Gründonnerstag

Nachricht 09. April 2020
Foto: privat

von Pastorin Beate Lenz

Heute ist Gründonnerstag. Wir erinnern uns: Jesus hat sich da zum letzten Mal mit seinen Freunden getroffen. Ein Abschied mitten in der Passionsgeschichte, bevor sie ihn gefangen genommen haben. Jesus und seine Jünger sitzen an einem Tisch. Und wir sind mitten in unserer Passionsgeschichte. Im Leiden dieser Welt, in der Bedrohung durch das Virus, mit der Hoffnung auf Leben, auf ewiges Leben. Auch wir sitzen an einem Tisch. An seinem Tisch. Der Tisch ist gedeckt. Brot und Wein, Käse und Gemüse, Salz. So ähnlich war das vor 2000 Jahren bei Jesus und seinen Jüngern. Sie feierten zu-sammen das Passahfest. Sie erinnerten sich an die Nacht in Ägypten, als Israel aus seiner Gefangenschaft auszog. Jesus war ein Mensch wie wir. Er hatte viel erlebt. Er hat sich eingesetzt für die Kranken, für die Kinder, für Leute mit schlechtem Ruf. Auch wir haben uns in den letzten Tagen eingesetzt für andere, auf vieles verzichtet. Und wir haben viel Zuwendung bekommen. Das ist Grund zum Danken und zum Weiterbeten.

Predigtgedanken: Aufbruch zur Gemeinschaft

Passah. Das wichtigste Fest für die Israeliten. Doch sie sind in Eile. Die Befreiung aus der Gefangenschaft in Ägypten steht unmittelbar bevor. Da rückt das Volk enger zusammen in seinen Häusern. Sie suchen Schutz im Dunkel mit wenigen Vertrauten, die sie kennen. Die Kreatur seufzt und zittert. Manches kommt uns bekannt vor: Das Gefühl von Bedrohung, die Gegenwart des Todes, das Weinen und das Zusammenrücken. Eine Geschichte wie gemacht für die Passionszeit im Jahr 2020. Es ist eine Nacht der offenen Fragen, eine Nacht, in der auch der Glaube an Gott an seine Grenzen kommt, weil Gott selbst Grenzen überschreitet. Manchen lässt das erschauern. Können wir ernsthaft an einen Gott glauben, der die Einen grausam richtet und die Anderen rettet? In Zeiten einer umherschleichenden Seuche, in der alle Grenzen von Freund und Feind zerfließen, sind solche Gedanken plötzlich nicht mehr ferne. Aber mal ehrlich: Jeden und jede kann es treffen. Es wäre doch viel zu einfach, ja brutal, die Überlebenden als die Guten und die Infizierten als die Bösen anzuschauen, die Gott straft. Corona als Strafe Gottes…? Das kann und will ich nicht denken. Und Gott schweigt nicht. Gott lässt sich hören. In allem Schweren und nicht Verstehbaren dieser Tage ist das eine gute Nachricht. Gott sagt zu seinen Leuten: Das tut. Daran erinnert euch. Ihr sollt feiern und essen. Und aufbrechen! In 2. Mose 12 wird – trotz aller Schatten - eine Rettungs- und Befreiungsgeschichte erzählt, wie Israel aus der Knechtschaft geführt wurde. Aus einer Zeit, in der Unterdrückung, Schläge und Tod an der Tagesordnung waren. Eltern und Kinder sollen diese Erfahrung miteinander teilen und sie gemeinsam hören. Sie sollen sich sagen: Hört, damals in Ägypten war das so. Da standen wir fertig angezogen um den Tisch, bereit zum Aufbruch. Es war gefährlich, lebensgefährlich. Aber Gott war da und hat uns begleitet. Er hat uns herausgeführt aus der Knechtschaft in die Freiheit. Wenn ich das höre, wage ich den Blick zu uns: Ich bin sicher. Gott steht auch heute bei uns. An unseren Betten ist er, auf den Intensivstationen, in der Einsamkeit der Wohnungen. Mit seinen Worten sitzt er unter uns am Tisch und spricht zu uns: Ich bin euer Gott, ich führe euch heraus durch das Dunkel ins Licht. Erzählen wir einander beim Essen und Trinken, was wir miteinander, mit Gott erlebt haben. Teilen wir Geschichten vom Essen und Trinken. Vielleicht sind es Geschichten von letzten Mahlzeiten. Von Abschieden. Oder erzählen wir uns biblische Geschichte neu, in denen Jesus mit Leuten gegessen hat. Ihr werdet merken: Das macht Mut. Das verbindet uns. Nirgendwo werden Brücken so schnell gebaut wie beim gemeinsamen Essen. Wir tun das heute nur mit wenigen Leuten, vielleicht sogar ganz allein. Und trotzdem ist Gott dabei. Trotzdem ist unser Geist weit für Erinnerungen: „Wisst ihr noch?“ Und in der Erinnerung wird unsere Seele frei für das, was kommt. Wir fangen an, uns wie verrückt zu freuen, wenn wir endlich wieder im großen Kreis essen und feiern können. Ja, Gott ist groß, er wird bei uns sein. Nein, er ist es schon. Auch jetzt, heute Nacht.

Amen.