenen Interessen. Es ist nicht leicht, unter diesen Umständen Entscheidungen treffen zu müssen. Seit über einem Jahr sind es z.B. ständig neue Stimmen, Regelungen und Forderungen zur Pandemie, die uns in Atem halten. Sie machen mitunter Druck, irritieren und verunsichern uns. Von so vielen Seiten wird versucht, Einfluss auf unser Verhalten zu nehmen. Welcher Stimme sollen wir folgen?

Jona erhält seinen Auftrag direkt von Gott: „Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen.“

Obwohl doch wohl kein Zweifel darüber bestehen sollte, dass Jona Gottes Wort folgen sollte, gerät er in Panik. Auf diese Stimme will er nicht hören. Er ist nicht einverstanden mit dem, was Gott, was das Leben ihm zumutet, fühlt sich völlig überfordert.

Vielleicht wird uns die Geschichte von Jona in der Bibel auch deshalb erzählt, weil auch wir manchmal wie Jona sind: widerspenstig, flatterhaft und nicht einverstanden, ja völlig überfordert mit den Dingen, die uns das Leben auferlegt. Jona entscheidet sich dazu, vor Gott und dessen Auftrag wegzulaufen. Vielleicht kennt der ein oder andere von uns diesen Impuls auch: Wenn es einfach zu viel ist und keine Chance mehr für eine Lösung der Probleme gesehen wird. Dann bleibt scheinbar nur noch, einfach die Flucht zu ergreifen und den Umständen auf diese Weise zu entkommen.

Aber kann das denn funktionieren: wegzulaufen vor Gott und dessen Plan für das Leben? Jona jedenfalls versucht es. Und erstmal fährt das für die Flucht ausgewählte Schiff planmäßig los, segelt in eine ganz andere Richtung, weit fort von Ninive. Aber es dauert nicht lange, da holen die Probleme den widerwilligen Propheten wieder ein. So ist das wohl mit dem Verstecken oder Fortlaufen vor Schwierigkeiten: Man kann sie kurzfristig in den Hintergrund drängen, vielleicht sogar eine Weile vergessen, aber sie kommen doch wieder zurück, schneller als man denkt. Bei Jona geschieht das in Form eines Unwetters. Ein fürchterlicher Sturm bringt das Schiff in Seenot, die Besatzung in Lebensgefahr. Gerade hatte Jona sich schlafen gelegt. Die Seeleute rufen zunächst ihre eigenen Götter an. Als alles nichts hilft, wecken sie Jona und bitten ihn, seinen Gott anzurufen. Zudem kommt schnell die Frage auf: Wer ist schuld an dem Unwetter, wer muss geopfert werden, um das Leben der anderen zu retten? Ein eilig durchgeführtes Losverfahren weist Jona als denjenigen aus, der den Zorn der Götter auf sich gezogen hat. In dem Moment sieht Jona klar: „Ich bin ein Hebräer und fürchte den Herrn, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.“

Jona leugnet nichts, sondern er bekennt sich zu seinem Gott. So macht er gleichzeitig den Seeleuten klar, dass sein Gott die Macht über Himmel und Erde und in der Folge auch über das Meer und den Sturm hat. Die Seeleute begreifen, dass Jona in einer besonderen Beziehung zu diesem Gott steht. In bedrängenden Situationen sieht man oft klarer und die Verhältnisse im Leben sortieren sich. Und dann kann man auch weitersehen. Jona zieht für sich die Konsequenzen und schlägt den Seeleuten vor, ihn zur Beruhigung der Situation über Bord zu werfen. Weil keine anderen Maßnahmen helfen, greifen sie schließlich tatsächlich zu dieser letzten Chance und haben Erfolg. Das Wetter beruhigt sich, sie werden gerettet.

Und Jona? Wäre es nicht konsequent, wenn er jetzt für sein Verhalten bestraft würde? Aber Jona geht nicht unter, sondern wird von einem großen Fisch verschlungen. Gott nimmt ihn auf diese Weise in seine rettende Obhut. Für Jona wird der Fisch zu einem Rückzugsraum. Es scheint, als kommt Jona hier in seiner Rettungskapsel endlich zur Ruhe. Vielleicht brauchte er diese Zeit im Bauch des von Gott geschickten Fisches, um sich wieder zu spüren, um sich lebendig und den Herausforderungen, die das Leben da draußen an ihn stellen würde, wieder gewachsen zu fühlen. Und er beginnt, mit Gott im Gebet zu reden. Jona findet also zurück in eine gute Beziehung zu Gott. Er dankt ihm. Er preist und lobt ihn. Sein Gottvertrauen ist zurück.

Vielleicht wird uns die Geschichte von Jona in der Bibel deshalb erzählt, weil auch wir manchmal wie Jona sind. Weil auch wir zu unserem „Ja“, zur Treue gegenüber unserem eigenen Leben, zu unseren Mitmenschen und zu Gott manchmal erst wieder finden müssen.

Bei Gott sind wir in guter Obhut. Er hält immer eine Rettungskapsel für uns bereit. Vielleicht haben Sie solch einen Ort vor Augen, der immer wieder als Ihre ganz persönliche Rettungskapsel dient. Es muss ja nicht unbedingt ein Fisch sein. Manchmal mag dies ein Lieblingsplatz sein, mag dieser Ort im Garten, in einem gemütlichen Zimmer, am Ferienort oder auch in einer Kirche liegen.

Von der Rettungskapsel aus kann es dann nach einer hilfreichen Zeit der Ruhe, vielleicht auch des Gebets, wieder weitergehen:

„Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.“

Weil Jona nun zu seinem Leben mit allem, was dazu gehört, wieder Ja sagen kann, kann er wieder auftauchen. Sich und seinem Gott treu bleiben. Und auf Gottes Wort hören.

Amen

Bleiben Sie behütet und gesund!
Ihre Pastorin Heidrun Gunkel

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451