Gedanken zum Erntedankfest

Nachricht 04. Oktober 2020

Liebe Schwestern und Brüder,

„Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack“ - ich denke, manche von Ihnen und Euch kennen dieses Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm. Märchen sind ja alles andere als unwahre Geschichten. Mag sein, dass sich die Dinge nicht wortwörtlich so zugetragen haben, wie es in ihnen berichtet wird, und doch erzählen sie Wahrheit. Sie erzählen von unseren Wünschen, unseren Träumen, unserer Sehnsucht, unserer Hoffnung. Nicht zuletzt von der Hoffnung: am Ende wird alles gut. Am Ende ist alles bestens. Auch „Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack“ beinhaltet diesen tiefen Sinn von Märchen. Wer hätte nicht gerne „einen Knüppel aus dem Sack“, also ein Instrument, um sich alle, die einem übel wollen, vom Leib zu halten; jeder Angreifer würde besiegt. Wer hätte nicht gerne einen Goldesel, aus dem es vorne und hinten Goldstücke herausregnet, sobald man ihm nur eine Decke unterlegt und das Wörtlein „Bricklebrit“ sagt; alle Geldsorgen und Geldnöte wären weg, die Frage, wie man über die Runden kommen kann, hätte sich erledigt. Ja, und dann ein gedeckter Tisch mit Speisen, genug zu essen und zu trinken, sobald man spricht „Tischchen deck dich“. Mir ist aufgefallen, dass im Märchen der Besitzer des Tischchens das nicht nur für sich selbst sagt, sondern auch andere zum Mahl einlädt. Es ist genug für alle da, jede, jeder wird satt. Märchen erzählen von unserem Lebensdurst, unserem Lebenshunger. Und auch die Bibel hat ihn im Blick und will ihn stillen. Auch der Predigttext für den diesjährigen Erntedanktag aus dem Markusevangelium bringt das zum Ausdruck. Seine Überschrift: „Die Speisung der Viertausend“.

     Im Markusevangelium ist das die Wiederholung einer Geschichte, die zwei Kapitel vorher in gewisser Weise schon einmal erzählt wurde. Vielleicht eine Widerspiegelung dessen, wie grundlegend wichtig es ist, dass Menschen genug zum Essen haben und satt werden. Für uns heute hier in Peine, in unserem Land ist das für die allermeisten eine Selbstverständlichkeit. Bei uns leiden, erkranken und sterben Menschen öfter wohl eher an einem Zuviel an Dingen, die dem Körper, aber vielleicht auch der Seele und dem Geist nicht guttun. Doch die Peiner Tafel und die anderen Tafeln im Lande sind ein Zeichen, dass es auch bei uns Menschen gibt, die es schwer haben, überhaupt „das täglich Brot“ sicherzustellen. In anderen Ländern ist es zum Teil noch schwieriger und Menschen leiden und sterben an Hunger.

     Aus einer Zeit, wo viele darum Sorge tragen mussten, für jeden Tag genug zu essen, genug zum Leben zu haben, stammt auch der Predigttext. Viele, viele Menschen, viertausend werden als Zahl genannt, hatten sich auf den Weg zu Jesus gemacht, um ihn zu hören, einige von weit weg. Und nun stand die Frage an: Wie den Weg zurück in die Dörfer und Städte, den Weg, der vor ihnen liegt, schaffen und bestehen? Jesus nimmt sich die Frage zu Herzen. Seinen Jüngern gegenüber bringt er das so zum Ausdruck: „Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Weg verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen.“ (Mk 8, 2f.) Viel kann man auf den ersten Blick, viel kann man dem Augenschein nach an dem Ort des Geschehens nicht zur Nahrung besorgen. Und so fragen die Jünger: „Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen?“ Von Jesus kommt der Hinweis, zu schauen, was da ist. Es ist nicht nichts. Immerhin sieben Brote und einige Fische, auch wenn damit die Aufgabe, die Menschen zu sättigen, ungleich größer zu sein scheint als die Möglichkeit, diese Aufgabe zu lösen. Ich entnehme der Geschichte, dass Jesus seinen Jüngern zu verstehen gibt: Lasst euch doch bitte von der Situation, dem Augenschein nicht entmutigen. Fangt doch erst einmal an, mit dem, was da, was gegeben, was vorhanden ist, teilt es aus, auch dann, auch wenn es wenig, zu wenig zu sein scheint, dann lasst uns sehen, was kommt, was geschieht. Als erstes in diesem Zusammenhang nimmt Jesus das Brot: „Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie“ (Mk 8, 6). Man kann sagen: Jesus spricht ein Tischgebet. Tun wir es auch bei unseren Mahlzeiten? Die Danksagung bringt zu Bewusstsein, dass unser Essen und Trinken, dass letztlich ja alles, was uns zum Leben ermöglicht und gegeben ist, keine Selbstverständlichkeit bedeutet, sondern Gabe, Geschenk, Gottes Geschenk ist für uns. Und darum ist eigentlich jedes Essen eine heilige, also eine mit Gott zusammenhängende, Handlung. Jeder Bissen eines Brotes, den wir vielleicht gedankenlos essen, vielleicht sogar eilig herunterschlingen, jeder Bissen eines Brotes ist eigentlich ein Schmecken der Güte Gottes. Auch mit jedem Bissen eines Brotes nährt, stärkt uns Gott, meint es gut mit uns, verhilft uns Gott zum Leben. Und es gibt viele, viele, viele Zeichen der Güte Gottes. Sie sind ein Gegengewicht, eine Gegenbewegung zu den Erfahrungen in unserem Leben, die man, mit einem Wort aus dem Predigttext gesprochen, als „Einöde“ bezeichnen könnte. Die „Einöde“ spricht nicht, spricht nie das letzte Wort. Als das Brot und dann auch die Fische mit Dank an Gott ausgeteilt waren, heißt es: „Und sie aßen und alle wurden satt.“ (Mk 8, 8) Es ist genug zum Leben da für alle; und das wird erfahrbar, wenn man denn anfängt, alles, was gegeben ist, als Gottes Geschenk für uns alle zu verstehen und mit anderen zu teilen. Es ist genug da an Brot und jedweder Stärkung für den Weg vor uns, für den Weg durchs Leben, um nicht auf dem Weg zu verschmachten, sondern voranzukommen und das Ziel zu erreichen. Gott ist ein Gott, der das Leben ermöglicht und Lebensfülle schenkt. Da bleibt ja am Ende noch mehr, noch Größeres übrig als das, was für die Stärkung, die Sättigung für den irdischen Weg nötig war. Man kommt noch weiter als zum irdischen Zuhause. Am Ende wurden die Brocken eingesammelt, und es waren „sieben Körbe voll“ (Mk 8, 8). Ich denke, das ist auch ein Bild für paradiesische Lebensfülle; ein Bild dafür, dass Gott nicht nur das an sich schon großartige irdische Leben schenkt und alles zur Verfügung stellt, damit wir auf unserem Weg hier gestärkt werden, sondern dass sogar noch Größeres kommt, das himmlische, das ewige Zuhause als dem schlussendlichen Ziel aller unserer Wege. „Und er [Jesus] ließ sie gehen“ (Mk 8, 9), so heißt es am Ende des Predigttextes. Menschen ziehen los mit der durch Jesus vermittelten Erfahrung: Gott stärkt sie, lässt aufstehen und gehen schon hier und jetzt, er führt aus der Einöde heraus, er führt in die Lebensfülle. Amen.      

 

Superintendent

Dr. Volker Menke
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