Gedanken zum Sonntag Trinitatis

Nachricht 07. Juni 2020

Predigt zu 4. Mose 6, 22-27

 

Liebe Schwestern und Brüder,

eine kleine Quizfrage: Welches ist der Bibeltext, den vermutlich wir alle in einem Gottesdienst am häufigsten gehört haben? Nun? Es ist das Vaterunser, das wir in der Fassung des Matthäusevangeliums nahezu in jedem Gottesdienst ja nicht nur hören, sondern auch selbst sprechen. Und was ist der am zweitmeisten gehörte Bibeltext in einem Gottesdienst? Der lautet: „Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“ (4. Mose 6, 24-26) Das ist der sogenannte priesterliche Segen, der aaronitische Segen, benannt nach dem Priester Aaron, der Überlieferung nach der Bruder des Mose. Am Ende der allermeisten Gottesdienste erklingt dieser Segen; mit ihm werden die Menschen, die den Gottesdienst mitgefeiert haben, auf ihren Weg geschickt, in die vor ihnen liegende Zeit mit allem, was sie bringen mag. Am heutigen Sonntag „Trinitatis“ gehört der priesterliche Segen zum Predigttext, der insgesamt so lautet: „Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“ (4. Mose 6, 22-27)

     Dreimal heißt es in dem Segen „der HERR“, wofür im hebräischen Text der Gottesname steht. Dieses dreimalige „der HERR“ hat dazu geführt, dass dieser Segen am Trinitatissonntag, also am Dreieinigkeitssonntag zum Predigttext wurde. Denn im Bereich der christlichen Kirche wurde das dreimalige „der HERR“ als eine Widerspiegelung dessen gedeutet, dass Christen den einen Gott als Vater, Sohn und Heiligen Geist bekennen. Auf verschiedene Weise als Vater, Sohn und Heiliger Geist wirkt der eine Gott und kommt auf uns zu.

     Menschen verfügen nicht über Gott, sie können ihm nichts vorschreiben und befehlen, darum können sie den Segen auch immer nur als einen Wunsch, in der Möglichkeitsform formulieren. Aber Gott macht daraus Wirklichkeit. Wir können wünschen, dass Gott sein Angesicht leuchten lasse, er lässt es leuchten. Das ist sein Wille. Er strahlt uns an, wie jemand, der uns mit einem strahlenden Gesicht anblickt, und schon fühlt man sich besser und gut. Ob man den Segen trinitarisch deutet oder nicht, in jedem Fall sagt er uns zu, dass Gott uns zugeneigt ist. Das soll man wieder und wieder und wieder den Menschen zusprechen. Zu segnen steht nicht im Belieben der Priester; es ist ihr Auftrag, geradezu ihre Pflicht, ein Gebot Gottes, mit dem Predigttext gesprochen: „Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“ (4. Mose 6, 27)[1] Zweierlei kommt zum Ausdruck: Zum einen das gerade schon Gesagte: segnen ist ein Gebot Gottes, zum anderen: Ein Mensch spricht den Segen, aber der Segnende ist Gott selbst, „dass ich sie segne“.[2] Gott selbst ermöglicht und schenkt es, dass das Leben in ganz umfassenden Sinn gedeihen, wachsen und blühen kann, einschließlich unseres eigenen Lebens. Im Segen spricht Gott solche Kraft uns zu und lässt sie auf uns überfließen.

