Gedanken zum 16. Sonntag nach Trinitatis

Nachricht 19. September 2021

Klagelieder 3, 22-26.31-32
22 Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende,
23 sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.
24 Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen.
25 Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt.
26 Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen.
31 Denn der Herr verstößt nicht ewig;
32 sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.

 

Liebe Schwestern und Brüder,
die Worte, die wir eben hörten, werden dem Propheten Jeremia
zugeschrieben, als Klageworte über die Zerstörung Jerusalems im Jahre 587 v. Chr., als die Babylonier dem Staat Israel ein Ende gemacht haben und die 50jährige babylonische Gefangenschaft begann.

Liturgisch haben sie bis heute einen festen Platz im jüdischen
Kalender, wenn an die 2. Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Christus gedacht wird, als die Römer Jerusalem zerstört haben und die Juden 2000 Jahre keinen eigenen Staat hatten und über ganz Europa zerstreut lebten.

Die Klagelieder – ein kleines Buch mit nur 5 Kapiteln – sind ein erschütterndes Zeugnis über das furchtbare Grauen, das mit dem Einbruch der feindlichen Truppen in Jerusalem einherging.

Da wird von hungernden und sterbenden Kindern auf den Straßen Jerusalems erzählt, von vergewaltigten Frauen und verstümmelten Männern, vom Triumph der Eroberer und von der Scham der Besiegten.

Das ganze Elend eines erniedrigten und geschlagenen Volkes wird ohne Beschönigung und rücksichtslos geschildert.

Und diese Schilderung ist so realistisch, dass beim Lesen bekannte Bilder an meinem inneren Auge vorbeiziehen – aus Sarajewo, Afghanistan, dem Kongo, Irak, Libyen, Sudan, Jemen, Syrien und wieder Afghanistan.

Die Bilder des Krieges sind seit Jahrtausenden immer die gleichen. Die bedauernswertesten Opfer sind die Kinder, die Frauen, die Alten.
Was mich aber erstaunt – ja sogar irritiert, ist die Schlussfolgerung, die der Prophet Jeremia aus diesem Unglück zieht.

Er sieht in der Zerstörung Jerusalems und seines Tempels
eine Strafe Gottes gegen Israel. Weil Israel ungehorsam gegenüber Gott war, die Priester und Propheten die Gerechten im Volke verfolgt und getötet und so den Bund mit Gott gebrochen haben,
schlägt Gott mit zorniger Hand sein Volk.

Die Niederlage eines Krieges wird als Strafe Gottes gedeutet –
was wäre, wenn Israel gesiegt hätte? Wird ein Sieg anders gedeutet?

Ja, auf der Seite der Sieger steht der Erfolg, steht das Recht –
Steht da auch Gott?

Der Prophet Jeremia geht hart ins Gericht mit den politisch
Verantwortlichen – und dazu gehören die Priester und Propheten.
Wegen ihrer Sünde muss das Volk nun so hart büßen.

Das sind auch bekannte Muster – solange die Machthaber auf ihrem Thron sitzen, werden sie hofiert und umgarnt – sind sie aber gestürzt und haben ihre Macht verloren -, trifft sie der ganze Zorn des Volkes.


Aber so einfach macht es sich Jeremia nicht – er weiß auch um die eigene Schuld, das eigene Versagen als es darum ging, das Unheil zu verhindern.

Er beklagt die Blindheit und Trägheit seines Volkes, mit deren Schicksal er auf Gedeih und Verderb verflochten ist

Die Klagelieder des Jeremia sind ein eindrückliches Zeugnis der
Deutung und Bewältigung einer politischen Katastrophe schrecklichen Ausmaßes.

Jeremia beklagt die eigenen Schuldanteile, die ganz individuellen wie die der gesamten Gesellschaft, an dieser Katastrophe und sieht als Folge davon den Zorn Gottes.

Aber er lässt nicht ab von Gott – er klammert sich an die Hoffnung und den Glauben, dass die Barmherzigkeit Gottes größer ist als sein Zorn und das seine Güte jeden Morgen neu entsteht.

Trotz Schuld und Sünde, trotz Versagen und Lieblosigkeit – Gott ist ein treuer Gott, dessen Liebe zu den Menschen niemals versiegt.

Liebe Schwestern und Brüder, das Bild eines zornigen Gottes, der durch Krieg und Zerstörung die Sünde der Menschen straft, ist mir ein fremdes Bild.

Die Frage aber nach Schuld und Versagen in Folge einer Katastrophe finde ich mutig und bewundernswert – es ist der Schritt aus einer infantilen hin zu einer erwachsenen
Haltung.

Hier wird Schuld erkannt und Verantwortung übernommen.

Kriege, Umweltkatastrophen, Finanzkrisen und der Zusammenbruch wirtschaftlicher und sozialer Sicherheitssysteme fallen nicht vom Himmel, sie sind von uns Menschen gemacht und von uns zu verantworten.


Sie sind die Folgen egoistischen und habgierigen Verhaltens –
ein gläubiger Mensch könnte deshalb schon zu dem Schluss kommen, dass sie eine Strafe Gottes sind.

Spätestens aber bei dem Anblick der Opfer dieser Katastrophen
bleibt mir dieser Gedanke im Halse stecken.

Die verhungernden Kinder, die zum Töten verurteilten Kindersoldaten, die vergewaltigten Frauen, das Heer der arbeitslosen Männer und Frauen, die für sich und ihre  Kinder keine Zukunft mehr sehen, die aufgegebenen Jugendlichen, die durch das Netz aller sozialen Sicherungen gefallen sind, die Verzweiflung derer, die trotz mehrerer Jobs ihre Miete nicht mehrzahlen können….

Hier sehe ich nicht mehr einen strafenden Gott – hier sehe ich einen solidarischen Gott, der sich auf die Seite der Opfer stellt,
ihr Schicksal teilt, mit ihnen auf die Straße oder ins Gefängnis geht, ihre Verzweiflung kennt und sich ihnen in Mitgefühl und Barmherzigkeit öffnet.

Hier sehe ich den gekreuzigten Christus, der das ganze Elend dieser Welt durchlitten hat und am Ende voller Angst schrie: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Aber Gott hat ihn nicht verlassen, so wie er auch sein Volk in seiner größten Bedrängnis nicht verlassen hat, denn Gott ist ein treuer Gott, dessen Liebe zu seinen Kindern größer ist als alle Empörung oder Zorn über so viel Böses in dieser Welt.

Seine Barmherzigkeit hat kein Ende, sie ist alle Morgen neu.

Liebe Schwestern und Brüder,
und manchmal, wenn wir wirklich alles getan haben, wenn uns nichts mehr einfällt, wenn uns die Angst oder Niedergeschlagenheit lähmt, wenn die Trauer zu groß, der Schmerz zu gewaltig ist, dann bleibt uns noch eine Möglichkeit, die uns Jeremia zeigt:


„Denn der Herr ist freundlich dem, der auf ihn harrt und dem
Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen.“ Amen.

Pastorin

Beate Lenz
Mödesser Weg 31
31224 Peine
Tel.: 05171 - 59 02 43