Gedanken zum Sonntag Estomihi

Nachricht 27. Februar 2022

Predigt zu Mk 8,31-38

Liebe Gemeinde,

wir hören Nachrichten über Tote und Verletzte, wir sehen Bilder von Zerstörung und Flüchtlingsströmen, erahnen das Leid der Betroffenen. Wir hören die Stimmen der Menschen, die sich um Angehörige und Freunde sorgen. Das alles beschäftigt uns sehr, macht uns traurig, ängstlich und wütend zugleich. Wie konnte es soweit kommen und vor allem, wie wird es weitergehen? Unsicherheit und Angst machen sich auch unter uns breit. Der Krieg ist nahegekommen, so nahe wie schon lange nicht mehr. Krieg in Europa. Ein Gefühl der Ohnmacht macht sich breit. Was können wir tun?

 

Vor dem Hintergrund dieser Situation haben wir das Evangelium des heutigen Sonntag gehört, in welchem Jesus den baldigen Beginn der Passionszeit ankündigt. Jesus bereitet seine Jünger darauf vor, was ihm bevorsteht, wenn sie jetzt nach Jerusalem gehen werden. „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“

In der Passionszeit erinnern wir an das Leiden und Sterben Jesu Christi. Schon für die ersten Jünger Jesu war seine Ankündigung, dass er sterben wird, ein Stein des Anstoßes. Wir haben gehört, wie Petrus das nicht wahrhaben will und versucht, es Jesus auszureden. Er spricht als Wortführer aus, was die meisten anderen sich wohl nur im Stillen denken: Der Messias, der Sohn Gottes, kann doch nicht sterben! Das geht nicht, das darf nicht sein, das darf er nicht so einfach hinnehmen. Aber Jesus bleibt unbeirrt. Richtig scharf weist er Petrus, den ersten unter den Aposteln, den Fels in der Brandung, zurecht. Er nennt ihn Satan und wirft ihm vor, mit menschlichen Maßstäben zu messen – und nicht auf Gott zu hören.

Ich muss sagen, ich kann Petrus gut verstehen. Das Leiden, die Passion, ja bereits die Ankündigung des Passionsweges ist zunächst einmal eine Zumutung für unseren Verstand und unseren Glauben. Jesus aber stellt sein Leiden und Sterben in einen größeren Zusammenhang. Es ist ein göttliches Muss, von dem Jesus spricht. Jesus muss leiden, denn Gott, sein Vater, will es so. Das ist nur schwer zu verstehen. Gott, den wir als liebenden Vater kennen und ansprechen, hat seinem Sohn den Tod vorherbestimmt?

Aber vielleicht müssen wir uns eben, wenn wir so fragen und zweifeln, Jesu Schelte an Petrus anziehen: Auch wir denken in menschlichen und nicht in göttlichen Maßstäben. Deshalb müssen wir den Blickwinkel wechseln. Müssen versuchen, uns die Ereignisse mit den Augen Gottes anzusehen. Wir hören in der Leidensankündigung, dass Jesu Weg nicht mit dem Tod endet, sondern mit der Auferstehung. Jesus lebt. Gott hat ihm neues Leben geschenkt. Das hat deutlich spürbare Konsequenzen für uns: Jesus schenkt uns Frieden mit Gott, er versöhnt uns mit ihm. Er überwindet das, was uns von Gott trennt. Und Jesus ist bei uns, wenn wir leiden. Er nimmt uns an die Hand, wenn wir durch eine finstere Zeit gehen müssen. In unserem heutigen Predigttext geht es nicht nur um Jesu Ankündigung seiner Passion, sondern auch um die Nachfolge. Denn wer das Heil Gottes aus der Hand Jesu empfangen will, ist aufgefordert, ihm nachzufolgen.

Nachfolge Jesu – dieses große Wort geht zurück auf die biblischen Erzählungen, in denen Jesus seine ersten Jünger beruft. „Folge mir nach“ oder auch nur „mir nach“ heißt es da. Die so Herausgerufenen folgen ihm nicht nur im übertragenen, sondern auch im wörtlichen Sinn, erleben, was Jesus sagt und tut, und verbreiten auch selbst Jesu Botschaft. In ihrem Handeln gehen sie auf Jesu Wegen: Das betrifft die Solidarität mit den gesellschaftlich Ausgegrenzten, zu denen zur damaligen Zeit z.B. die Aussätzigen, aber auch die Zöllner gehörten. Das betrifft aber auch die Vollmacht, zu heilen und Dämonen auszutreiben. Von den Jüngern wird erwartet, ihr bisheriges Leben ohne Wenn und Aber zurückzulassen und für die Verbreitung der Botschaft vom Reich Gottes bis in den Tod zu gehen.

