Gedanken zum 14. Sonntag nach Trinitatis

Nachricht 05. September 2021

Predigt zu 1. Thessalonicher 5, 14-24

Liebe Schwestern und Brüder,

was macht ein Mensch, der sich in einen anderen verliebt hat? Nun, er versucht, diesen Menschen für sich zu gewinnen und hofft, dass seine Liebe erwidert wird. Das wäre wunderbar, das wäre herrlich! Die Liebe verändert einen Menschen. Ein Verliebter versucht, sich dem geliebten Menschen von der besten Seite zu zeigen, zeigt sich verständnisvoll, großzügig, hilfsbereit, liebenswürdig, kurz: mit guten Eigenschaften. Und vielleicht trägt das dazu bei, beim Anderen Gegenliebe zu entfachen. Nur später stellt sich vielleicht die Frage: Was habe ich mir da nur für einen Typen eingefangen? So wie er am Anfang war und sich gezeigt hat, ist er leider nicht mehr. Er zeigt ein anderes Gesicht. Es wird erkennbar, es wird spürbar: Menschen haben nicht nur Schokoladenseiten. Liebe kann erkalten.

     Auch die ganze Bibel erzählt eine Liebesgeschichte. Man könnte sagen, sie erzählt die Geschichte von Gott, der sich wünscht, dass wir Menschen uns in ihn verlieben. Er tut alles, um unser Herz für sich zu erobern, um unsere Liebe zu gewinnen. Eine Liebe, die zeigt: Wir gehören zusammen, Gott und Mensch. Eines ist dabei wichtig: Wir müssen Gottes Liebe nicht in irgendeiner Art und Weise erarbeiten, er schenkt sie uns und verändert so das Leben von Menschen als von ihm Geliebte. Menschen zeigen sich dann von ihrer besten Seite, nicht, um die Liebe Gottes irgendwie zu verdienen, sondern weil sie von Gottes Liebe beeindruckt, erobert, geprägt und bewegt sind.

     Im heutigen Predigttext kommt zur Sprache, wie sich Menschen von ihrer besten Seite zeigen können, wenn es da zum Beispiel heißt: „Weist die Nachlässigen zurecht, (also: bringt Menschen, deren Leben in eine falsche Richtung läuft, auf einen guten Weg zurück), tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig mit jedermann. Seht zu, dass keiner dem andern Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, füreinander und für jedermann.“ (1. Thess. 5, 14f.) Man könnte diese und andere Ermunterungen und Appelle wohl kurz so zusammenfassen: Bitte, lebt und verhaltet euch so, wie es der Liebe Gottes zu euch entspricht. Da möge es größtmögliche Übereinstimmung geben.

     In der Bibel, deren Texte von Menschen ja zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten geschrieben wurden, gibt es unterschiedliche Vorstellungen von Gott. Es gibt darunter auch solche, auf Grund derer ich Gott nicht lieben könnte. Es gibt Vorstellungen von Gott, die sprechen mich nicht an, die stelle ich in Frage, die lehne ich ab. Und es gibt andere, durch die hat Gott mein Herz erobert, durch die hat Gott mich ergriffen, durch die hat Gott mich in ihn verliebt gemacht. Ich bin bewegt von Gott, der Sein und Leben ins Dasein ruft, der eine bunte, vielgestaltige Welt erschafft und sich grundlegend als Freund, als „Liebhaber des Lebens“ (Weisheit 11, 26) zeigt und erweist. Ich bin bewegt von Gott, der in der Herausführung Israels aus der Knechtschaft Ägyptens sich als Befreier, als Retter aus Bedrängnis und Not zu erkennen gibt.

     Immer wieder ist von Gott auch geredet worden, um Menschen Angst zu machen und sie zu disziplinieren: Nur wenn du so oder so dich verhältst, dann kannst du mit Gottes Liebe rechnen. -  Ich denke, religiöse Erfahrungen sind Befreiungserfahrungen: sie machen das Leben von Menschen heil, sie geben dem Leben Tiefe und eine Weite, die über den Tod hinausreicht, sie bewirken, dass von Gottes Liebe ergriffene Menschen sich auf den Weg machen, nun selbst in wohltuender Weise zu wirken für andere Menschen und die Welt.

     Zum Erweis seiner Liebe wird Gott in Jesus sogar Mensch, teilt unser Leben, begibt sich sogar in die Tiefe des Todes hinab und zerbricht den Tod für uns von innen heraus, auf dass wir nimmermehr Sklaven und Unterdrückte des Todes seien, sondern eben Befreite zum Leben jetzt und in ewiger Dimension. Was das bedeutet, hat der Apostel Paulus in wohl unüberbietbarer Weise im Römerbrief auf den Punkt gebracht, wenn er sagt: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8, 38f.) Bedingungslos und ewig sind wir von Gott geliebt, wie durch seine Geschichte in Jesus unterstrichen, bekräftigt, besiegelt. Besseres, Schöneres, Größeres kann es nicht geben.

     Im heutigen Predigttext nennt der Apostel Paulus Beispiele, wie Verhaltensweisen aussehen, die der Liebe Gottes entsprechen. Sie sind allgemein gehalten, denn letztlich muss man in jeder Situation, vor die uns das Leben stellt, in Freiheit entscheiden, welches Verhalten im Lichte der Liebe Gottes richtig und gut ist. Dafür gibt es keinen Vorschriftenkatalog, sondern je und je ist in der jeweiligen Situation eine freie Entscheidung zu treffen. Es gibt immer mehrere Möglichkeiten, und so hören wir von Paulus: „Prüft aber alles und das Gute behaltet“ (1. Thess. 5, 21) oder „jagt allezeit dem Guten nach“. So gut wie irgend möglich, soll unser Reden und Tun der bedingungslosen und ewigen Liebe Gottes entsprechen, die er zu uns hat. Immer wieder werden wir wohl allerdings erkennen, dass unser Reden und Tun, unser Verhalten in so mancher Situation suboptimal ist, nicht richtig, nicht recht, nicht gut. Recht wenig wird dann durch uns spürbar von der Liebe Gottes. Aber das Wunderbare ist, dass das Gott nicht davon abhält, weiterhin zu uns zu stehen; er erhält seine Liebe aufrecht, er wirkt weiterhin wohltuend uns zugute. Er selbst trägt Sorge dafür, dass unser Leben wieder in den Rhythmus kommt seiner Liebe. Paulus drückt das im Predigttext so aus: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch und bewahre euren Geist samt Seele und Leib unversehrt und untadelig für das Kommen unseres Herrn Jesus Christus.“ (1. Thess. 5, 23). Gott erwärme unser Leben mit seiner bedingungslosen und ewigen Liebe mehr und mehr, tiefer und tiefer, auf dass wir mit unserem Sprechen und Tun möglichst ausstrahlungsstarke, gute Botschafter und Botschafterinnen für die göttliche Liebe sind, Zeugen und Zeuginnen für Christus, in dem Gott unterstreicht: sein Herz schlägt für uns, unserem Leben zugute in Zeit und Ewigkeit. Amen.     

Superintendent

Dr. Volker Menke
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