Gedanken zum 1. Sonntag im Advent

Nachricht 29. November 2020

Predigt zu Sacharja 9,9-10

Liebe Schwestern und Brüder,

„Drei, drei, drei bei Issos Keilerei“ – ich vermute mal, dass eine ganze Reihe von uns diesen Merkspruch noch aus dem Geschichtsunterricht kennen. 333 – das Jahr der Schlacht von Issos, in der der makedonisch (-griechische) König Alexander der Große und der persische Großkönig Dareios III. zum ersten Mal direkt aufeinandertrafen. Bildliche Darstellungen zeigen, wie die zwei Herrscher mit ihren Armeen aufeinanderstoßen. Es ist der Kampf zweier Weltmächte. Auf einem Mosaik aus Pompeji ist der persische Herrscher im Streitwagen und Alexander hoch zu Ross zu sehen, dazu ein Gewimmel von Soldaten im Kampf, manche zu Tode stürzend.[1] Und auch wenn Bilder es oft nicht zeigen: So ein Krieg, sein Verlauf, sein Ausgang wirkt sich ja mehr oder weniger stark insbesondere auf alle Menschen der betroffenen Länder aus.

     Auch das Geschick der Menschen auf dem Gebiet Israels, das im 4. Jahrhundert vor Christus unter der Oberherrschaft Persiens stand, waren von jener Schlacht und ihren geschichtlichen Auswirkungen betroffen. Angst, Gewalt, Blutvergießen, Tod, Eroberung, Not sind mit Kriegen verbunden. Auf welchen Herrscher soll man setzen? Zu wem soll man halten? Zu Alexander dem Großen oder zu Dareius III.? Das waren auch Fragen der Menschen auf dem Gebiet Israels. Und die Antwort? Weder – noch. Es gibt noch eine Alternative, noch einen anderen Herrscher; und von dem wird im Prophetenbuch Sacharja gesprochen, wenn es heißt: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze. Denn dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer (oder: einer, der Hilfe [selbst] erfahren hat),[2] arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“ (Sach. 9, 9) Wir spüren deutlich den Kontrast zwischen Herrschern wie Alexander dem Großen hoch zu Ross und Dareios III. auf dem Streitwagen einerseits und dem auf dem Esel reitenden König andererseits. Heute würde man vielleicht sagen: da kommt ein Armeeoberbefehlshaber nicht mit dem Panzer und hochgerüstet, sondern auf dem Fahrrad,[3] fröhlich winkend, in jedem Fall jemand, der nicht Schrecken und Angst verbreitet, wie es Alexander der Große, Dareios III., ihre Nachfolger und viele andere Herrschende taten und tun.

     Auch der König, der da auf dem Esel kommt, ist auf Weltherrschaft aus. Aber seine Herrschaft bedrückt und unterdrückt nicht, sondern bewirkt, dass sich Menschen freuen, ja jauchzen können. „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze“ – so ruft der Herold vor diesem König aus. Das hat etwas Subversives, Umstürzlerisches gegenüber allen Herrschenden,[4] die mit Drohung, Unterdrückung, Gewalt regieren. Da gibt es noch einen größeren Herrscher; und der herrscht so nicht, der herrscht nicht über, sondern für die Menschen. Befreiung zur Lebensfreude zieht mit ihm ein. Und mehr und mehr will seine wohltuende Herrschaft Kreise ziehen und die ganze Welt erobern. Mit den Worten aus dem Prophetenbuch Sacharja gesprochen: „Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.“ (Sach. 9, 10).  Die Weltherrschaft des Friedens, die Gut- und Heilwerdung des Lebens überall, wo es spielt, hat dieser Herrscher im Blick und setzt sich dafür ein.

     Weltherrschaft des Friedens – eine Utopie? „Utopie“ bedeutet wörtlich „ohne Ort“, meint also etwas, das es nicht gibt. Nun, was menschliche Aktivität betrifft, gibt es die Weltherrschaft des Friedens solange nicht, solange Menschen nicht anfangen, groß zu denken und groß zu hoffen und entsprechend zu handeln, beginnend an ihrem jeweiligen Ort, sich für die Heil- und Gutwerdung des Lebens einzusetzen. Man kann sozusagen zu Hause, in den eigenen vier Wänden damit beginnen. Und wir stehen nicht allein. Sondern einer geht uns ja schon voraus und gibt im Namen Gottes mit seinem Sprechen und Handeln, ja mit seiner ganzen Existenz der alten Verheißung auf den Frieden der Welt neue Nahrung, neue Kraft, neue Vitalität, neue Lebendigkeit.[5]

     Nicht ohne Grund sehen darum viele im Kommen Jesu den Friedenskönig, von dem das Prophetenbuch Sacharja spricht. „Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem!“, so erklingt es im Adventslied (Ev. Gesangbuch 13, 1) mit Blick auf Jesu Kommen. Zumal, wenn die Musik dazu mit Pauken und Trompeten erschallt, mag man durchaus an einen Militärmarsch denken und damit eher an Herrscher wie Alexander, Dareios und viele andere, doch wir feiern mit der triumphierenden Musik, dass mit Jesus der Friedenskönig gekommen ist und mit ihm die Heil- und Gutwerdung des Lebens sich Bahn bricht, sich durchsetzt und schlussendlich eben triumphiert in Ewigkeit. Der Friedenskönig sorgt auch dafür, dass jeder Angriff auf unser eigenes Leben, in welcher Gestalt auch immer, abgewehrt und überwunden wird; auch der Tod hat keine Chance uns niederzuringen.  

     Jemand sagte einmal, Christen könnten die größte Friedensbewegung der Welt sein. Ja! Die Welt im Kleinen und Großen wird heiler und heil, wird lichtvoll verändert, wenn Menschen sich von dem Friedenskönig Jesus beeindrucken, prägen, bewegen lassen und dann auch ausstrahlen, dass sie zu ihm gehören. Gott schickt diesen Friedenskönig, ja kommt selbst in ihm, um zu unterstreichen und zu erneuern, was immer schon gilt: Die Welt und ihr Geschick und wir in dieser Welt sind ihm nicht egal. Wir sind ihm eine Herzensangelegenheit. Und so will er auch unser Herz erobern. „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, mein Herzens Tür dir offen ist“, so heißt es im Adventslied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ (Ev. Gesangbuch 1, 5). Und wo immer Gott einzieht, für den Jesus steht, ziehen Trost und Hoffnung, Liebe und gute Wegweisung und nicht zuletzt Lebensfreude ein, kurz: Frieden – die Heil- und Gutwerdung, das Heil- und Gutsein des Lebens, schon jetzt und auf dem Weg zum siegreichen Triumph in Ewigkeit. Darum freue sich Tochter Zion sehr, jauchze Jerusalem und die ganze Welt; wir gehören dazu.

Amen.       

 

[1] S. Wikipedia-Artikel zu „Schlacht bei Issos“, abgerufen am 27.11.2020.

[2] S. Luther-Bibel, Revision 2017, Anmerkung zu Sach. 9, 9; Manuel Goldmann, Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe III. Plus, Berlin 2020, S. 3.

[4] S. Ders., a.a.O., S. 3.

[5] S. Ders., a.a.O., S. 1.

Superintendent

Dr. Volker Menke
31224 Peine
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