Gedanken zum 1. Sonntag im Advent

Nachricht 28. November 2021

„Seht, die gute Zeit ist nah..:“ – so wie das Lied klingt für mich die Adventszeit, die heute beginnt. Überall in den Straßen unserer Stadt und ganz besonders hier in der Innenstadt können wir uns an warmen Lichtern, Tannenbäumen und vielem mehr freuen. Das alles kündigt an, dass wir etwas Besonderes erwarten. „Seht, es kommt eine Zeit…“

Advent, das meint schon vom Wortsinn her, dass etwas im Kommen oder Ankommen ist. Aber wann wird es soweit sein? Ist es nicht mehr fern? Dürfen wir jetzt ganz unmittelbar darauf hoffen?

„Seht, es kommt eine Zeit…“ In dieser Ankündigung scheint eine Sehnsucht erfüllt zu werden.

Wonach sehnen Sie sich im Moment gerade am meisten? Wäre es nicht überwältigend, wenn sich die Wünsche und Hoffnungen tatsächlich endlich erfüllen würden?

Jede und jeder von uns hat kleine und große Wünsche und Hoffnungen. Und ich gehe davon aus, dass wir alle im Moment in einer großen Hoffnung verbunden sind. Nämlich dass die Pandemie uns und unseren gesamten Alltag nicht mehr so sehr bestimmt. Bei vielen liegen nach der langen Zeit des Aufs und Abs die Nerven blank. Infektionszahlen steigend oder fallend, heute diese Regeln, morgen jene. Wer soll da noch den Überblick behalten, kann der Alltag überhaupt noch sinnvoll geplant und gelebt werden?  Es scheint unabsehbar zu sein, welche Folgen die Pandemie gesundheitlich und gesellschaftlich nach sich ziehen wird, die Angst ist groß und stets präsent. Das Virus scheint unberechenbar.

Schon im letzten Jahr haben wir es erlebt: Eine ausgebremste Adventszeit, ein von Einschränkungen bestimmtes Weihnachtsfest. Bis heute manövrieren wir uns mehr oder weniger gut durch diese Pandemie und versuchen das zu tun, was möglich ist. Aber wie wird es weiter gehen?

Unsere Sehnsucht ist groß nach einer Zeit ohne Einschränkungen, ohne erforderliche Vorsichtsmaßnahmen, ohne ständige Sorge vor den Folgen einer Ansteckung. Wir sehnen uns nach schönen Stunden mit den Lieben, nach adventlichen Feiern und Konzerten, nach gemeinsamem Singen, nach unbeschwertem Weihnachtsessen. Wie lange noch wird das alles nicht möglich sein? Wann wird es endlich anders werden?

„Seht, es kommt eine Zeit…“ Der Predigttext, der für den heutigen Beginn der Adventszeit vorgesehen ist, spricht ebenfalls in eine sehr chaotische und bedrückende Situation hinein. Jerusalem vor circa 2600 Jahren . Die Davids-Stadt und der Tempel lagen in Schutt und Asche, nachdem die Babylonier einen vernichtenden Feldzug gegen den Staat Juda geführt hatten. König und Oberschicht waren ins Exil nach Babylon verschleppt. Der in Jerusalem thronende König hatte die Weltmacht Babylon durch das Brechen von Verträgen, durch das Einstellen der vereinbarten Tributzahlungen provoziert. Der Prophet Jeremia hatte davor gewarnt, aber kein Gehör gefunden. Die Katastrophe hatte er nicht verhindern können. Aber nun hatte er von Gott den Auftrag erhalten, den Menschen eine Hoffnungsperspektive zu geben. Jeremias Worte bilden unseren heutigen Predigttext, sie lauten folgendermaßen:

5 Seht, es kommt eine Zeit, in der ich für David einen Nachfolger einsetzen werde, einen gerechten Spross, spricht der Herr. Er wird als König herrschen und gut regieren. Recht und Gerechtigkeit werden ihn auszeichnen, und er wird sie im Land durchsetzen. 6 Zu dieser Zeit wird Juda gerettet werden, und Israel wird in Sicherheit leben. Das wird der Name sein, den man ihm geben wird: »Der Herr ist unsere Gerechtigkeit!«

