Gedanken zum Ewigkeitssonntag

Nachricht 22. November 2020

Liebe Gemeinde,

der Mensch ist ein Hoffnungswesen. Das können wir jeden Tag im Großen und Kleinen erleben, auch an uns selbst. Im Kleinen: Wenn wir Hunger haben, was hoffen wir? Dass es etwas gibt, das uns nährt und stärkt. Wenn wir Durst haben, was hoffen wir? Dass es etwas gibt, das unseren Durst löscht. Oder im Großen angesichts von „Corona“, was hofft die ganze Welt? Dass eine Impfung und wirksame Medikamente gefunden werden, die uns zu einem weniger bedrohten Leben, zu mehr „Normalität“ zurückführen, als es zurzeit der Fall ist. Wenn irgendeine Krankheit uns zu schaffen macht, was hoffen wir? Dass ein Arzt, eine Arznei, eine Operation uns helfen kann. Und wenn ein Mensch stirbt – was hoffen wir dann? Hoffen Sie etwas? Was hoffen wir für unsere gestorbenen Verwandten, Freunde, Bekannten? Was hoffen wir für uns selbst angesichts irdischer Vergänglichkeit?

     Der Mensch ist ein Hoffnungswesen. Darum ist auch die Redensart entstanden, die sagt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Immer wieder kann man diesen Satz hören. Hoffnung entspringt der Differenz, dem Unterschied, dass die Welt, das Leben öfter nicht so ist und aussieht, wie es sein und aussehen könnte. Und Hoffnung hat dabei eine bestimmte Blick- und Bewegungsrichtung, nämlich, dass eine Situation besser wird, als sie im Augenblick ist. Es wird wieder gut, es kommt wieder zurecht, es wir wieder heil – so hoffen wir. Wenn uns etwas bedrängt und zusetzt, wir hoffen auf die Überwindung dessen, was uns zu schaffen macht.

     Wenn ich den Satz höre „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, dann ändere ich ihn ab, weil Christen noch etwas anderes sagen können, und zwar: „Die Hoffnung stirbt nie, sondern sie findet Erfüllung.“ Das gehört ja zu ihrem Wesen, dass am Ende zur Erfüllung kommt, was wir hoffen. Der Hunger ist vorbei, der Durst gelöscht, die gesundheitliche Bedrohung überwunden, Streit und Krieg abgelöst durch Frieden. Und beim Tod – was kommt nach ihm? Jene Redenswendung von der Hoffnung, die zuletzt stirbt, legt ja nahe, dass eben mit dem Tod auch die Hoffnung schlussendlich untergeht. Wie angedeutet: Zumindest Christen sehen das anders. All das, was wir hoffen zur Stillung von Bedürfnissen und zur Überwindung eines unguten Zustandes, kann auch, soll auch Erfüllung finden. Diese Bewegungsrichtung scheint Gott unserem Leben eingepflanzt zu haben. Und er sorgt auch dafür, dass die Hoffnung „Es wird wieder gut. Alles wird gut“ nicht am Tod zerschellt. Sondern auch diese letzte große Herausforderung wird gemeistert. Aller Lebenshunger, aller Lebensdurst wird gestillt. Der für heute vorgesehene Predigttext aus der Offenbarung des Johannes drückt das so aus: „Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen … Siehe,“ so spricht Gott, „ich mache alles neu!“ (Offb. 21, 4.5) Am Ende ist die Differenz zwischen dem, wie das Leben auch bei all seiner Schönheit immer wieder ist, nämlich gefährdet, bedrängt, bedroht, zerbrechlich, und wie es sein könnte, durch das Heilwerden und Heilsein überwunden.

     Man kann das irdische Leben unter zwei Perspektiven betrachten: Die eine: Jeder Tag schneidet ein Stück mehr vom Leben ab; der Lebensfaden wird kürzer und kürzer. Die andere: Jeden Tag kommt Gott uns ein Stück näher und damit die vollkommene Heilwerdung unseres Lebens, die Verwandlung unseres Lebens von seiner irdischen Gestalt in seine himmlische, ewige Gestalt. Der Seher Johannes verwendet dafür das Bild vom neuen Jerusalem. „Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.“ (Offb. 21, 2) Ein anderes Bild spricht dann von der „Hütte Gottes bei den Menschen“ (Offb. 21, 3). Wörtlich heißt es: das „Zelt Gottes“, was darauf hinweist, dass die ewige, die himmlische Welt nichts Statisches ist, sondern Leben in Bewegung mit vielfältigen Möglichkeiten. Ganz bestimmt ist der Himmel, der uns jetzt umfängt und näher und näher kommt, bis wir ganz und gar in ihn eingetaucht sind, nicht langweilig. Er ist eine andere Dimension, eine andere Größenordnung des Lebens.

     Immer wieder stoße ich auf Traueranzeigen, bei denen ich empfinde, dass der gestorbene Mensch doch eigentlich gar nicht tot ist, sondern gewissermaßen die Traueranzeige selbst lesen kann und liest. Wie könnte man sonst zum Beispiel schreiben: „Wir vermissen dich“ oder „Du bist immer in unseren Herzen“. Und ich denke: auch an unseren Gräbern sprechen wir doch öfter mit den Menschen, die gestorben sind, richten Gedanken und Worte an sie, und bringen so zum Ausdruck: Sie sind von hier gegangen, aber doch da, und zwar lebendig in einer anderen Dimension des Daseins.

     Zumindest Christen geben keinen Menschen an den Tod verloren. Wir hoffen das Beste,

wir hoffen, dass der Gott, der sich in Christus zeigt und sich uns zuwendet, all unsere Sehnsucht zu leben, durch den Tod hindurch und über ihn hinaus auch in Ewigkeit vollendet. Wir sind von ihm gehalten und getragen diesseits und jenseits des Todes. Und schon hier und jetzt, in diesem irdischen Leben wollen wir zeigen, dass wir zu Gott, dem „Liebhaber des Lebens“ (Wsh. 11, 26), gehören; der Himmel auf Erden soll schon jetzt möglichst große Kreise ziehen durch das, was wir auf unserem irdischen Weg sprechen und tun, auf dem Weg, der einmündet in das Leben der himmlischen Welt, mit der Gott auf uns zukommt. Amen.      

Superintendent

Dr. Volker Menke
Luisenstr. 15
31224 Peine
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