Gedanken zum 12. Sonntag nach Trinitatis

Nachricht 22. August 2021

Lesung: Markus 7, 31 - 37

„Und als er wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege. Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! Und sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig. Und er gebot ihnen, sie sollten’s niemandem sagen. Je mehr er’s aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.“

 

Predigt

Liebe Gemeinde,
In den Texten heute am 12.So.n.Trinitatis geht es um den Blick nach vorne in eine Zukunft, in der Einschränkungen aufgehoben sind und das Leben wieder an Weite gewinnt.
Dazu gehört der wunderbare Jesaja Text über die Zukunft des Libanon. Wenn alle Tyrannen abgesetzt und abgewählt sind und nur noch Gott geheiligt wird. Und die, die irren im Geist, werden Verstand annehmen und sich belehren lassen.
Vielleicht sollte man den radikal-islamischen Taliban oder dem Mann aus Minsk diesen Text zum Frühstück servieren. Das nur am Rande gesagt.

Es geht in den Texten an diesem Sonntag um Heilungsgeschichten. Um Menschen, die seit langem durch ihr Kranksein eingeschränkt leben müssen, weil sie von Geburt an nichts anderes kennen, als gehandicapt zu sein. Sie wissen nicht, wie sich das anfühlt, alles tun zu  können mit dem Einsatz des eigenen Körpers: laufen, springen, tanzen, sprechen, sehen, hören und vieles mehr.

Die Epistel erzählt die Geschichte von dem Gelähmten am Jerusalemer Tempel, der sein ganzes Leben lang nichts anderes kannte, als Jahr um Jahr an die Stufen des Tempels abgesetzt zu werden, um etwas Geld für seinen sparsamen Unterhalt zu erbetteln.
Und nun noch eine Erzählung einer Heilung. Jesus heilt einen Taubstummen. Wir haben sie gerade eben gehört.

So wie hier Jesus vorgeht, müsste er heute mit einer Verwarnung oder einem Bußgeld rechnen. Berührung ist im Moment nicht angesagt. Und dann noch die Beschreibung, wie er in seine Hände spuckt und den Brei damit die Zunge des Tauben berührt. Igitt, das ist doch eklig, mag unsere erste Reaktion darauf sein.
Die Geste, dem Kranken die Finger in die Ohren zu legen, rührt an und ist hoch symbolisch.

Der zu Jesus gebrachte Mensch hört nicht und Jesus legt seine Finger auf die Organe, die sonst das Hören erlauben.  Warum Jesus so demonstrativ vorgeht, bleibt ein Rätsel. Vielleicht stellt er durch die Berührung erst den Kontakt her. Er spürt dadurch, wer der Mensch vor ihm ist, mit wem er es zu tun hat, der seine Hilfe benötigt. Echte, gelebte Beziehung geht nicht ohne Berührung und innere Beteiligung.
 

Und dann braucht er die Hilfe seines Vaters im Himmel. Mit einem Seufzer erhebt Jesus seinen Blick nach oben und sagt: Tu dich auf!

Ich mag diese unterschiedlichen Heilungsgeschichten in unserer Bibel. Nicht, weil sie immer eine Lösung parat haben und die Kranken gesund werden. Es ist die Anteilnahme derer, die die Gelähmten, Taubstummen oder Blinden zu Jesus führen und ihn bitten, er möge etwas tun.

Ist es echte Teilnahme der Menschen, die den Kranken zu Jesus bringen oder doch eher die Neugier, wer dieser Jesus ist und was er im Namen Gottes vollbringen kann? Die Motive mögen nicht ganz rein sein. Sind sie deshalb unehrenhaft? Jesus heilt, und das will man doch miterleben!

Wie viele Menschen sind nicht von einer schweren Erkrankung geheilt worden! Gebete und Medizin haben nicht immer den gewünschten Erfolg gebracht. War und ist das Wissen darum, dass Menschen für einen beten, deshalb nicht trotzdem hilfreich und gut?

Ein Bekannter war vor einigen Jahren schwer an Krebs erkrankt. Die Ärzte gaben ihm noch wenige Wochen. Er selbst wehrte sich gegen die Diagnose. Er wollte irgendwann nicht mehr das Opfer seiner Krebserkrankung sein. Er „gebot“ dem Krebs, ihn nicht länger zu quälen, ihm nicht die Macht über sich und seinen Körper zu geben. Nicht sofort und nicht allein, kam er irgendwann auf Gott, suchte eine christliche Freikirche auf und ließ für sich beten mit Handauflegung. Er konsultierte auch die Ärzte weiterhin. Es klingt mysteriös, und keiner weiß, warum er seit fünf Jahren geheilt ist. Eine Wundergeschichte? Er selbst sagt heute: Es trugen wohl mehrere Faktoren zu seiner Heilung bei. Genau weiß er es auch nicht. Sein Fazit heißt: Es ist alles Liebe!
 

Ja, für ihn gilt das. Aber Liebe kann auch bedeuten, mit einer Krankheit weiterzuleben und dann irgendwann sterben zu müssen! Oft qualvoll. Aber ist dann die Liebe nicht viel umfassender? Wenn sie den Tod nicht ausklammert, sondern miteinschließt?
Nicht jede und jeder wird wieder gesund oder von Jesus geheilt. Brutal ist es, wenn der Tod tabuisiert wird und wir ihn nicht als zum Leben dazugehörig begreifen. Denn dann schließen wir Kranke und Hinfällige aus. Sie stören unseren täglichen Ablauf und das Bild, dass wir uns vom irdischen Dasein machen. Alles soll gesund und kraftvoll sein. Nichts soll dieses Bild in unseren Köpfen stören. Dieses Bild vom gesunden, schönen, jungen Körper vergisst, (lässt außeracht) dass alles vergeht, auch der kraftvollste Mensch.
 

Und nun leben wir schon eineinhalb Jahre mit dem Virus. Es erinnert uns an die Zerbrechlichkeit unseres Daseins und daran, dass Gesundsein und Jungbleiben nicht alles ist. Auch, wenn es ein hohes Gut ist. „Ich lerne in diesen verrückten Zeiten die Demut und die Dankbarkeit neu“ hörte ich kürzlich eine Schauspielerin sagen. Das immerhin hat das Virus geschafft. Dass Menschen sich neu besinnen auf das, was im Leben wirklich zählt, außer dem Wunsch nach Unversehrtheit.
 

Jeder Tag ist ein Geschenk. Er gibt uns die Möglichkeit, danach zu fragen: Wem verdanke ich mein Leben, egal, ob es in mir gerade düster oder hell aussieht? Was füllt mein Leben zurzeit aus?
Und: Wo erfahre ich die allumfassende Liebe, die uns trägt – auch in schweren Krankheiten, von denen wir nicht erlöst werden? Wo erkenne ich Gottes Spuren in meinem Leben? Gott ist da und zeigt uns den Weg ins Leben. Vertrauen wir seiner Liebe und hoffen – manchmal gegen die eigene Überzeugung - auf seine Wunder. Sie geschehen auch heute noch. So oder anders. Fest steht: Wir dürfen mit Gott rechnen in unserer Welt. Und irgendwann werden wir wieder tanzen, uns umarmen und das Leben feiern! Amen

Pastorin

Beate Lenz
Mödesser Weg 31
31224 Peine
Tel.: 05171 - 59 02 43