7 Seht, es kommt eine Zeit, in der man Gott einen anderen Beinamen geben wird, spricht der Herr. Dann sagt man beim Schwören nicht mehr: »So gewiss der Herr lebt, der die Israeliten aus Ägypten geführt hat!« 8 Stattdessen wird man sagen: »So gewiss der Herr lebt, der die Nachkommenschaft Israels herausgeführt hat! Er hat sie aus dem Land im Norden befreit. Er hat sie aus allen Ländern zurückgebracht, in die er sie vertrieben hatte. Jetzt leben sie auf ihrem eigenen Land.«

 

„Seht, es kommt eine Zeit…“ Die Menschen, denen Jeremia diese Hoffnungsperspektive gab, sehnten sich danach, im eigenen Land und zudem unter einem gerechten König leben zu können. Aber wann würde diese Zeit anbrechen, in der Gerechtigkeit herrschen und alle in Ruhe und Frieden leben sollten? Darauf gaben Gottes Worte keine Antwort. Die Hoffnung erfüllte sich erst 70 Jahre später: Die Menschen durften in ihre Heimat zurückkehren, der Tempel wurde neu aufgebaut. Aber natürlich saß die Katastrophe in den Knochen. Solch lange Zeit hatten sie die Hoffnung bewahren und die Sehnsucht nach ihrer Erfüllung aushalten müssen.

„Seht, es kommt eine Zeit…“ Lohnt es sich also, zu hoffen? Als Jesus in Jerusalem einzog, wie wir es im heutigen Evangeliumstext gehört haben, da sahen viele in ihm den „Spross Davids“, auf den Jeremia und viele andere Propheten gehofft hatten. „Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn!“ Die alten prophetischen Worte wurden zur neuen Hoffnung, die mit Jesus in die Stadt einzog.

In der Adventszeit bereiten wir uns auch hier und heute darauf vor, dass Jesus kommt. Wir glauben und hoffen, dass er auch zu uns kommt, mitten in unsere momentane Situation hinein. Advent aber heißt erst einmal, Jesu Kommen zu erwarten. Advent heißt warten. Und wer schon einmal gewartet hat, der weiß, wie lang das werden kann. Auf einer langen, scheinbar nicht enden wollenden Strecke ist es hilfreich, sich die kleinen Fingerzeige auf die Erfüllung der Hoffnung vor Augen zu führen: Da sind die geschmückten Straßen, die Lichter in unserer Stadt. Da sind Lieder, die von Gott erzählen, der uns durch schwierige Zeiten hindurch geholfen hat und dies auch weiterhin tun wird. Da gab es in den letzten eineinhalb Jahren viele gute Ansätze, sich auf neuen Wegen im Sinne Jesu nahe zu sein. Durch digitale Kommunikation, durch Telefonate, durch Geschenk- und Verteilaktionen, durch vielerlei Formen von Hilfe im konkreten Bedarfsfall. Es ist manchmal nicht so einfach, diese Fingerzeige zu finden. Aber es gibt sie, auch im scheinbar Verborgenen. Oft braucht die Hoffnung viel Zeit, um zu reifen und schließlich aufzugehen.

Der Umgang mit einer Blumenzwiebel kann das veranschaulichen: Zunächst müssen wir sie in der Erde verbergen. Ja mehr noch, zum Wachsen und Gedeihen benötigt sie die Kälte und den Frost. In den trüben, grauen Zeiten des Winters können wir nur die Hoffnung hochhalten, dass die Zeit kommen wird, in der aus ihr eine schöne Blume erwächst.

„Seht, es kommt eine Zeit…“

Oft lässt die Erfüllung der Hoffnung auf sich warten. Auch im Advent. Aber: Es kommt die Zeit. Und einer wird kommen, der auf allen Wegen mitgeht. Bewahren wir uns diese Hoffnung, gerade jetzt im Advent.

Amen

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine
Tel.: 05171 – 80244451