Gedanken zum 1. Sonntag nach Epiphanias

Nachricht 10. Januar 2021

Predigt zu Römer 12, 1-8

Liebe Schwestern und Brüder,

wieder haben wir Sonntag und feiern Gottesdienst. Wie oft soll man eigentlich als Christ oder Christin Gottesdienst feiern? Jede Woche einmal, jeden Monat einmal, einmal im Jahr zu Weihnachten? Und ab wann ist ein Gottesdienst ein Gottesdienst? Welche Elemente, welche Bestandteile muss er unbedingt haben, um Gottesdienst genannt zu werden? Und ist Gottesdienst ein richtiger Gottesdienst nur, wenn er in einem bestimmten Raum, vorzugsweise in einer Kirche stattfindet?

     Dem heutigen Predigttext entnehme ich: Feiert Gottesdienst täglich und der Raum kann jeder Ort auf der Welt sein. Wie unser Körper Tag für Tag Nahrung bedarf, um nicht schwach und krank zu werden, so braucht – denke ich – auch unsere Seele, unser innerer Mensch jeden Tag Nahrung, damit Liebe, Mitmenschlichkeit, Trost, Hoffnung, Lebensfreude nicht verkümmern, sondern sich möglichst gut und stark entwickeln. Gottesdienst ist ein interessantes Wort, man kann es auf zweierlei Weise verstehen, als Dienst Gottes für uns oder als unseren Dienst für Gott. Genau betrachtet gehört und kommt beides zusammen. Im Römerbrief erzählt der Apostel Paulus mit Blick auf Christus über viele Kapitel hinweg, was Gott für uns getan hat beziehungsweise tut. Wie Gott uns dient. Wir hören und lesen Sätze wie: „die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm. 5, 5), oder: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm. 5, 8), oder: „welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ (Röm. 8, 15), oder: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Röm. 8, 38f.) Auf vielfache Weise bringt Paulus Gottes Barmherzigkeit zur Sprache, also, dass Gottes Herz für uns schlägt, jetzt und in Ewigkeit. Gott, bekräftigt durch seine Geschichte in Jesus, dient uns, damit wir ein Leben neuer Qualität, neuer Güte gewinnen, ein heilvolles Leben, jetzt schon und über den Tod hinaus. Gott schenkt sich uns zugute, dem Blühen des Lebens zugute. Und was bedeutet dieser Gottesdienst, dieser Dienst Gottes für uns dann für die Art und Weise unseres Lebens?

     Mit diesem Thema beschäftigt sich Paulus im Römerbrief ab dem Kapitel, aus dem der heutige Predigttext stammt. Kurz gesagt ermuntert Paulus dazu, dass Menschen mit ihrem Leben, mit dem, was sie sind und haben, zeigen und ausstrahlen, dass sie zum barmherzigen Gott gehören. Er drückt es so aus: „Ich ermahne euch nun Brüder und Schwestern, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr euren Leib hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig sei. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.“ (Röm. 12, 1) Also, euer Dienst für Gott, den man jederzeit und überall ausüben kann. Jederzeit und überall kann man mit Wort und Tat zeigen, dass man geprägt und bewegt ist von dem uns dienenden barmherzigen Gott. Und soll es auch zeigen, damit das Leben in der Welt an Schönheit gewinnt. Der barmherzige Gott soll der Maßstab unseres Sprechens und Handelns sein. An ihm richten wir unser Leben wieder und wieder neu aus, nicht an „Volkes Stimme“, nicht an irgendwelchen Vorschriften, sondern an Gottes Barmherzigkeit. Es geht darum, sie in den unterschiedlichen Situationen des Lebens möglichst leuchtend und wohltuend auszustrahlen durch das, was wir sagen und tun. Mit Paulus gesprochen: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ (Röm. 12, 2) Es ist ein lebendiger Prozess, möglichst gut, Gottes Barmherzigkeit, die uns erfüllt und bewegt, auch zur Ausstrahlung zu bringen für andere Menschen und die Welt. Jeder Gottesdienst, eben auch in einer Kirche, wo wir unser Leben in das Licht der Barmherzigkeit Gottes stellen, von Gott hören, ihn auf uns wirken lassen, mit ihm sprechen im Gebet, bedeutet Erneuerung unseres Sinnes, Neu-Anfachung der Liebe in uns, bedeutet ein heilvollerer Mensch zu werden, bedeutet einen Neuaufbruch, die Würde der Gotteskindschaft zu leben und durch Sprechen und Handeln Licht in die Welt zu tragen.

     Jede und jeder von uns kann das, ist dafür in je eigener Weise von Gott begabt. Jede und jeder wird gebraucht, um die von Gott geschenkten Fähigkeiten, Möglichkeiten und Begabungen zum Wohle des Lebens einzusetzen. „Wir haben mancherlei Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist“, so drückt es Paulus im Römerbrief aus (Röm. 12, 6) und nennt dafür Beispiele. Niemand ist unbegabt. Alle Begabungen zusammen ergeben ein volles und buntes schönes Bild, ein ausstrahlungskräftiges Bild von Gemeinde.

     Wie viel Pastoren und Pastorinnen hat die St. Jakobi-Kirchengemeinde eigentlich? Man ist geneigt zu sagen: Na, drei. Und was ist mit Ihnen und Euch und den vielen anderen, die auch noch zur Gemeinde gehören? Pastor heißt übersetzt „Hirte“. Also jemand, der schützt, behütet, gute Wege sucht; denen, die einem Hirten anvertraut sind, soll es möglichst gut gehen. Solches Hirte-Sein ist nicht an einen bestimmten Ausbildungsweg gebunden. Die Menschen, die Welt und ihr Wohlergehen hat Gott uns allen anvertraut. „Gib mir Liebe ins Herz, lass mich leuchten“, so heißt es als Bitte an Gott in einem modernen Kirchenlied; die dritte Strophe in dem Lied nimmt unser aller Hirte-Sein in den Blick, wenn es heißt: „Lass mich sein für die Welt wie ein Hirte, der für andere lebt, bet´ ich. Herr, du selbst bist der allertreu´ste Hirte, darum sei nun auch das durch mich.“[1] Durch jede, jeden von uns möchte der uns zum Wohle, zum Heil dienende Gott zur Ausstrahlung kommen, Raum gewinnen in der Welt, Kreise ziehen mit seiner Barmherzigkeit. Jedem und jeder hat er dafür Begabungen, Fähigkeiten, Talente, Möglichkeiten geschenkt für das Gedeihen und Blühen des Lebens der Gemeinde nach innen und in ihrem heilenden, wohltuenden Wirken nach außen in die Stadt, das Land, die Welt hinein. Wenn wir das praktizieren, dann feiern wir unseren alltäglichen, vernünftigen Gottesdienst. Nicht zuletzt sonntags in einer Kirche werden wir dafür gestärkt im Gottesdienst, in der Zusage Gottes: Er dient dem Leben zugute, unserem Leben und dem Leben der Welt. Sein Herz schlägt für uns in Zeit und Ewigkeit. Das wollen wir dankbar, hilfreich und fröhlich zur Ausstrahlung bringen. Amen.

 

[1] Lied Nr. 204 in: Feiert Gott in eurer Mitte. Liederbuch der Teestube Würzburg, hrsg. von A. Ebert u. K. Hannemann, Neuhausen-Stuttgart 1979. 

Superintendent

Dr. Volker Menke
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