     Zum Segen gehören sprechende Gesten. Da sind die erhobenen, ausgebreiteten Arme dessen, der den Segen spricht. Ich erlebe sie, als wenn Gott zum einen sagt: Kommt alle, egal, wie es um euch steht, ob ihr traurig oder glücklich seid, in meine Arme! Versteht euch als umarmt! Und zum anderen: Wenn ihr euch dann umdreht und euch auf den Weg macht, dann als solche, die meine Rückendeckung und meine Rückenstärkung haben. Zu den erhobenen und ausgebreiteten Armen beim Segen kommen noch gespreizte Hände hinzu. Sie sind ein Zeichen, dass gewissermaßen Gott durch die Finger des segnenden Priesters blickt, der behütende und gnädige Gott.[3] Er strahlt da hindurch, lässt sein Angesicht leuchten, bringt Licht selbst in die größte Finsternis und vertreibt sie. Und wenn Christen beim Segen noch das Zeichen des Kreuzes setzen, dann wird an die Geschichte Jesu erinnert, mit der Gott unterstreicht, dass ihm kein Preis zu hoch ist, um seine Liebe zu zeigen, die sich als eine ewige, selbst aus dem Tod befreiende Liebe erweist.

     Ausgräber entdeckten in Jerusalem zwei kleine Silberrollen aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Auf ihnen war in althebräischen Buchstaben der priesterliche Segen eingeritzt. Diese beiden Silberrollen sind „das bisher älteste Zeugnis mit einem biblischen Text“.[4]

     In der hebräischen Fassung der drei Teile des Segens gibt es eine Steigerung: der erste Teil besteht aus drei, der zweite aus fünf, der dritte aus sieben Wörtern. Die Fülle nimmt gewissermaßen zu.[5] Eine Deutung versteht das so: beim ersten Teil geht es um die Segnung mit materiellen Gaben, beim zweiten um die Segnung mit geistigen Gaben, beim dritten um die Segnung mit dem größten, höchsten, wichtigsten Gut, das alles umfasst: „und gebe uns Frieden.“[6] Schalom steht für Frieden im hebräischen Text, was umfassendes Heilsein bedeutet, „`Glückseligkeit´“ sagte auch einmal jemand.[7] Auf den Schalom, den Frieden läuft alles zu. Er hat, noch bekräftigt durch Amen, also: So sei es!, auch das letzte Wort in einem Gottesdienst. Von Gott gesegnete Menschen machen sich auf den Weg der „Schalomisierung des ganzen Lebens“.[8] Was auch immer ihnen von Gott ermöglicht und geschenkt ist, sie setzen es ein, damit, so gut wie es jetzt schon geht und machbar ist, der Gut- und Heilwerdung des Lebens gedient wird. Man selbst, die Mitmenschen, die Welt soll Schalom, Frieden finden, erleben, genießen. Dazu stärkt und bewegt uns Gottes Segen.

     Als der priesterliche Segen der biblischen Überlieferung nach zum ersten Mal gesprochen wurde, befand sich Israel noch in der Wüste auf dem Weg aus der Unterdrückung in Ägypten Richtung gelobtes Land. Der Segen sagt zu: Mögen Wegabschnitte auch manchmal rätselhaft und beschwerlich sein, sie haben doch gutes Ziel. Es kommt zum Frieden, zur Heil- und Gutwerdung des Lebens immer wieder schon jetzt auf unseren irdischen Wegen und zum Schluss vollendet in Ewigkeit. Denn es segnet uns Gott. Er strahlt uns an als der, der uns zugeneigt ist und liebhat ohne Ende. Amen.    

        

Bleiben Sie behütet und gesund!

Ihr Superintendent Volker Menke

 

 

[1] Zum Segen als Gebot Gottes s. G.K. Hasselhoff, in: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe 2. Plus. Berlin 2019, S. 257f.

[2] s. a.a.O., S. 258, sowie R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen, Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 95.

[3] s. G.K. Hasselhoff, a.a.O., S. 258; R. Gradwohl, a.a.O., S.86.

[4] R. Gradwohl, a.a.O., S. 89.

[5] Ebd.

[6] s. Ders., a.a.O., S. 94.

[7] M. Mendelssohn, zitiert von R. Gradwohl, a.a.O., S. 93.

[8] J.C. Hoekendijk, zitiert von F. Mußner, Traktat über die Juden, München 1979, S. 384. 

Superintendent

Dr. Volker Menke
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