Nach Jesu Auferstehung sind es zunächst die Jünger, die Jesu Botschaft von der heilbringenden Liebe Gottes weitertragen. Diesen Jüngern gelingt es, immer mehr Menschen für die Nachfolge Jesu und die Verbreitung der Frohen Botschaft zu gewinnen. Deshalb gibt es bis heute christliche Gemeinden, christliche Kirchen. Deshalb stehen auch wir als getaufte Christen in der Nachfolge Jesu.

In unserem heutigen Predigttext sind drastische Worte über die Bedingungen der Nachfolge zu hören: Wer nachfolgen will, der soll sein Kreuz auf sich nehmen, sich selbst verleugnen, sich nicht der Worte Jesu schämen. Und er muss seine auf irdisches Wohlergehen gerichteten Wünsche aufgeben: Was hilft es dem Menschen, fragt Jesus ganz unmissverständlich, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber das Leben in Gottes Gegenwart verliert?

Das macht deutlich: Wer in Jesu Nachfolge steht, dem wird etwas abverlangt. Es geht um das klare Bekenntnis zu Jesus und seiner Botschaft.

Für die Angehörigen der ersten christlichen Gemeinden war das Risiko eines Martyriums groß, nicht wenige haben im Zuge der Christenverfolgungen den Tod erleiden müssen. Das müssen wir heute nicht mehr befürchten, jedenfalls nicht hier in unserem Land. Aber erleben wir es in unserer Gesellschaft nicht doch in zunehmendem Maße, wie unbarmherzig mit denen umgegangen wird, die eine von dem sogenannten Mainstream abweichende Meinung vertreten? Ist ein Eintreten für christliche Werte nicht anstrengend geworden?

Genau das ist jedoch der Auftrag für jeden, der auf Weg der Nachfolge Christi in dieser Welt lebt: in unsere Gesellschaft die christlichen Werte einzutragen und darin nicht müde zu werden, auch wenn es unbequem wird oder man gar Angriffen ausgesetzt ist. Es geht um Heilsein, Gerechtigkeit, Solidarität, Versöhnung und Frieden. Das sind große Worte. Und immer wieder stehen wir vor der Herausforderung, diese in der kleinen und großen Welt zur Geltung kommen zu lassen.

Jesus fragt auch uns: Wie ernst meinst du es mit der Nachfolge? Die Antwort kann nur jede und jeder für sich selbst geben. Einen objektiven Gradmesser gibt es nicht. Denn woran sollte man die Ernsthaftigkeit festmachen? An der Zahl der Stunden, während derer ich die Bibel lese, bete, Gottesdienste und Andachten besuche, ehrenamtlich Gruppen in der Gemeinde leite oder Termine wahrnehme, meine Familie in Ordnung halte, rechtschaffen bin? Das sind alles erst einmal nur Äußerlichkeiten. Letztlich geht es darum, mit dem Herzen voll und ganz dabei zu sein und das Bekenntnis zu Jesus nicht zu vernachlässigen.

Ich kann mir Mühe geben, mit Ernst Christin oder Christ zu sein. Aber ob mir das gelingt, ist nicht garantiert. Deshalb ist es so tröstlich, dass Jesus in unserem heutigen Predigttext zwar Petrus zunächst scharf zurechtweist, aber ihn dabei gleichzeitig ausdrücklich noch einmal in seine Nachfolge ruft: „Mir nach“. Jesus gibt Petrus wieder Halt. Und diesen Halt gibt er auch uns:

Denn ein Leben in Gottes Gegenwart, wie Jesus es von uns fordert, ist ein Leben, in dem ich gewiss sein kann, dass ich von Gott geliebt werde. Mit all meinen menschlichen Schwächen und selbst dann, wenn ich Fehler mache. Das glauben zu können, gibt Kraft und Gelassenheit. Wer von Gottes Liebe weiß und sie spürt, wird zu einem Menschen, der selbst lieben und der Mitleid empfinden kann. Und das spornt an und macht stark, selbst Gutes zu tun. Getragen von der Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles vorbei sein wird, sondern dass Gott mich zu sich nimmt und ich bei ihm lebe in Ewigkeit.

 

Und in diesem Leben in Gottes Gegenwart sehen wir die Bilder vom Krieg in der Ukraine, hören wir verzweifelte Stimmen. Wir fühlen uns hilf- und machtlos, weil wir erst einmal nur zusehen können. Und doch ist der christliche Glaube eine Lebensgrundlage, die christliche Gemeinde ein Ort, in dem auch die eigenen Ängste Raum haben. In dem ich fragen kann, wohin das alles bloß führen wird. Und in dem wir uns im Gebet an Gott wenden und gemeinsam für den Frieden einstehen können. Die Friedengebete und Friedensandachten, die in vielen Gemeinden stattgefunden haben und auch weiterhin stattfinden werden, mögen dabei ein erster Schritt sein.

Versuchen wir, nicht müde zu werden, sondern uns immer wieder Jesu Ruf zu vergegenwärtigen: „Mir nach!“.

Amen

Pastorin

Dr. Heidrun Gunkel
Luisenstraße 11
31224 Peine